Christian Smalls, einer der Mitarbeiter, die sich öffentlich für bessere Covid-19-Schutzmaßnahmen eingesetzt hatten und gefeuert wurden.

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Vor fünfeinhalb Jahren hat Tim Bray bei Amazon angeheuert. Seit Dezember 2014 kümmerte sich der Softwaretechniker um Agenden im Bereich des Cloudservice AWS und stieg zu einem der Vizechefs der Abteilung auf. Obwohl es der Sparte so gut geht wie nie zuvor, hat er vor kurzem seinen Abschied vom Konzern bekanntgegeben.

In einem Blogeintrag spricht Bray über den Hintergrund seiner Entscheidung, das Unternehmen zu verlassen. Dabei übt er massive Kritik am Umgang mit Mitarbeitern, die öffentlich Veränderungen in Sachen Klimaschutz oder bessere Schutzmaßnahmen gegen eine Ansteckung mit dem Coronavirus forderten.

Klimaprotest stieß auf taube Ohren

Begonnen hatte es im vergangenen Jahr mit der Initiative "Amazon Employees for Climate Justice" (AECJ). Per offenem Brief an Amazons Investoren und die Konzernführung hatten sich die über 8.700 Mitwirkenden dafür ausgesprochen, deutlich mehr Schritte für den Klimaschutz zu ergreifen. Auch Bray hatte den Text unterzeichnet.

Doch die Empfänger nahmen die Resolution nicht an. Einige Monate später nahmen rund 3.000 Mitarbeiter an einem Walk-out im Rahmen des globalen Klimastreiks teil. Erst tags davor hatte Amazon umfassende Pläne für eine "grünere" Zukunft des Unternehmens vorgestellt. Dennoch sei den Organisatoren der Protestmaßnahmen mit Entlassung gedroht worden.

Kündigungen nach Corona-Protest

Im Rahmen der Coronavirus-Pandemie kam es wieder intern zu Turbulenzen. Eine Reihe von Mitarbeitern in verschiedenen Logistikzentren meldeten problematische Arbeitsbedingungen. Sie fühlten sich nicht ausreichend vor einer Infektion geschützt und beklagten zudem Informationsmangel.

Amazon reagierte damit, einen der in dieser Sache engagierten Mitarbeiter zu feuern. Aus einem Treffen von Führungskräften sickerten Notizen durch, in denen man offenbar den Bedenken kaum Wichtigkeit einräumte und sich auf die eigene Darstellung in der Öffentlichkeit fokussierte.

Die Betroffenen wandten sich an die AECJ-Organisatoren, die daraufhin halfen, einer Petition intern mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen und die Protestierenden mit der Aktivistin Naomi Klein vernetzten. Nach der Ankündigung des Videocalls mit der Gastrednerin wurden die zwei führende Köpfe hinter AECJ postwendend entlassen, obwohl dem Management viele andere Optionen offengestanden wären. Die Begründungen der Kündigungen, die Amazon lieferte, nennt Bray "lachhaft". "Jedem Beobachter war klar, dass sie wegen Whistleblowings rausgeworfen wurden", schreibt er.

Kein Raum für Beschwerden

Für ihn brachte dies das Fass zum Überlaufen. Statt seinem Ärger öffentlich Luft zu machen, habe er seine Beschwerden "gemäß den Regeln durch die vorgesehen Kanäle" eskaliert. Diese stießen jedoch auf taube Ohren. Da er als führender Manager Entscheidungen hätte mittragen müssen, die er zutiefst ablehne, habe er mit seiner Kündigung nun Konsequenzen gezogen.

Auch mit weiterer Kritik hält er nicht hinter dem Berg. Er nennt eine Reihe von Mitarbeitern, die aufgrund ihres Mitwirkens an Protesten vor die Tür gesetzt wurden. "Ich bin sicher, es ist nur ein Zufall, dass alle von ihnen farbig, eine Frau oder beides sind – nicht wahr?", merkt er zynisch an. Er verweist auch auf zahlreiche Medienberichte über Arbeitsumstände in verschiedenen Logistikzentren des Konzerns.

Kapitalismuskritik

Dass das Unternehmen nun den Schutz der Mitarbeiter vor dem Coronavirus priorisiere und massiv in entsprechende Sicherheitsmaßnahmen investiert, glaubt er zwar. Dennoch betrachte der Konzern seine Logistikmitarbeiter mehr als Transport- und Verpackeinheiten denn als Menschen. Das Unternehmen sei extrem gut geführt, wenn es darum geht, wirtschaftliche Chancen zu finden und auszunutzen. Doch damit einher gehe eine fehlende Einsicht über menschlichen Kosten des geschäftlichen Wachstums und der Probleme, die die Akkumulation von Macht und Reichtum mit sich bringt.

Seiner Ansicht nach ist dies kein Problem von Amazon alleine, sondern des Kapitalismus im 21. Jahrhundert generell. Um es zu lösen, müsse man nicht das Rad neu erfinden, sondern benötige starke Kartellbehörden, Gesetze zur Stärkung von Arbeitnehmern und Löhne, die das Überleben sichern. Als Vorbild dafür nennt er Frankreich.

Toxische Firmenkultur

Dass Amazon Whistleblower kündige, ist aber keine Folge des modernen Kapitalismus, meint Bray. Vielmehr sei es ein Anzeichen einer toxischen Firmenkultur, der er nicht mehr angehören wolle. Dabei gibt es auch beim Handelsriesen Abteilungen, wo es anders funktioniert. In der Cloudabteilung würden Mitarbeiter angehört und menschlich behandelt. Die Beachtung der Work-Life-Balance habe hohe Priorität.

Auch das hat aber mit Macht und Einfluss zu tun. Die Gehälter der AWS-Entwickler sind hoch, und wer unzufrieden sei, könne einfach bei einem anderen Unternehmen in der Umgebung für das gleiche oder ein besseres Gehalt anheuern – während die Verhandlungsposition der Lagerhausmitarbeiter gerade während der Pandemie und der damit einhergehend explodierten Arbeitslosenzahlen immer schwächer werde. (red, 5.5.2020)