Es ist nur wenige Wochen her, da herrschte Harmonie und Freundschaft zwischen den USA und China. Die beiden Großmächte hatten gerade ihren Handelskrieg mit einer Vereinbarung entschärft, und kaum ein Tag verging, an dem US-Präsident Donald Trump nicht seinen chinesischen Amtskollegen Xi Jinping für sein hartes Vorgehen gegen die Corona-Epidemie lobte.

Heute ist das bilaterale Verhältnis an einem Tiefpunkt angelangt. Im Streit um die Herkunft des Coronavirus verschärft die Trump-Regierung ihre Angriffe. Trump und sein Außenminister Mike Pompeo behaupten nicht nur, sie hätten feste Beweise, dass der Erreger aus dem Forschungslabor in Wuhan stammt, was die meisten Experten bezweifeln. Sie deuten sogar immer offener an, dass China es absichtlich in die Welt gesetzt habe.

US-Präsident Donald Trump und sein chinesischer Amtskollege Xi Jinping.
Foto: REUTERS/Kevin Lamarque

Aber auch die Rhetorik der chinesischen Diplomaten wird zunehmend aggressiv, nicht nur gegen die USA, sondern gegen alle Staaten, die sich zu wenig dankbar für Chinas Hilfe zeigen oder gar Kritik an den anfänglichen Vertuschungen in Peking äußern. Und das sind gar nicht wenige.

Strategisch bringt dieser Konflikt keinem der beiden etwas. Selbst wenn sich gewisse US-Vorwürfe als richtig erweisen, wird das die internationale Isolation der USA, die Trump mit seiner "America first"-Politik vorantreibt, nicht verringern. Und China verspielt mit nationalistischen Tönen viel von jenem Kredit, den es sich zuvor durch weltweite Milliardeninvestitionen erworben hat.

China-Bashing

Aber das hält weder Trump noch Xi zurück. Für beide ist das Virus vor allem eine innenpolitische Angelegenheit. Das Weiße Haus hofft, mit Schuldzuweisungen an China vom eigenen Versagen im Kampf gegen die Pandemie und den oft absurden Presseauftritten des Präsidenten abzulenken – und mit China-Bashing die Wahlen im November zu gewinnen. Auch Xi setzt auf einen äußeren Feind, um dem Unmut seiner Untertanen über den Wirtschaftseinbruch entgegenzuwirken. Chinas Einparteiendiktatur bezieht ihre Legitimität seit 40 Jahren vor allem aus dem Versprechen eines steigenden LebensStandards. Das kann sie heuer erstmals nicht erfüllen.

Je mehr sich beide Staatschefs ineinander verkeilen, desto dürftiger wird ihre Führungsrolle im globalen Kampf gegen die Corona-Krise. Das eröffnet eine Chance für die EU.

Auch in Europa ist der Schrebergarten-Nationalismus virulent und erschwert ein gemeinsames Vorgehen. Aber im Vergleich zu Trump und Xi wirken die meisten europäischen Staatschefs wie die Erwachsenen im Raum. Und auch die EU-Kommission unter Ursula von der Leyen gewinnt zunehmend an Profil. Es ist kein Zufall, dass globale Spieler wie Gates-Stiftung und Weltbank bei der Mobilisierung von Forschungsmitteln für eine Corona-Impfung auf Brüssel setzen und nicht auf Washington.

Die USA und China sehen die Suche nach einem Impfstoff vor allem als Wettkampf, in dem ein Sieg dem eigenen Nutzen dient. Doch das eine Wundermittel aus dem einen Labor wird es nicht geben, sondern vielmehr verschiedene Wirkstoffe, die nur über internationale Vernetzung entwickelt und eingesetzt werden.

Ein effektiver Kampf gegen die Pandemie benötigt den Multilateralismus, für den heute die EU fast allein steht. Sie könnte in den kommenden Monaten eine globale Führungsrolle übernehmen – aber nur, wenn die Mitglieder die eigenen Egoismen überwinden. (Eric Frey, 4.5.2020)