Wenn Thanos mit den Fingern schnippst, löscht er das halbe Universum aus.

Foto: Marvel Studios via AP

Vor über 40 Jahren erschien Klaus Theweleits Untersuchung "Männerphantasien". Aus diesem Anlass analysiert Gastautor Christoph May die aktuelle Fantasielosigkeit in drei Teilen. Bisher erschienen sind: "Killer, Outlaws, Supermänner: Der männliche Körperpanzer" und "Monster, Aliens, Bestien: Die Kreatur im Mann". Dies ist der letzte Teil:

Wie lassen sich die Fantasiewelten von Männern als Innenwelten und Gefühlslandschaften lesen? Wir beginnen unseren Kurztrip in Mittelerde von Tolkien 1937. Düsterwälder, Auenländer, Moore und Eisenberge, soweit das Auge reicht. Von dort weiter nach Westeros, dem Land aus Eis und Feuer. Überall Burgen, Schlösser, Mauern und Gräben voll mit Eisenmännern, gesichtslosen Männern und weißen Wanderern. Bis vor kurzem stand im Norden noch eine Trump-Wall aus Eis. Kurzer Abstecher ins All, hinein in die erstaunlich ausdifferenzierte Planetenförderation von "Star Trek". Und wieder zurück nach Los Angeles ins Jahr 2009, wo ein Kinoplakat für "Terminator Salvation" veranschaulicht, wie aus der urbanen Psychogeografie von "La La Land" die Physiognomie von Schwarzenegger hervorexplodiert.

Das Couchkissen als Thron

Woran erkennen wir mit Sicherheit, dass wir gerade durch eine Männerfantasie laufen? Nun, einfach daran, dass sie von Männern* erdacht, gebaut, besiedelt und zerstört wurde, woraufhin sie sogleich erneut erdacht, gebaut, besiedelt und zerstört werden muss und immer so weiter. Tolkiens Mittelerde ist unmittelbar um Frodo und Bilbo herum aufgebaut, im Weltall dreht sich noch immer alles um die Geister von Luke, Darth, Kylo, Han und Yoda, und der eiserne Thron von Sheldon Cooper ist das Couchkissen rechts außen. Nebenbei bemerkt: Ist euch jemals ein weiblicher Hobbit begegnet? Tony Stark hat sich jetzt endgültig in den Hobbykeller zurückgezogen. Opfertod. Vom rücksichtslosen Moneyman zum Märtyrer, ernsthaft?

Mit "Superman" schließlich düsen wir hinauf in die Wolken des Himmels und die Weiten des Alls direkt bis zur Abrissbirne von Darth Vader. Die berühmteste aller Psychogeografien: der Todesstern. So viel zur geistlosen Umgebung und Ausstattung monokultureller Männerfantasien: die Landschaft männlich, die Vegetation männlich, das Klima männlich, die Architektur ja eh.

Massenvernichtungswaffe, Volksausrotter, Genozid-Geschoß: ausdifferenzierte Bau- und Logistikfantasie für Todessterne.
Benjamin Botkin

Aber gehen wir einen Schritt weiter: Hinterm Todesstern gelangen wir zu einer Raumstation für die Superreichen mit Namen "Elysium: die Insel der Seeligen", dem vollkommenen Glück. Wir fliegen näher ran und hinein in den Außenring. Das Bemerkenswerte hier ist der gebogene Horizont. Das gleiche Phänomen in "Interstellar", kurz nachdem Daddy und Tochter Relativität und Quantenphysik miteinander vereint haben. Will sagen, bisher wurden nur aufwendige Landschaften inszeniert. Je mehr das Weltbild traditioneller Männlichkeiten aber in die Kritik gerät, sprich, je fragiler der Körperpanzer und je lauter das Heulen der inneren Kreatur, umso heftiger geraten auch die Dimensionen von Raum und Zeit durcheinander.

In der Story von "Inception" wird beides durchgespielt. Die verschiedenen Stufen des Unterbewusstseins eines Mannes werden hier durch jeweils spezifische Psychogeografien veranschaulicht, die allesamt parallel laufen und obendrein in verschiedenen Geschwindigkeiten. Der Druck, sich mit seiner eigenen Männlichkeit auseinandersetzen zu müssen, steigt erheblich. Je höher der Leistungs- und damit der Leidensdruck, umso schneller dämmert es den Männern, dass sie die Selbstkritik nicht umgehen können.

Der heftigste Ausdruck dafür findet sich wieder in "Edge of Tomorrow". Bill Cage (= Die Rechnung: der Käfig) steckt in einem Loop aus Leben und Tod fest. Das bedeutet: Er muss so lange sterben und wieder aufwachen, sterben again, aufwachen, sterben und so weiter, bis Rita (ohne Nachname!) ihm alles gezeigt hat, was er wissen muss, um die Schleife zu durchbrechen.

Zurück zum Chaos aus Raum und Zeit. "Dr. Strange" erhielt vor kurzem die Fähigkeit, ganze Städte in Cluster zu legen. Verkehrte Welt, um genau zu sein. Oder "Valerian – Die Stadt der tausend Planeten". Ein Gute-Laune-Clusterfuck ungeheuren Ausmaßes im Weltraum irgendwo. In "Blade Runner" hingegen ist die Erdoberfläche versiegelt, völlig zugebaut, lebensfeindlich. Wenn die Männerfantasie doch kurz mal etwas Paradiesisches zustande bringt, dann nur, um es sofort wieder auszulöschen wie in der Eröffnungsszene von "Valerian" zum Beispiel.

Nun zur Königsdisziplin

Womit wir final bei der Königsdisziplin männlicher Raumüberlegenheit angekommen sind: auf dem Schlachtfeld. Vom never-ending Weltkrieg in "Edge of Tomorrow "über die Land- und Seeschlachten in "Game of Thrones" bis zur Zombie-Apokalypse in "World War Z". Die Liste ist unendlich. Von Kampfplätzen über Kampfarenen bis zu Kampfsternen und umkämpften Galaxien. Battlefields und Tatorte bilden das psychogeografische Zentrum männlich dominierter Erzählungen in der Spätmoderne. Den Begriff Raumüberlegenheit habe ich übrigens von den wendigen Raumschiffen des Imperiums – die Bösen! – in "Star Wars" übernommen. Ein bestimmter Typ der Sternenjäger dort nennt sich Raumüberlegenheitsjäger.

Vorauseilende Verlassenheit oder Einsamkeit wird oft als eisige Kälte inszeniert. Die tiefen Temperaturen im Weltall zum Beispiel, der Eishimmel in "Interstellar" oder die Eis- und Rückzugshöhle von Superman, seine berühmte "Fortress of Solitude". Der perfekte Ort natürlich, um sich fernab allen Lebens neue Welten für unsere Kids auszudenken. Wusstet ihr schon, dass die Minions allesamt männlich sind? Und wieso gleich gibt es bei Pixar bisher ausschließlich männliche Fantasiewelten?

Lassen wir uns nicht länger langweilen

Männlich dominierte Monokulturen beschränken sich auf männliche Darstellungsformen, die jedwede Diversität und Kreativität im Keim ersticken. Denn je besser es uns gelingt, diese Fantasien zu erkennen, zu benennen und infrage zu stellen, umso schneller verlieren sie ihre überwältigende Faszination und ihre Wirkmacht. Wie lange wollen wir noch dabei zusehen, wie traditionelle Männlichkeiten tagein, tagaus um ihr Überleben kämpfen?

Lassen wir uns nicht länger täuschen und langweilen, es gibt so viel Besseres zu entdecken! Hier zwölf erstklassige Drehbücher, an denen keine Männer beteiligt sind: "Fleabag", "Big Little Lies", "Glow," "I love Dick", "Sex Education", "Chewing Gum", "Gentleman Jack", "Mrs. Fletcher", "Killing Eve", "Modern Love," "Orange is the New Black", "The Marvelous Mrs. Maisel". (Christoph May, 16.5.2020)