Vor gefräßigen Meerwalnüssen müssen sich selbst Artgenossen in Acht nehmen.
Foto: AP Photo/Sars International Center for Marine Molecular Biology, University of Bergen, Norway, Bruno Vellutini

Kopenhagen – Auch wenn sich die Ähnlichkeit mit ihrer pflanzlichen Namensvetterin in Grenzen hält, trägt die Qualle Mnemiopsis leidyi den schönen Namen Meerwalnuss. Die gut zehn Zentimeter lange Rippenqualle ist eine berüchtigte Bioinvasorin: Ursprünglich vor den nord- und südamerikanischen Atlantikküsten zuhause, wurde sie mit dem Ballastwasser großer Frachtschiffe in europäischen Gewässern eingeschleppt. Im Schwarzen Meer hat sie sich in den 1980er Jahren zur Plage entwickelt, nach der Jahrtausendwende tauchte sie auch in Ost- und Nordsee auf.

Kannibalismus als Überlebensstrategie

Normalerweise macht die Meerwalnuss Jagd auf Fischlarven und andere Angehörige des Zooplanktons. Dass sie mitunter auch kleinere Artgenossen auf dem Speisezettel hat, weiß man schon länger. Nun jedoch berichten Forscher der Süddänischen Universität in Odense und des Jenaer Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte im Fachmagazin "Communications Biology", dass die Meerwalnuss den Kannibalismus besonders weit treibt: Sie frisst auch gleich den eigenen Nachwuchs, wenn es die Umstände erfordern.

Die Pfeile zeigen Larven an, die sich eine ausgewachsene Meerwalnuss einverleibt hat.
Foto: Jamileh Javidpour/University of Southern Denmark

Das klingt auf den ersten Blick nach einer kontraproduktiven Überlebensstrategie – tatsächlich handelt es sich dabei aber um einen der Gründe dafür, warum sich die Meerwalnuss so rasch ausbreiten kann, berichtet das Team um Jamileh Javidpour. Die Tiere würden diese spezielle Nahrungsquelle nämlich vor allem bei der Besiedlung neuer Lebensräume nutzen.

Offensichtlich erfolgreich

Dieses Verhalten sei ökologisch erklärbar: Der Nachwuchs stehe als schwimmende Nahrungsquelle länger im Jahr zur Verfügung als die übliche Beute der Quallen, so Javidpour. Dies ermögliche den ausgewachsenen Tieren, Zeiten mit geringem Nahrungsangebot zu überstehen und sich damit weiter auszubreiten, als dies etwa die klimatischen Bedingungen normalerweise erlauben würden, erklärte Co-Autor Thomas Larsen vom Max-Planck-Institut. Und neuen Nachwuchs können die hermaphroditischen Tiere, die dazu in der Lage sind, sich selbst zu befruchten, jederzeit in die Welt setzen.

Warum diese Tiere als Invasoren so erfolgreich sind, hatte man bislang nur zum Teil gewusst. Meerwalnüsse kommen mit einer recht hohen Bandbreite an Umweltbedingungen zurecht, etwa was Salzgehalt, Temperatur und Wasserqualität betrifft. Ein Rätsel war jedoch gewesen, warum die Quallen vor dem Einbruch des Winters keine Ressourcen speichern, sondern sich vermehrt fortpflanzen. Die grimmige Antwort auf diese Frage dürfte nun gefunden sein. (red, 8. 5. 2020)