Im Gastkommentar nimmt der Leipziger Autor Nico Hoppe zu den jüngsten Äußerungen des deutschen Grünen-Politikers Boris Palmer und des Theatermachers Frank Castorf Stellung, die mit ihren Plädoyers hinter minimalste zivilisatorische Errungenschaften zurückfallen.

Je länger die Krise dauert, desto stärker wird das Unbehagen. Viele von denen, die anfangs noch bedächtig jede Maßnahme befürworteten, gerieren sich inzwischen betont skeptisch und fragen, wie lang es denn bitte noch so weitergehen kann und ob die Lage denn überhaupt wirklich so dramatisch sei.

Das Bedürfnis, die Krise so schnell wie möglich abzufertigen, scheint weniger einer realen Möglichkeit als dem Wunsch, endlich wieder normal weiterzumachen, zu entspringen. Wer außer jenen ideologischen Krisengewinnlern, die gerade von der Nachfrage nach leicht verdaulichem Edelbanausentum zur Abschwächung der krisenbedingten Ohnmacht profitieren, könnte schon behaupten, dass das Drängen auf Rückkehr zur Normalität nicht verständlich wäre?

Nicht selten ist jenes nachvollziehbare Ansinnen jedoch der Beginn des Abbaus zivilisatorischer Konventionen. Wessen man stets schon überdrüssig war, davon kann man sich in diesen Zeiten gleich ganz trennen – so die zugrunde liegende Einstellung.

Barbarei am Horizont

Wenn der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer feststellt, dass "wir" möglicherweise Menschen retten, "die in einem halben Jahr sowieso tot wären", und damit ausplaudert, dass man das über 80-jährige Menschenmaterial in vorauseilendem Gehorsam gegenüber der Fügung gleich verenden lassen kann, macht er sich zum Bauchredner der instrumentellen Vernunft.

Auch der Tod geht mit der Zeit. Ein Inder, verkleidet als Hindu-Todesgottheit, mit Corona-Schmuck.
Foto: Reuters / Adnan Abidi

"Ich sage es Ihnen mal ganz brutal", leitete der regelmäßig für Provokationen sorgende deutsche Grünen-Politiker gleichermaßen boshaft und lässig seinen Kommentar ein. Mit dem Gestus, zu wissen, dass die Wahrheit wehtue und dass gewisse Opfer zuweilen gebracht werden müssten, steht Palmer, der sich immerhin zeitnah und nach heftiger Kritik zu entschuldigen wusste, jedoch nicht allein da: Auch der Theatermacher Frank Castorf erklärte, "dass wir den Tod nicht abschaffen können". Wenn ein Mensch stirbt, dann sei das "der Lauf der Dinge, den wir akzeptieren müssen. Wir sind mit dem Tod geboren, das ist eine philosophische Plattitüde."

Romantisierung des Todes

Billig ist dabei vor allem Castorfs an Martin Heidegger ("Sein zum Tode") erinnernde Romantisierung des Todes sowie seine altkluge Inszenierung als Tabubrecher, der das Unvermeidliche ausspricht und dabei übersieht oder in Kauf nimmt, dass die Kumpanei mit dem Schicksal immer bedeutet, dort zu kapitulieren, wo die Alternativlosigkeit nur vorgeschoben ist. Propagiert werde, so Castorf weiter, eine "gesellschaftliche Pflicht zur Rettung vor dem Tod".

Angesichts solcher blasierter Abgebrühtheit kann man sich nur fragen, was Castorf demgegenüber als bessere Wahl ansieht: Die lebensmüde, nihilistische Idealisierung des Todes ist schließlich sonst eher Metier religiöser Fundamentalisten und irrer Fanatiker. Nicht umsonst lautet ein bekannter islamistischer und an den vermeintlich dekadenten Westen gerichteter Schlachtruf: "Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod!"

Und auch der sozialdarwinistische Unterton, der im Achselzucken über das Leben der Alten und Kranken zum Ausdruck kommt, ist gewissermaßen das Gegenstück zu dem Selbstverständnis einer aufgeklärten Zivilisation, die zumindest ihrem Anspruch nach darauf beruht, niemanden – auch nicht in der aussichtslosesten Lage – im Zeichen des Gemeinwohls zurückzulassen und als hoffnungslosen Fall beiseitezuschieben.

Bloße Effizienzlogik

Dieser Anspruch mag in Krisenlagen oft genug scheitern. Wer jedoch von vornherein dafür plädiert, ihn aufzugeben, beerdigt die Möglichkeit, nicht hinter minimalste zivilisatorische Errungenschaften zurückzufallen.

Der Philosoph Max Horkheimer schrieb bereits 1947 über jene Rationalität, die in ihrer vollendeten, unreflektierten Form in Irrationalität zurückschlägt: "Die Vernunft kommt zu sich selbst, indem sie ihre eigene Absolutheit, Vernunft im emphatischen Sinn, negiert und sich als bloßes Instrument versteht." Diese instrumentelle Vernunft sorge schließlich dafür, dass klar berechnende Kosten-Nutzen-Kalküle und reine Effizienzlogik die Rolle von kritischem Denken und einer maßhaltenden Vernunft einnehmen.

Alles, was dieser Rechnung zuwiderlaufe, verliere seine Bedeutung: "Gerechtigkeit, Gleichheit, Glück, Toleranz, alle die Begriffe, die (...) der Vernunft innewohnen oder von ihr sanktioniert sein sollten, haben ihre geistigen Wurzeln verloren. Sie sind noch Ziele und Zwecke, aber es gibt keine rationale Instanz, die befugt wäre, ihnen einen Wert zuzusprechen und sie mit einer objektiven Realität zusammenzubringen."

Achtlosigkeit als Pflicht

Die Vernunft wird zum Mittel möglichst effektiver Verwaltung von Ressourcen. Wenn Letztere dann eben zufälligerweise auch Menschen sind, ist das kein Grund für die instrumentelle Vernunft, sich zu besinnen. Die Folge sind Entwicklungen, für die die Äußerungen Palmers und Castorfs nur Symptom sind: Wo Berechenbarkeit und Nützlichkeit das oberste Gebot darstellen, müssen Entscheidungen getroffen werden, die im Zweifel zuungunsten jener ausgehen, die durch das utilitaristische Raster fallen. Die Achtlosigkeit wird so zur leider notwendigen Pflicht hochgespielt. (Nico Hoppe, 4.5.2020)