Hydroxychloroquin wird zur Behandlung von rheumatoider Arthritis und Malaria eingesetzt. Kurzzeitig wurde der Arzneistoff massiv für die Behandlung von Covid-19 gepusht.
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Welche Folgen vorschnelle medizinische Empfehlungen haben können, zeigt eine neue Studie. Am 19. März erwähnte US-Präsident Donald Trump die Malariamedikamente Chloroquin und Hydroxychloroquin erstmals in einer Pressekonferenz im Weißen Haus. "Ich denke, das könnte etwas Unglaubliches sein", sagte Trump, und meinte die potenzielle Wirksamkeit dieser Mittel gegen Covid-19. Kurz zuvor hatte auch schon der Unternehmer Elon Musk auf die Medikamente hingewiesen. Medien griffen das Thema auf, allen voran der Nachrichtensender "Fox News" berichtete häufig und prominent über die Medikamente.

Wissenschaftliche Warnungen folgten prompt: Die Wirksamkeit sei keineswegs erwiesen, die Einnahme dieser Medikamente nach Infektionen mit Sars-CoV-2 berge gesundheitliche Risiken, sagte etwa der oberste US-Virologe Anthony Fauci. Er halte sie für keine vielversprechende Covid-19-Therapien. Doch Trump blieb dabei, die Medikamente öffentlich als Heilmittel anzupreisen. Man habe nicht die Zeit, um jahrelang irgendwelche Tests durchzuführen, meinte der Präsident, und riet Covid-19-Erkrankten: "Was haben Sie zu verlieren? Nehmen Sie es."

Explodierende Nachfrage

Inzwischen ist auch im Weißen Haus Ernüchterung eingekehrt, Tests an erkrankten US-Soldaten zeigten keine positiven Effekte von Behandlungen mit Hydroxychloroquin- und Chloroquin. Im Gegenteil, es gab sogar Hinweise auf negative Folgen. Doch wie hatten sich die vorschnellen und prominenten Empfehlungen bis dahin schon auf die Öffentlichkeit ausgewirkt? Forscher haben nun untersucht, wie sich die Nachfrage nach den Malariamedikamenten im Internet entwickelte.

Wie sie im Fachjournal "Jama Internal Medicine" berichten, explodierten die Suchanfragen zum Kauf der Mittel regelrecht. "Wir wollten wissen, wie viele Leute diese Medikamente erwerben wollten, nicht nur, wie viele sich darüber informierten", sagt John Ayers von der University of California, San Diego, Ko-Autor der Studie. Ayers und Kollegen nutzten Daten der Suchmaschine Google und werteten aus, wie häufig Anfragen nach Chloroquin oder Hydroxychloroquin getätigt und mit "kaufen", "bestellen" oder den Namen großer Onlinehändler und Apotheken kombiniert wurden.

Der US-Präsident empfahl Covid-19-Patienten, Hydroxychloroquin auch ohne klinische Studien einzunehmen. Sein Lieblingssender "Fox News" erwähnte das Arzneimittel zwischen 23. März und 6. April fast 300 Mal, wie die Non-Profit-Organisation Media Matters eruierte.
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Warnung der Arzneimittelbehörde

Das Ergebnis: Nach den ersten öffentlichen Erwähnungen durch Musk und Trump stiegen die Kaufanfragen nach Chloroquin um 442 Prozent, nach Hydroxychloroquin gar um 1389 Prozent. Auch nach dem Bekanntwerden eines Todesfalls durch eine Chloroquin-Vergiftung am 23. März im US-Bundesstaat Arizona blieb die Nachfrage hoch. Die Forscher schätzen, dass binnen 14 Tagen nach Trumps Empfehlung mehr als 200.000 Suchanfragen zum Kauf der Medikamente eingingen.

"Musks und Trumps Äußerungen sind höchst bedenklich", sagt Studienautor Michael Liu (Uni Oxford). "Die Behandlung wurde nicht klinisch überprüft, die Wirkstoffe haben potenziell tödliche Nebenwirkungen. Zudem sind Produkte mit Chloroquin, etwa Aquarienreiniger, ohne ärztliche Verschreibung erhältlich." Auch unter den beispiellosen Umständen der Corona-Krise müssten die Regeln der evidenzbasierten Medizin eingehalten werden.

Diesen Regeln folgend, hat die US-Arzneimittelbehörde FDA inzwischen eine Warnung vor Chloroquin und Hydroxychloroquin ausgesprochen. Unklar bleibt, warum sich Trump so vehement für die Medikamente eingesetzt hatte. Die "New York Times" spekulierte über mögliche finanzielle Interessen seines Umfelds, auch der President halte eine kleine Beteiligung an Sanofi, dem französischen Hersteller des Hydroxychloroquin-Medikaments Plaquenil. Andere Beobachter halten politische Interessen für plausibler: Trump wolle Hoffnung ausstrahlen, meinte etwa Joshua Rosenberg vom Brooklyn Hospital Center. Und vermutlich wollte er auch unter den ersten sein, die eine Lösung parat haben. (David Rennert, 30.4.2020)