Der kamerunische Theoretiker Achille Mbembe mit seinem Standardwerk "Kritik der schwarzen Vernunft".

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Der Abgeordnete Lorenz Deutsch, im Zivilberuf Hochschuldozent für Altgermanistik, sitzt für die FDP im Landtag des deutschen Bundeslands Nordrhein-Westfalen. Wie er an die britische Zeitschrift Radical Philosophy gelangt ist, ist nicht bekannt, aber es steht fest, dass er vor einer Weile zumindest einen Aufsatz aus der Nummer 200, erschienen im Jahr 2016, gelesen haben muss. The Society of Enmity (Die Gesellschaft der Feindschaft) von Achille Mbembe. Der aus Kamerun stammende, in Südafrika lehrende Philosoph war als Eröffnungsredner für die Ruhrtriennale angekündigt. Mitte August sollte er in der Jahrhunderthalle Bochum über Reflections on Planetary Living sprechen – inzwischen ist die Veranstaltung abgesagt, wegen der Corona-Krise.

Unabhängig davon schrieb Lorenz Deutsch am 23. März einen offenen Brief an die Intendantin der Ruhrtriennale, Stefanie Carp, mit der Überschrift: "Antisemitismus keine Plattform bieten". Er hatte in dem Aufsatz in Radical Philosophy eine Stelle gefunden, die er so las: "Hier wird das südafrikanische Apartheidsystem mit dem Holocaust verglichen", beide werden von Mbembe als "Manifestationen" einer "Separationsfantasie" verstanden. Deutsch brachte Mbembe auch mit dem Aktivismus der Bewegung BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) in Verbindung, die für eine strikte Sanktionspolitik gegenüber Israel wegen der "Kolonisierung arabischen Landes" eintritt. "Für antisemitische 'Israelkritik', Holocaustrelativierungen und extremistische Desinformation darf eine Veranstaltung des Landes NRW keine Bühne bieten", schloss Deutsch.

Mbembe, der Gegen-Kant

Die Angelegenheit blieb für eine Weile auf der Ebene der Lokalpolitik, inzwischen ist die Debatte aber in regem Gang. Sie weist ein Muster auf, das viel mit den Konjunkturen des Kulturbetriebs zu tun hat. 2014 veröffentlichte Suhrkamp das bisherige Hauptwerk von Mbembe auf Deutsch: die Kritik der schwarzen Vernunft ließ schon mit dem Titel erkennen, dass sich hier ein Denker aus Afrika an einem zentralen Text der europäischen Aufklärung maß und auch messen lassen wollte. Mbembe war vielleicht nicht der neue Kant, eher ein Gegen-Kant, der die Widersprüche des Vernunftuniversalismus offenlegte.

2017 folgte eine Politik der Feindschaft, eine essayistische Auseinandersetzung mit Frantz Fanon, einem Klassiker der postkolonialen Theorie, und mit Carl Schmitt, dem Lieblingsfeind der theoretischen Linken, der mit seinem Denken des Ausnahmezustands durch die Rezeption bei Giorgio Agamben ein neues Publikum gefunden hatte. Die Politik der Feindschaft hätte Lorenz Deutsch lesen müssen, wenn er Mbembes Aufsatz in erweiterter Form hätte finden wollen.

Kolonialismus als Gegenwartszustand

Der offene Brief ließ sich noch halbwegs in eine geläufige politische Konstellation einordnen: Achille Mbembe ist als – mit einem wichtigen neuen Begriff – afropolitaner Intellektueller geradezu der Inbegriff eines Festredners für ein kosmopolitisches, dem Multikulturellen zugeneigtes Publikum, wie man es auf der Ruhrtriennale jedenfalls eher erwarten würde als einen Altgermanisten von der FDP. Da der ganze Komplex des Nachdenkens über Israel und die Apartheid jedoch bei Mbembe großes Gewicht hat und diese Analogie nun einmal nicht nur von Kritikern der Politik des Staates Israel und von Antizionisten verwendet wird, sondern auch von Antisemiten, wird das Werk von Mbembe nun noch einmal genauer gelesen – was, nebenbei, bei vielen Denkern durchaus angebracht wäre, die irgendwann einmal en vogue waren.

Eine eingehende Lektüre der beiden genannten Hauptwerke lässt bald besser verstehen, warum Achille Mbembe sowohl ausdrücklich den Antisemitismus zu einem Beispiel für die Politik der Feindschaft machen kann als auch selbst in die Nähe antisemitischer Muster gerät. Das Faszinierende an seinem Entwurf ist ja, dass er in einer großen Bewegung den Kolonialismus so verallgemeinert, dass er ihn zugleich (theoretisch) aus den Angeln hebt, wie er ihn zu einem umfassenden Gegenwartsbefund erweitert.

Er macht dabei kaum einen Unterschied zwischen dem, was heute Neoliberalismus heißt, und dem, was in der frühen Neuzeit mit der nahezu gleichzeitigen Erfindung des Kapitalismus und des Sklavenhandels (und des Rassismus) begann. Heute sind Subalterne (also Erniedrigte, Ausgegrenzte, Ausgebeutete) in aller Welt in Mbembes Sicht im Grunde "Neger" – er schreibt das Wort ohne Anführungszeichen, weil er den rassistischen Begriff politisch neu definiert.

Symptom der Weltlage

Das Problem mit diesem neuen, polemischen Universalismus taucht dort auf, wo Israel in diesem System einen konkreten geopolitischen Ort bekommt, wo es also über den konkreten, nahöstlichen Territorialkonflikt hinaus zu einem Symptom für die heutige Weltlage wird. In einem Vorwort On Palestine(Über Palästina) schrieb Mbembe 2015 über die "cohort of international Pharisees and their mandatory righteousness, starting with the United States of America".

Dass er an dieser Stelle von Pharisäern spricht, dürfte einem sorgfältigen Autor nicht passieren: Denn er ruft damit ein Motiv des ältesten christlichen Antijudaismus auf, und zwar in einem Zusammenhang, der damit auch zumindest Anklänge einer jüdischen Weltverschwörung enthält. Eine solche Passage ist, wenn auch in einem engagierten Text, zumindest so problematisch, dass man Mbembe zu einer Diskussion darüber und über weitere seiner Vergleiche und Beispiele auffordern müsste. Und zwar auch auf der Höhe seiner eigenen Texte, die viel zu wichtig sind, als dass es mit einer Ausladung, wie Lorenz Deutsch sie gefordert hatte, getan sein könnte. (Bert Rebhandl, 4.5.2020)