Was war geschehen, dass sich die wichtigsten Protagonisten der sonst so diskret agierenden Luxusuhrenwelt zu diesem ungewöhnlichen, fast emotionalen Schritt hinreißen ließen und ihren Rosenkrieg vor Publikum austragen?

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Das Urteil wurde dem Delinquenten als Pressemitteilung zugestellt: Mitte April erklärten die Big Shots der Branche, Rolex, Tudor, Chopard, Chanel und Patek Philippe, dass sie die Baselworld verlassen werden. Ein Schlag, das war sofort klar, von dem sich die einst größte Uhrenmesse der Welt nicht mehr erholen wird. Standen die genannten Luxusuhrenhersteller doch bisher loyal hinter der Veranstaltung und waren für diese quasi eine Lebensversicherung. Der schwerwiegendste Vorwurf lautet: Man habe das Vertrauen in die Messeleitung verloren, es fehle eine gemeinsame Vision.

Wenige Tage später dann der Todesstoß: Auch die Marken des weltgrößten Luxuskonzerns LVMH, darunter Zenith, TAG Heuer und Hublot, schlossen sich dem "Rolexit" an. Man wolle nun mit den anderen "Migranten" und dem Branchenverband Fondation de la Haute Horlogerie ein neues Event in Genf auf die Beine stellen, das die Marken und ihre Bedürfnisse besser repräsentiere.

Düstere Aussichten: Rolex und vier andere Marken sagten der Baselworld "Ade", dann folgten die Uhrenmarken des LVMH-Konzern.
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Was war geschehen, dass sich die wichtigsten Protagonisten der sonst so diskret agierenden Luxusuhrenwelt zu diesem ungewöhnlichen, fast emotionalen Schritt hinreißen ließen und ihren Rosenkrieg vor Publikum austragen?

Angeschlagen

Ende April, Anfang Mai hätten heuer nacheinander die großen Branchenevents Watches & Wonders (Genf) und Baselworld (Basel) stattfinden sollen. Gespannt war man auf die versprochenen Neuerungen vonseiten des Veranstalters der Baselworld, der MCH Group. Denn die Messe war durch den Abgang der Swatch Group (u. a. Omega, Breguet, Glashütte Original) 2019 bereits erheblich angeschlagen. Heuer wären der Messe auch noch Breitling, Bulgari, Seiko und Citizen ferngeblieben.

Und dann tauchte das Coronavirus am Horizont auf, beide Messen wurden auf kommendes Jahr verschoben. Watches & Wonders (bis 2019 noch Salon International de la Haute Horlogerie, SIHH) sollte nun im April 2021 über die Bühne gehen, die Baselworld im Jänner. Ein Termin, der angeblich mit den Ausstellern nicht abgesprochen war.

Bereits 2019 hat sich die Swatch Group von der Messe zurückgezogen.
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Es folgte ein Gerangel um die Kostenübernahme, die MCH Group, mit Millionenverlusten konfrontiert, wollte nicht alles zurückzahlen, die Marken reagierten indigniert und letztlich mit ihrem Auszug. Der Veranstalter wiederum wittert geheime Absprachen. Unschön das alles. Und doch gibt es Verständnis für die Aussteller. War die Baselworld doch schon seit Jahren unter Beschuss.

Überzogene Preise

"Die Kosten der Aussteller waren immer gewaltig, nicht nur aufgrund der exorbitant hohen Standmieten, sondern auch wegen der kreativen Preisgestaltung der Basler Hotellerie und Gastronomie", sagt Philipp Pelz, Geschäftsführer von Juwelier Wempe in Wien. Allein der Messeauftritt der Swatch Group soll um die 50 Millionen Euro gekostet haben.

Tatsächlich gibt es kaum einen Uhrenmanager, Händler oder Journalisten, der sich auf die Messe in Basel wirklich gefreut hat. Im Vordergrund standen in den letzten Jahren nur noch die Probleme bei An- und Abreise, die überzogenen Preise, die Arroganz des Messemanagements sowie die Qualität von Hotels und Restaurants. Pelz sieht für die Zukunft der Baselworld schwarz, etwas wehmütig meint er: "Es ist schon traurig, wenn eine Weltinstitution wie die Baselworld mit Ansage gegen die Wand gefahren wird. Mehr als hundert Jahre lang war sie der Ankerpunkt der Branche."

Corona sei zwar nicht vorhersehbar gewesen, die nächste Krise aber schon, meint Maria und Maria Habring (hier gemeinsam mit ihrem Mann Richard). Gemeinsam betreiben sie die international erfolgreiche Uhrenmanufaktur Habring2 in Kärnten. Sie erinnert das Gezerre rund um die Baselworld an die längst entschlafene Viennatime.
Foto: Habring2

Für kleinere Hersteller sind die Alternativen nicht gerade üppig. "Wir waren dieses Jahr erstmals seit einigen Jahren wieder einmal angemeldet. Uns hatte die neue Öffnung der Messe gegenüber kleinen Marken sehr gut gefallen", sagt Maria Habring. Gemeinsam mit ihrem Mann Richard leitet sie die österreichische, auch international viel beachtete, Uhrenmanufaktur Habring2. Sollte es eine neue Messe in Genf geben, fährt Habring fort, werden es die kleinen Marken schwerer haben, Aufmerksamkeit zu erhalten. Es fehle schlicht das (Millionen-)Budget.

Allzeithoch

Das Ende der Baselworld werde der Digitalisierung weiteren Vorschub leisten. Davon ist Tim Stracke, Gründer und Co-CEO der Uhrenverkaufsplattform Chrono24, überzeugt. Als Beispiel nennt er die Watches & Wonders, die Ende April doch noch stattgefunden hat – als virtuelle Messe. Aufsehen erregte auch, dass Patek Philippe seinen Konzessionären angesichts der Corona-Krise temporär die Erlaubnis erteilte, Zeitmesser online zu verkaufen.

Noch 2019 war dies undenkbar. Chrono24 verzeichnete in den letzten Wochen zudem ein Allzeithoch an Uhrenkäufen. "Viele nutzen die aktuelle Lockdown-Zeit, um nach Uhren zu suchen, oder sind auf der Suche nach potenziellen Schnäppchen", meint Stracke. Eine steigende Anzahl an Notverkäufen konnte er aber noch nicht ausmachen.

Im Aufwind: Digitale Plattformen wie Chrono24 spüren positive Auswirkungen der Krise.
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Klar scheint, dass der Luxusuhrensektor kaum Probleme haben wird, die Corona-Krise durchzustehen, und das, obwohl China derzeit als Exportmarkt wegfällt. Global brach die Nachfrage dramatisch ein, es fehlen allerorts die kaufkräftigen Touristen. Die vermisst man auch in der Wiener Innenstadt. "Es gibt keine schwierigere Aufgabe als das Erstellen von Prognosen", sagt Philipp Pelz. Er rechnet mit einer Erholung in Etappen.

Maria Habring geht davon aus, dass es zu einer Marktbereinigung kommen werde, sieht Habring2 jedoch gut aufgestellt. "Wertet man diese Krise als Stresstest, dann haben wir diesen bisher gut überstanden – das auch dank vieler Kunden, die gerade jetzt ihre Wertschätzung zeigen." Corona sei zwar nicht vorhersehbar gewesen, die nächste Krise aber schon, meint sie: "Die Uhrenbranche hat regelmäßig Krisen durchlebt, und wenn diese nicht von außen kommen, werden sie selbst gemacht" – siehe Baselworld. (Markus Böhm, RONDO, 8.5.2020)