Wolfgang Eder beschwert sich über den Auswahlprozess.

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Die Industriellenvereinigung (IV) gilt als mächtige und einflussreiche Organisation. Daran hat sich zwar nichts geändert, doch gerade in turbulenten Corona-Zeiten werden mehr Kapazitäten für Interna verwendet, als manchen Vertretern lieb ist. Grund für Diskussionen und zusehends interne Streitigkeiten ist die schwierige Nachfolge von Präsident Georg Kapsch. In der altehrwürdigen Zentrale am Wiener Schwarzenbergplatz spricht man hinter vorgehaltener Hand schon von einem Intrigantenstadel, der sich zu einer Zerreißprobe für die Organisation entwickeln könnte. Von einem Basar der Eitelkeiten ist die Rede, von alten Rivalitäten, die nun wieder aufbrechen.

Bereits seit einem Jahr zieht sich die Kür des Nachfolgers von Kapsch, der heuer nach zwei Funktionsperioden abritt. Vergangene Woche hätte man einen großen Schritt in Richtung Einigung machen sollen, doch das Gegenteil war der Fall. Am Mittwoch traten zwei der Favoriten zu Hearings an: Der Steirer Georg Knill und der Vorarlberger Martin Ohneberg. Der wohl profilierteste Anwärter fehlte: der am österreichischen wie am internationalen Parkett äußerst versierte langjährige Voest-Chef Wolfgang Eder.

Eder teilt aus

Er ist einigermaßen enerviert, weil es schon im Februar eine Weichenstellung in Richtung Knill gegeben hat. Daher wäre seine Teilnahme am Hearing vergangenen Mittwoch "wohl wenig sinnvoll" gewesen, wie er den 130 Mitgliedern des IV-Bundesvorstands am Donnerstag schriftlich mitteilte. Seinem Unmut über das bisherige Prozedere bei der Suche des künftigen Präsidenten verleiht Eder in dem Schreiben ebenso Ausdruck wie dem Aufrechterhalten seiner Kandidatur.

Georg Kapsch tritt heuer als IV-Chef ab.
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Der Oberösterreicher dürfte sich ausgebootet vorkommen. Der Jurist hat Anfang April angeboten, seine Überlegungen für den angestrebten Vorsitz der Industriellenvereinigung im Bundesvorstand der Organisation vorzutragen, wurde von der eingesetzten Wahlkommission aber nicht gehört. "Diesem Vorschlag ist die Kommission nicht nähergetreten, sondern hat auf einem formalen Hearing-Termin am 22. April bestanden", schreibt Eder weiter. Das ließ er sich nicht bieten, weil die Präferenzen des Gremiums für Knill schon seit Februar medial die Runde machten.

"Vollendete Tatsachen"

Eders Kritik: Wären im Februar alle Kandidaten zur Anhörung eingeladen worden, hätten "gleiche Voraussetzungen für alle bestanden". Unmissverständliche Nachsatz: "So jedenfalls waren aus meiner Sicht schon ab diesem Zeitpunkt weitgehend vollendete Tatsachen geschaffen." Der 68-Jährige will sein Schreiben nicht als "Revanchismus" verstanden wissen, sondern als Ausdruck seiner Sorge um die Transparenz und Strukturen und Abläufe in der IV, wie er betont.

Das sind gemessen am sonst eher konzilianten Ton unter den Industriegranden scharfe Worte, und sie richten sich in erster Linie an die Wahlkommission unter Vorsitz von Burgenlands IV-Chef Manfred Gerger, der als dienstältester Landespräsident den Vorsitz in dem Gremium innehat. Doch dass der Organisation der Auswahlprozess "völlig entglitten" sei, wie es ein Wiener Funktionär ausdrückt, ist nicht nur Eders Meinung.

Zeit drängt

Nun bleibt nicht mehr allzu viel Zeit, um die Wogen zu glätten. Bis 21. Mai Läuft die Frist für die Nominierung der Kandidaten, am 18. Juni soll der Vorstand die Entscheidung fällen. Alles läuft nun auf eine Kampfabstimmung der drei genannten Anwärter hinaus, wenn nicht noch ein Kompromisskandidat aus dem Hut gezaubert werden sollte. Hier sei angesichts der aufgeheizten Stimmung alles möglich, meint ein Insider.

Für die Industriellenvereinigung stellt die Auseinandersetzung eine ziemliche Belastungsprobe dar, steht doch mit Oberösterreich das Herz der Industrienation hinter Eder. Doch eben Dominanz und Machtanspruch ob der Enns sind es auch, die in anderen Bundesländern eine gewisse Aversion auslösen.

Georg Knill wird derzeit favorisiert.
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So gibt es unter den mehr als 4.000 IV-Mitgliedern starke Strömungen, die gegen Eder opponieren und im Wesentlichen zwei Argumente vorbringen: Viele wünschen sich einen Unternehmer wie derzeit noch Kapsch und keinen Manager an der Spitze der Industriellenvereinigung. Und mit 68 Jahren sei Eder im Unterschied zu Knill und Ohneberg auch nicht gerade ein Signal für einen Generationenwechsel, wie ihn beispielsweise Arbeiterkammer und Wirtschaftskammer vollzogen haben.

Die Herausforderer

Knill, Gesellschafter des gleichnamigen Komponentenherstellers für Energie- und Kommunikationsinfrastruktur sowie Präsident der steirischen IV, bleibt somit vorerst in der Favoritenrolle und hat zudem die Unterstützung von Amtsinhaber Kapsch. Ohneberg wäre zwar für viele Unternehmer ein stärkeres Signal in Richtung Erneuerung und soll mindestens so große Unterstützung haben wie Knill, doch haftet dem Eigentümer des Autozulieferers Henn ein Makel an: Er wird in einem Verfahren gegen seinen Geschäftspartner Michael Tojner als Beschuldigter geführt, Ohneberg weist alle Vorwürfe zurück und soll die Einstellung beantragt haben.

Martin Ohneberg ist auch noch im Rennen.
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Frauen auf der langen Bank

Sollten die Ermittlungen rechtzeitig beendet werden, könnte Ohneberg Knill und Eder durchaus noch ausstechen, meint ein hochrangiges IV-Mitglied. Zudem dürften noch weitere Kandidaten ihre Chancen auslosten, beispielsweise Siemens-Österreich-Chef Wolfgang Hesoun, der bis dato hinter Eder steht.

Eine Chance wird die Vereinigung nach derzeitigem Stand nicht wahrnehmen: erstmals in ihrer 150-jährigen Geschichte eine Frau an ihre Spitze zu wählen. Dabei gäbe es mit der Salzburger Unternehmerin Karin Exner-Wöhrer durchaus eine Alternative. Auch Infineon-Managerin Sabine Herlitschka wäre in den Augen mancher Industrieller eine versierte und bestens vernetzte Kapsch-Nachfolgerin. Gut möglich, dass eine der beiden zumindest die Stellvertreterin des neuen Präsidenten wird. So man sich auf einen einigen kann. (Andreas Schnauder, 1.5.2020)