Kapsch wirft sich für Knill ins Zeug.

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Personalentscheidungen sind selten einfach, doch in der Industriellenvereinigung (IV) entpuppen sie sich derzeit als Aufgabe besonders hoher Komplexität. Die Rede ist von der Nachfolge von Präsident Georg Kapsch, der heuer ausscheidet. Das Gerangel um das Amt dauert schon länger als ein Jahr und wird zusehends von Eitelkeiten und Machtspielen geprägt.

Erst vergangene Woche machte eine Unmutsäußerung von Ex-Voest-Chef Wolfgang Eder die Runde, der sich bitter über den Prozess beklagte. Der prominenteste Anwärter auf die Kapsch-Nachfolge sieht sich weitgehend vor vollendete Tatsachen gestellt und zieht die Chancengleichheit der Kandidaten in Zweifel. Grund ist, dass sich eine Wahlkommission der Industriellenvereinigung bereits auf den steirischen Landeschef Georg Knill festgelegt haben soll, ohne Eder zuvor angehört zu haben, wie der Oberösterreicher meinte.

Kapsch kontert

Nun wird die Stimmung von einem Kapsch-Konter weiter aufgeschaukelt. Der Unternehmer wendet sich – wie zuvor Eder – schriftlich an die rund 130 Mitglieder des IV-Bundesvorstands, um für Knill Partei zu ergreifen. Das wird vor allem in der Industriehochburg Oberösterreich, die ihren Landsmann Eder im Personalpoker massiv puscht, als ungehörige Einmischung angesehen. Das gelte umso mehr, als Kapsch der Nachfolgeprozess "völlig entglitten" sei, wie aus Linz zu hören ist.

Wolfgang Eder verspürt viel Gegenwind.
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Der amtierende Präsident bezeichnet seine eigene Vorgangsweise in dem Brief an die Vorstandsmitglieder als "unorthodox", was er mit der schwierigen Lage begründet. Es tue ihm leid, sollten dadurch Funktionäre verärgert werden.

"Dringlichkeit"

Wörtlich formuliert er: "Angesichts der derzeit doch etwas verfahrenen Situation und der gebotenen Dringlichkeit erlaube ich mir nun unabhängig davon, ob es mir zusteht oder nicht, offiziell Georg Knill als den aus meiner Sicht geeignetsten Nachfolger zu unterstützen." Der Kandidat aus der Steiermark vereine Integrität, Unabhängigkeit, in- und ausländische unternehmerische Erfahrung, tiefe Kenntnis der Industriellenvereinigung und Erfahrung in der Führung und soziale Kompetenz, findet Kapsch. Und immerhin wisse ein Präsident, welche Anforderungen an das Amt gestellt werden, unterstreicht Kapsch die Bedeutung seiner eigenen Aussage.

"Schauplatz der Medien"

Noch ein Argument führt der bald scheidende Chef am Wiener Schwarzenbergplatz an: "Wir dürfen uns nicht zum Schauplatz der Medien machen, denn das schwächt uns als Institution und jedenfalls meine Nachfolgerin/meinen Nachfolger – wer immer dies auch wird – massiv." Seine Vorgänger und er hätten die Organisation "nicht mit Herzblut und viel Energie geführt, um jetzt zu sehen, wie sie möglicherweise zum Spielball der Partikularinteressen wird", hält Kapsch fest.

Die Auseinandersetzung hat neben der oberösterreichischen Frage noch zwei andere Facetten. Eder war immer Manager, doch viele Industrielle sähen lieber einen Unternehmer an der Spitze ihrer Interessenvertretung. Zudem gibt es Bestrebungen, ähnlich wie bei anderen Sozialpartnern einen Generationenwechsel herbeizuführen. Eder ist 68, Knill 47.

Zeit läuft

Ob der Kapsch-Appell Wirkung zeigen wird, bleibt abzuwarten. Kandidaten können sich noch bis zum 21. Mai melden, am 18. Juni findet die Wahl statt. Neben Knill und Eder ist auch der Vorarlberger Martin Ohneberg im Rennen. Angesichts der tiefen Risse in der Organisation würde es so manchen Industriellen nicht wundern, wenn ein völlig anderer Kandidat aus dem Hut gezaubert werden sollte. (Andreas Schnauder, 5.5.2020)