Homeoffice als Zukunftsmodell? Nur wenn die Kinder trotzdem in Betreuung gegeben werden können.

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Die Corona-Krise trifft jene hart, die Berufstätigkeit und Kinderbetreuung seit Wochen unter einen Hut bringen müssen. Das ist zwar für die Betroffenen keine neue Erkenntnis, nun aber erstmals durch Zahlen belegt. Das Thinktank Momentum-Institut hat das Meinungsforschungsinstitut Sora beauftragt, eine Umfrage unter Eltern durchzuführen. Von Mitte bis Ende April, als die Schulen und Kindergärten bereits mindestens einen Monat geschlossen waren, wurden 524 telefonische und Online-Interviews mit Eltern von Kindern unter 15 Jahren geführt.

"Eltern sind nicht gleich Eltern", sagte Barbara Blaha, Chefin des Momentum-Instituts, bei der Präsentation der Umfrage. Denn die Veränderung der Arbeitssituation seit Beginn der Krise habe auch damit zu tun, welcher Schicht man angehöre. "Die Situation ist je nach beruflicher und finanzieller Situation ganz anders."

Einkommenseinbußen variieren

So kommt bei der Studie heraus, dass der Anteil von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit umso geringer ist, je höher der soziale Status ist. Während in der Arbeiterschicht 23 Prozent in Kurzarbeit und elf Prozent arbeitslos sind, sind in der Mittelschicht 22 Prozent in Kurzarbeit und drei Prozent arbeitslos, in der oberen Mittelschicht ist niemand der Befragten arbeitslos und nur 20 Prozent in Kurzarbeit. Die Ergebnisse zeigen damit auch, wie unterschiedlich die Einkommenseinbußen verteilt sind.

Auch gibt es je nach Bildungsstand große Unterschiede in der Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten: Während unter den Akademikerinnen und Akademikern 67 Prozent ihrem Job zu Hause nachgehen können, sind es bei Personen mit Pflichtschulabschluss nur elf Prozent. In dieser Gruppe müssen 55 Prozent der Eltern wie immer am Arbeitsplatz anwesend sein.

Mehr als die Hälfte reduzierte Stunden

Im Durchschnitt haben Eltern ihre Arbeitszeit um fast zehn Stunden von 35 auf 26 Stunden pro Woche reduziert. 55 Prozent der Befragten arbeiten weniger Stunden als vor der Krise. "Am deutlichsten ist die Reduktion unter jenen, die sich nun in Kurzarbeit befinden", sagt Studienautor Daniel Schönherr von Sora. Aber auch ohne Kurzarbeit müssen Eltern ihre Arbeitszeit reduzieren, um die Kinder betreuen zu können. Frauen senken ihre Erwerbsarbeit um ein Drittel auf 19 Stunden pro Woche, Männer um rund ein Viertel auf 31 Stunden.

Arbeiten in der Nacht

Aufgezeigt wird in der Studie auch, dass Homeoffice nicht automatisch eine bessere Vereinbarkeit bringt. Da es schwer ist, Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung unter einen Hut zu bekommen, werden die Arbeitszeiten verlegt. Jeder fünfte befragte Elternteil arbeitet nun häufiger frühmorgens, abends oder am Wochenende, jeder zehnte sogar in der Nacht, um trotz Kinderbetreuung Zeit für Erwerbsarbeit zu finden.

"Eltern im Homeoffice erleben eine totale Entgrenzung", sagt Schönherr. "Grenzen verschwimmen, das ist ein Zustand, der auf Dauer nicht durchzuhalten wäre." Gesetzlich sei eine Ruhezeit zwischen Arbeitsende und Arbeitsbeginn von elf Stunden vorgeschrieben. Es stelle sich die Frage, ob dies eingehalten werden kann.

Oma und Opa fehlen

Ein weiteres Ergebnis der Studie ist, dass Eltern ihre Kinder derzeit nur in Ausnahmefällen in öffentliche Einrichtungen zur Betreuung abgeben. Zur Erinnerung, die Umfrage wurde im April gemacht: Nur zwei Prozent gaben an, dass sie ihr Kind in eine Kinderkrippe gegeben haben, nur drei Prozent in einen Kindergarten oder Hort, nur zwei Prozent in eine Schule, fast niemand hat auf Babysitter oder Tagesmütter zurückgegriffen.

Auch Verwandte oder andere Eltern werden nur mehr in Ausnahmefällen in Anspruch genommen, wobei vor allem der Rückgang in der Betreuung durch die Großeltern auffällt. Vor der Krise griffen Eltern zu 29 Prozent auf die Betreuung durch Oma oder Opa zurück, während der Krise nur noch vier Prozent. Unterschiede zeigen sich zwischen Stadt und Land, wo Mehrgenerationenhaushalte eine Rolle spielen dürften.

Mütter eher hauptverantwortlich

In Doppelverdienerhaushalten teilen sich die Eltern in der Krise die Verantwortung – mit starkem Überhang zu den Müttern: In 42 Prozent aller Doppelverdienerhaushalte ist die Mutter hauptverantwortlich dafür, in 23 Prozent der Vater.

"Es braucht eine globale Pandemie, dass fast ein Viertel der Väter die Hauptverantwortung übernimmt", kommentierte Schönherr dieses Ergebnis überspitzt. Auf Dauer werde sich das dennoch nicht bemerkbar machen. "Die Corona-Krise hat nicht zu einer gleichberechtigteren Aufteilung der Sorgearbeit geführt, sondern birgt im Gegenteil sogar die Gefahr, dass Eltern in alte, tradierte Rollenmuster zurückfallen und es erneut die Frauen sind, die die Doppelbelastung von Beruf und Kinderbetreuung auf sich nehmen müssen", warnt Schönherr.

Starke Belastung

46 Prozent und damit fast die Hälfte aller befragten Eltern geben an, dass sie die derzeitige Situation sehr stark belaste. Die Belastungen sind jedoch nicht gleich verteilt: Während Männer zu 40 Prozent sagen, unter der derzeitigen Situation zu leiden, sind es unter Frauen 51 Prozent, also mehr als die Hälfte. Eltern von Kindern zwischen drei und sechs Jahren bewerten die Vereinbarkeit von Beruf und Familie am schlechtesten.

15 Prozent aller Eltern in Doppelverdienerhaushalten müssen ihre Kinder zum Teil unbetreut zu Hause lassen. Dieser Anteil liegt unter Alleinerziehenden bei 17 Prozent.

Angst vor Sommerferien

Sorge bereitet vielen Eltern der Sommer. Rund die Hälfte der Eltern hat für die Kinderbetreuung bereits Urlaub genommen, vor allem in Doppelverdienerhaushalten und bei Beschäftigten, die keine Möglichkeit zu Homeoffice haben. Jeder Vierte schätzt, im Sommer nicht genug Urlaubstage für die Kinderbetreuung zu haben, ebenso viele wissen nicht, wie sie die durchgängige Betreuung der Kinder im Sommer gewährleisten sollen.

Bezahlter Sonderurlaub

Basierend auf den Ergebnissen der Umfrage empfiehlt das Momentum-Institut ein Maßnahmenpaket, um Familien zu entlasten. So sollen Betreuungseinrichtungen im Sommer durchgehend geöffnet bleiben, es soll ein Rechtsanspruch auf Corona-Teilzeit mit Lohnausgleich während Schulschließungen eingeführt werden, und ein bezahlter Sonderurlaub soll helfen, die Betreuung im Sommer zu schaffen.

Homeoffice mit Tücken

Vom Homeoffice als Zukunftsmodell, um Beruf und Kinder zu vereinbaren, möchte Blaha nicht sprechen. "Das ist ein Kraftakt, ich bewundere alle Eltern", sagt sie. Kinder seien schließlich nicht batteriebetrieben: "Sie haben keinen Ein- und Ausschaltknopf." Es sei wichtig, dass es durchgehende Kinderbetreuungsmöglichkeiten mit flexiblen Öffnungszeiten gebe. (rwh, 5.5.2020)