Ein Drittel der Weltbevölkerung könnte 2070 unter großer Hitze leiden.
Foto: AP/Michael Probst

Den Haag – Bei einem ungemindertem Ausstoß von Treibhausgasen könnten in 50 Jahren 3,5 Milliarden Menschen in Gebieten mit einer jährlichen Durchschnittstemperatur von über 29 Grad Celsius leben. Damit befände sich ein Drittel der Erdbevölkerung außerhalb der klimatischen Nische, die der Mensch seit mindestens 6.000 Jahren bewohnt, berichten niederländische Wissenschafter im Fachjournal "Pnas".

Schwer vorstellbare Veränderungen

"Das Coronavirus hat die Welt in einer Weise verändert, die noch vor wenigen Monaten schwer vorstellbar war und unsere Ergebnisse zeigen, wie der Klimawandel etwas Ähnliches bewirken könnte", sagt Marten Scheffer von der Wageningen University (Niederlande). Die Veränderungen würden zwar weniger schnell ablaufen, aber anders als bei der aktuellen Pandemie könne man nicht auf eine Erleichterung in absehbarer Zeit hoffen.

Für ihre Analyse beschäftigten sich Scheffer und seine Kollegen sowohl mit der Vergangenheit als auch mit künftigen Entwicklungen. Für den Blick zurück glichen sie anhand vorhandener Datenbanken die bevorzugten Siedlungsgebiete des Menschen mit den klimatischen Bedingungen in diesen Regionen ab. Sie fanden einen Höhepunkt der Bevölkerungsdichte bei Jahresdurchschnittstemperaturen von etwa 11 bis 15 Grad Celsius und einen kleineren Höhepunkt bei 20 bis 25 Grad Celsius. Diese Verteilung hat sich in den vergangenen 6.000 Jahren kaum geändert, weshalb die Forscher diese Temperaturspanne als die "ökologische Nische des Menschen" bezeichnen.

Heute sind Regionen mit mittleren Jahrestemperaturen über 29 Grad Celsius auf die kleinen dunkelgrauen Bereiche in der Sahara beschränkt. Beim Worst-Case-Szenario erwarten die Forscher im gesamten hier strichliert dargestellten Gebiet für das Jahr 2070 solche Bedingungen. Die Hintergrundfarben repräsentieren die aktuellen mittleren Jahrestemperaturen.
Grafik: Chi Xu

Ungebremster Treibhausgasausstoß

Beim Blick in die Zukunft verwendeten die Wissenschafter eine Klimaprognose aus dem 5. Sachstandsbericht des Weltklimarates (IPCC). Sie geht davon aus, dass sich die Konzentration der Treibhausgase weitgehend ungebremst wie in den vergangenen Jahrzehnten entwickeln wird. Die Temperaturen werden in den verschiedenen Weltregionen entsprechend steigen. Zudem nutzten die Forscher das sozioökonomische Szenario SSP 3 für die Entwicklung der Weltbevölkerung.

Die Modellrechnungen ergaben, dass sich Gebiete mit einer Jahresdurchschnittstemperatur von mehr als 29 Grad Celsius von jetzt 0,8 Prozent der weltweiten Landfläche (vor allem in der Sahara) bis 2070 auf 19 Prozent ausdehnen werden. Die Gebiete lägen vor allem in Südamerika, Afrika, Indien, Südostasien und Nordaustralien. Allein in Indien wäre mehr als eine Milliarde Menschen davon betroffen, in Nigeria, Pakistan, Indonesien und Sudan jeweils mehr als 100 Millionen Menschen.

Künftige Krisen schwere zu bewältigten

"Dies hätte nicht nur verheerende direkte Auswirkungen, sondern es wäre für Gesellschaften auch schwieriger, künftige Krisen wie neue Pandemien zu bewältigen", betont Scheffer. Solche Temperaturanstiege bedeuteten nicht zwangsläufig, dass die Menschen aus den betroffenen Gebieten auswandern würden; denn für Migration gebe es ein komplexes Bündel an Gründen. Dennoch sieht Scheffer die Ergebnisse der Studie als Appell an die Weltgemeinschaft an, den Ausstoß an Kohlendioxid rasch zu senken. (red, APA, 5.5.2020)