Die Briten stören sich nicht allzusehr an den Ausgangsbeschränkungen.

Foto: REUTERS/Henry Nicholls

Während anderswo gegen den Lockdown demonstriert wird und längst detaillierte Lockerungspläne erörtert werden, halten die Briten mehrheitlich an den massiven Alltagsbeschränkungen fest. Umfragen vom Wochenende zufolge wollen mehr als zwei Drittel die Schulen auch weiterhin geschlossen halten, an die Öffnung von Restaurants, Pubs oder gar Konzerthallen sei schon gar nicht zu denken.

Das Vereinigte Königreich hat zwar den Höhepunkt der ersten Pandemiewelle hinter sich, meldet aber weiterhin täglich Hunderte von Covid-19-Toten. Zuletzt stieg die Gesamtzahl um 641 auf 28.131; auf die Bevölkerungszahl bezogen stehen Europa-weit nur Belgien, Spanien und Italien schlechter da. Durch massive Anstrengungen der Regierung von Premier Boris Johnson werden mittlerweile täglich bis zu 70.000 Menschen getestet. Allerdings klagt das Personal in Krankenhäusern und Alten- sowie Pflegeheimen weiterhin über Probleme bei der Versorgung mit Schutzkleidung und Masken.

84 Prozent gegen Puböffnungen

Womöglich trägt die Berichterstattung darüber zur zögerlichen Haltung der Bevölkerung gegenüber einer möglichen Lockerung der Beschränkungen bei, die seit sechs Wochen gelten. 80 Prozent äußerten sich in einer wöchentlichen Befragung der Statistikbehörde ONS besorgt über eine Änderung der derzeitigen Situation. Die Firma Opinium legte den Bürgern im Auftrag der Sonntagszeitung "Observer" mögliche Optionen vor. 67 Prozent sprachen sich gegen die Rückkehr der Kinder in die Schulen aus, mehr als drei Viertel hielten eine teilweise Öffnung von Restaurants oder Pubs für falsch, Sportveranstaltungen oder Popkonzerte stießen sogar bei 84 Prozent auf Ablehnung.

Die Ergebnisse scheinen den vorsichtigen Kurs des Regierungschefs zu bestätigen. Johnson war vergangene Woche nach Selbstisolation und Krankenhausaufenthalt, darunter drei Tage auf der Intensivstation, in den Dienst zurückgekehrt, hatte aber die Forderung der Opposition nach einem Zeitplan für die schrittweise Rückkehr zur Normalität abgelehnt. Er habe seine Infektion zunächst nicht ernst genommen, vertraute der 55-Jährige der "Sun on Sunday" an; am Ende hätten ihn "viele Liter Sauerstoff" gerettet. Seine behandelnden Ärzte ehrten der Gerettete und seine Verlobte Carrie Symonds, indem sie ihrem neugeborenen Sohn Wilfred Lawrie zusätzlich den Vornamen Nicholas gaben, den die beiden Direktoren der Zentral-Londoner St. Thomas-Klinik tragen.

Vor allem arme Bezirke betroffen

In der Hauptstadt nimmt die Zahl der Corona-Infizierten inzwischen stark ab; der Schwerpunkt der Epidemie hat sich in den englischen Nordosten verlagert. Neue ONS-Zahlen verdeutlichen, dass Sars-CoV-2 die Briten unterschiedlich stark heimsucht und dabei einem traditionellem Muster folgt: Während in den ärmsten Bezirken des Landes bisher 55 Bewohner pro 100.000 an Covid-19 verstarben, liegt der Wert in wohlhabenden Gegenden um mehr als die Hälfte niedriger (25). (Sebastian Borger aus London, 3.5.2020)