Margarete Schütte-Lihotzkys Ideen und Konzepte wirken bis heute nach.

Foto: Rudolf Semotan

Von ihrer Wohnungstür in der Wiener Franzensgasse, wo sie seit 1969 lebte, waren es 264 Schritte bis zum Mittagstisch ihres Lieblingsrestaurants Goldene Glocke, einem alteingesessenen Wirtshaus in der Kettenbrückengasse, wo sie bis zuletzt fast jeden Tag anzutreffen war. Mit Zählzwang hatte die Berechnung ihres Weges nichts zu tun.

"Mein Ziel war die größtmögliche Schritt- und Griffersparnis im Alltag einer Hausfrau", sagte Margarete Schütte-Lihotzky zwei Jahre vor ihrem Tod vor 20 Jahren. "Um diese Werte empirisch festzumachen, um die günstigste Breite und Länge eines Raums zu bestimmen, muss man zählen. Das Zählen begleitet mich bis heute."

Alles beginnt auf einer ihrer Zugreisen zwischen Wien, Frankfurt, Rotterdam. Vorbild für ihre Überlegungen und ihre späteren Küchenentwürfe ist die Miniküche im Mitropa-Speisewagen, in der zwei Menschen täglich bis zu 80 Passagiere bekochen – und das alles lange noch vor Mikrowelle und Systemgastronomie. Sie fängt an, die Arbeitsabläufe in einer Küche zu analysieren, Schritte und Handgriffe zu zählen und die Bewegungen per Stoppuhr zu messen.

Frankfurter Küche (1926, im Bild ein Nachbau im Mak)
Foto: Gerald Zugmann / Mak

Die erste Küche, die nach diesen Ermittlungen und Berechnungen entsteht und die Arbeitsabläufe, Funktionssynergien und hygienische Überlegungen hinsichtlich Material, Oberfläche und Ecken, Fugen, Kanten berücksichtigt, ist eine geschmeidig fließende Betonküche mit runden, organischen Formen, die zugleich als Badezimmer genutzt werden kann.

Schütte-Lihotzky lässt sich ihren futuristischen Prototyp 1922 patentieren – den Weg in die Realität findet das Küchenmodell allerdings nicht. Zu ihrer berühmtesten Küche mit 3,44 Meter Länge und 1,96 Meter Breite, die sie im Frankfurter Wohnbau mehr als 10.000-mal verbaut, sollen noch einige Jahre vergehen.

Frauenbild

"Schütte-Lihotzky hat sich immer als selbstbewusste, selbstständige, arbeitstätige Frau verstanden und ihren Architektinnenberuf stets auch diesem Frauenbild gewidmet", sagt die Wiener Architektin Christine Zwingl, die seit 1985 zu MSL, wie die Dame mit dem langen Namen in Fachkreisen abgekürzt wird, forscht und die in Wien-Landstraße den Margarete-Schütte-Lihotzky-Raum betreibt.

Demnächst erscheint im Mandelbaum-Verlag ihr Buch Margarete Schütte-Lihotzky – Spuren in Wien. "Ihre Küchen- und Wohnungsgrundrisse orientierten sich immer an Effizienz und Praktikabilität, und zwar nicht nur hinsichtlich der Hausarbeit, sondern auch in Bezug auf Wohnkomfort, Kinderbetreuung und Nachbarschaft."

Schütte-Lihotzky ging sehr analytisch an die Planungsaufgaben heran. Das ging sogar so weit, dass sie ganz genau untersuchte, in welchen Berufen die Frauen tätig waren, wie hoch ihre Einkommen waren und wie viel Wohnfläche sie sich dafür leisten konnten. Das Ergebnis waren nicht nur kompakte, rationalisierte Grundrisse, sondern auch Wohnheime für alleinstehende, berufstätige Frauen sowie superkompakte, fast quadratische Einraumwohnungen mit 29 Quadratmeter Wohnfläche und Balkon.

Kindergarten Kapaunplatz in der Brigittenau (1952).
Foto: ÖNB-Bildarchiv / picturedesk.com

"In gewisser Weise war das ein früher Vorläufer für die Smart-Wohnung", sagt die Wiener Architektin Sabina Riß, die an der TU Wien im Forschungsbereich Wohnbau unterrichtet. "Denn auch der heutige Wohnbau orientiert sich in puncto Wohnungsgröße und Leistbarkeit an den unterschiedlichen Einkommensschichten der Bevölkerung. Auch andere Qualitäten, die heute selbstverständlich sind, waren in Schütte-Lihotzkys Konzepten bereits spür- und greifbar – so etwa kurze Wege, Blickbeziehungen, Wohnbezug zum Grünraum, städtebauliche Überlegungen und alternative Wohnmodelle wie etwa Wohngemeinschaften."

Auch in ihren Jahren im Exil in Russland, in Bulgarien und in der Türkei widmete sie ihren Beruf stets der Frau, dem Kind, der Familie. Sie entwarf Küchen, Werkbänke, Wickeltische, Kindermöbel, Kindergärten und sogar Kindersanatorien. Nach dem Zweiten Weltkrieg schlug sie der österreichischen Regierung sogar vor, ein Zentral-Bau-Institut für Kinderanstalten zu gründen, wo es zu einer auf die Bedürfnisse der Kinder abgestimmten Zusammenarbeit zwischen Ärztinnen, Pädagogen und Architekten kommen sollte.

Schütte-Lihotzkys Beitrag zum europäischen Wohnbau und zum Stellenwert von Frau und Kind ist enorm. In dieser Entwicklung hat sie mehr als nur 264 Schritte gesetzt. (Wojciech Czaja, RONDO, 26.6.2020)