Eine Wahrheit, der sich IVF-Patientinnen stellen müssen: Die Unmöglichkeit, schwanger zu werden – oder die Schwangerschaft zu behalten –, ist eine narzisstische Kränkung.

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"Wieso haben Sie das so gemacht? Ich hab Ihnen doch ausdrücklich gesagt, in welche Apotheke Sie gehen sollen! Das ist jetzt ein einziger Nerv für mich!" Die Stimme des Mannes am Telefon klang ganz anders als sonst. Er war wirklich wütend. Auf mich. Ich hatte ihm Scherereien bereitet, weil ich in der falschen Apotheke war, der Chefarzt der Krankenkasse bei ihm rückgefragt hatte und sich nun angesichts meines fortgeschrittenen Alters weigerte, die Kostenübernahme für das Medikament zu genehmigen.

Der wütende Mann am Telefon war mein Arzt. Der Arzt, der mir und meinem Mann sieben Jahre zuvor strahlend vor Zuversicht gesagt hatte, es werde ein Leichtes sein, uns mit einem Baby zu beglücken. Die Voraussetzungen seien hervorragend. Es half nur nichts.

Sieben Jahre später war ich noch immer nicht schwanger – stattdessen sein "Nerv". Ich merkte, wie ich dem Wort nachspürte und mich blödsinnigerweise fragte, ob man das überhaupt so sagen könne – ob das grammatikalisch richtig war? Das passiert mir ab und zu. Geht etwas an meine innere Substanz, weicht meine Psyche offenbar auf Nebengleise aus. Ich denke dann über unwichtige Details nach statt über den Kern des Problems. Vielleicht, um den eigentlichen "Hammer" besser verkraften zu können?

Es gab in diesem Falle nämlich einiges zu verkraften. Ich war knapp über 40, und ich zählte noch immer nicht zu jenen 22,5 Prozent IVF-Patientinnen meiner Altersklasse, die unter die "Baby-Take-Home-Rate" fielen – also mittels künstlicher Befruchtung schwanger wurden und die Schwangerschaft erfolgreich mit einer glücklichen Geburt beendeten.

Ein Graubereich

Nach sieben Jahren und ebenso vielen, zumeist ergebnislosen, IVF-Versuchen waren wir, der Arzt und ich, wohl miteinander an einem Ende angelangt. Das, und noch so vieles mehr, hatte der Arzt mit seinen wenigen wütenden Worten ausgedrückt. Erstens: Ich versaute seine ansonsten recht schöne Erfolgsstatistik. Zweitens: Ich wurde langsam zu alt – meine ohnehin bescheidenen Aussichten auf ein "eigenes" Kind wurden mit jedem Tag bescheidener. Drittens: Ich war nicht einmal clever genug, mich durch die Untiefen des österreichischen Fortpflanzungsgesetzes zu lavieren – oder lavieren zu lassen.

Der äußere Anlass für seinen Ausbruch war vergleichsweise banal: Damals, das ist nun schon wieder viele Jahre her, war das Gesetz noch jung, das den Kostenersatz für Paare regelte, die versuchten, mittels In-vitro-Fertilisation (künstlicher Befruchtung) ein Baby zu bekommen. Klar war: Vier Versuche werden bezahlt.

Vergleichsweise unklar war dagegen, bis zu welchem Alter der Frau die Kasse zumindest einen Teil der Medikamentenkosten übernimmt. Es gab hier einen Graubereich. Diesen wussten clevere IVF-Ärzte zu nutzen, indem sie mit bestimmten Apotheken kooperierten, die wiederum wussten, an welche Kassenstellen sie die Rezepte zu schicken hatten. Meine Hausapotheke zählte nicht dazu, das wurde mir in diesem Moment schmerzlich bewusst.

Der Arzt hatte ja recht: Er hatte mir das alles erklärt, und ich hatte zugesagt, zu tun, wie er empfahl. Immerhin ging es auch für mich um Kosten knapp unter 1000 Euro. Eine IVF-Patientin braucht eine Menge an teuren Medikamenten, um ihre unwilligen Eierstöcke zur Produktion zu animieren. Irgendwie war mir aber etwas durcheinandergeraten, ich geriet unter Zeitdruck und machte dann alles falsch.

Das war’s dann

Gleichzeitig wurde mir bewusst: Das war’s dann. Ich wollte nicht mehr zu dem Arzt gehen, ich wollte mich seiner Enttäuschung über mich nicht aussetzen. Und ich wollte noch weniger zurück "in die Prozedur". So hatten mein Mann und ich die IVF-Versuche bald genannt: die täglichen Spritzen, die vielen Ultraschalls, Kurzzeit-Narkosen für die Entnahme von Eizellen, die künstliche Befruchtung, das Einsetzen der Zellen, Hoffen, Warten und die Einnahme vieler, vieler Hormone: hcG, Progesteron, FSH, LH, dazu Folsäure etc.

Sich schonen, aufpassen beim Bewegen, besser kein Radfahren, schon gar kein Alkohol – und die Nebenwirkungen der Medikamente wie Kopfweh, Schwindel, Brustspannen, gelegentliche Übelkeit wegstecken oder gar als gutes Zeichen ansehen.

Und am allerwenigsten wollte ich erneut diese tiefe Traurigkeit, die Hoffnungslosigkeit spüren, wenn es wieder nicht "geklappt" hatte. Die ertrug ich immer schwerer. Ich fühlte mich als Versagerin – und ich war böse auf die Welt, weil sie mir versagte, was ich mir am meisten wünschte.

Denn auch das ist eine Wahrheit, der sich IVF-Patientinnen stellen müssen: Die Unmöglichkeit, schwanger zu werden – oder die Schwangerschaft zu behalten – ist auch eine narzisstische Kränkung. Plötzlich schien nichts mehr zu klappen, wie ich es geplant hatte. Bisher hatte ich gelernt: Wenn ich mich nur genug anstrengte, mir alle Mühe gab und nicht aufgab, dann bekam ich, was ich wollte.

Privat hatte ich das Gefühl angekommen zu sein bei dem Partner, mit dem ich mein weiteres Leben verbringen wollte. Er sollte "der Vater meiner Kinder" sein, wir würden uns alles partnerschaftlich aufteilen, Beruf und Familie würden wir locker unter einen Hut bekommen.

Kinderwunsch und Statistiken

Der Vater MEINER Kinder. MEIN Fleisch und Blut, UNSERE Gene, UNSERE Eigenschaften in UNSEREN Kindern. Welch abgeschmackte Vorstellung, welch spießige Reduzierung von uns beiden auf die bloße Reproduktion, die simple Fortpflanzung! Das war mir zwar bewusst. Trotzdem fraß sich diese Phrase in mein Hirn und in meinen Bauch. Sie ließ mich nicht mehr los.

Ich hielt mich einerseits für reflektiert und kritisch – trotzdem wollte ich meinen Mutter-Vater-Kind-Kitschroman leben. Mein Partner war grandios, er drängte mich zu nichts, verhinderte nichts – er war bei allem dabei, was mich vermeintlich glücklich machte. Und er war vor allem da, wenn es mich unglücklich machte.

Dass es nicht so einfach werden würde, war uns schon klar, bevor wir bei "meinem" Arzt landeten. Ich hatte komplizierte Operationen hinter mir, schmerzhafte Gebärmutter-Röntgen, Sonografien, Tablettenkuren. Wir hatten es, trotz gehöriger Zweifel, sogar bereits mit Fruchtbarkeitstees und einem Schamanen versucht. Ich klappte meinen Verstand ein und schaltete auf "Nützt es nix, schadet es nix". Ich war bereit für die Fortpflanzungsindustrie.

Der Arzt, den wir wählten, war genau so, wie man es sich wünscht. Nett, unaufdringlich, leise und verständnisvoll. Er machte keine großspurigen Versprechungen. Er zeigte nur seine Erfolgsbilanz, und die fanden wir beeindruckend. Oder nur ich? Mein Mann, fällt mir heute auf, sagte damals wenig. Zwei von drei seiner Patientinnen, so ungefähr lautete die Aussage des Arztes, seien nach drei IVF-Behandlungen schwanger geworden. Selbstredend war ich sofort überzeugt, dass auch ich eine der zwei von drei sein würde.

Tatsachen ignorieren

Interessant an einer Fixierung ist, dass man willentlich und in vollem Bewusstsein seinen Verstand ausschaltet und Tatsachen ignoriert. Ein wichtiges Faktum ist beispielsweise das jährliche IVF-Register der Gesundheit Österreich im Auftrag des Gesundheitsministeriums. Es zeigt ganz klar, in gnadenlosen Balkendiagrammen, dass die Chance, mittels künstlicher Befruchtung Eltern zu werden, bei etwas mehr als 30 Prozent liegt – selbst bei unter 35-jährigen Frauen.

54.000 Paare haben sich seit dem Jahr 2000, seit IVF-Versuche vom Fonds bezahlt werden, in den rund 30 österreichischen IVF-Kliniken und -zentren einer solchen Behandlung unterzogen. Allein 2018 wurden laut Vorjahresbericht 10.828 IVF-Versuche mit 7088 Paaren durchgeführt. In 3080 Fällen trat gleich beim ersten Mal eine Schwangerschaft ein.

Und was ist mit den restlichen 7748 Versuchen vieler tausender Paare? Ich behaupte, sie alle haben, so wie wir, die Statistiken vielleicht gelesen und die Wahrscheinlichkeiten registriert – und dennoch gehofft, der Statistik ein Schnippchen zu schlagen und zum glücklichen Drittel zu gehören. Das ist ganz normal. Andernfalls würde man sich der Prozedur nicht aussetzen.

54.000 Paare in Österreich haben sich seit dem Jahr 2000 einer IVF-Behandlung unterzogen, die vom Fonds unter bestimmten Bedingungen bezahlt wird.
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Unser Arzt hat uns die objektiven Zahlen natürlich nicht verschwiegen. Trotzdem hat er uns sehr beredt Mut gemacht – auch das ist normal. Zudem beruhigte er mich gleich vorweg. Sollte es beim ersten Mal nicht klappen, sei nur einer daran schuld: er selbst, denn dann habe er etwas nicht richtig gemacht. Sätze wie diesen saugte ich auf wie ein Schwamm. Sie bestärkten mich in dem Glauben, dass alles möglich und machbar sei, wenn der Arzt nur an den richtigen Schrauben drehe.

So stürzten wir uns in den ersten, den zweiten, den dritten und alle weiteren Versuche – mit himmelhohen Hoffnungen davor und bodenloser Enttäuschung danach. Dass ich dem Arzt zunehmend die Erfolgsstatistik verhagelte, stimmt eigentlich nicht so ganz.

Ein IVF-Versuch gilt als erfolgreich, wenn eine Schwangerschaft eingesetzt hat und Herztöne registriert wurden. Bei mir war das sogar zweimal der Fall – leider nur kurz. Nach vier Versuchen zahlte zwar der Fonds nicht mehr, die Sache wurde teuer und kompliziert. Wir fuhren bis nach Sopron, um ein bestimmtes Medikament ein wenig billiger zu bekommen, wir investierten unser Erspartes in unser "ungeborenes Kind", wie ich es nannte.

Die "Aschefrau"

In welchem hormonellen Ausnahmezustand ich mich damals befand, wie nah ich am Rande einer psychischen und einer Beziehungskatastrophe wandelte, während ich scheinbar ganz normal weiterarbeitete, meine Freunde traf und eine glückliche Beziehung lebte, zeigt eine Episode, die mit dem ALBUM zu tun hat.

Es war mitten in meiner siebenten IVF-Behandlung, als ALBUM-Chefin Mia Eidlhuber einen Vorabdruck des damals neuen Buches von Eva Menasse, Quasikristalle, publizierte. Ich mag Menasses Bücher, ich kenne und schätze sie aus der Zeit, als sie noch Journalistin in Wien war. Also las ich den Text mit großem Interesse. In dem Buchauszug ging es – ausgerechnet! – um eine Ärztin und Fortpflanzungsexpertin, die sich, von einer Behandlung zur nächsten eilend, Gedanken über ihre Patientinnen machte.

Während sie sich "mit Follikeldurchmessern, Endometriumstärken, Gerinnungsparametern, Vorkernstadien, mit Fruchthöhle, Dottersack, Herzfrequenz" beschäftigte, teilte sie die Frauen klammheimlich ein: in jene, denen noch die Hoffnung auf Erfüllung ihres Kinderwunsches innewohnt, ein gewisses Leuchten und Glühen – und jene, die bereits in der Hoffnungslosigkeit verglüht sind. "Aschefrauen" nennt Menasses Ärztin diese im Roman.

Ich fühlte mich betroffen, gar angegriffen. Die Tonalität von Menasses Buch fand ich plötzlich kalt und unpersönlich, gar herablassend. Ich weigerte mich jahrelang, das Buch zu lesen. Erst vor kurzem habe ich es getan – und endlich verstanden.

Mein Arzt, davon war ich damals zutiefst überzeugt, war anders als die Ärztin im Roman. Er blieb immer gleichmäßig freundlich, gab mir stets Hoffnung, lud sich meine Misserfolge selbst auf. So sah ich das. Die kleinen Zwischentöne, die sich auch zwischen uns einschlichen, ignorierte ich.

Einmal, nach einem gescheiterten Versuch, gab er mir eine Broschüre zu lesen. Sie trug den Titel: "Kinderwunsch – eine Frage von Körper und Seele". Ein anderes Mal empfahl er mir, meine innere Bereitschaft, Mutter zu werden, zu erforschen. Einmal wagte er sich noch weiter vor: Er schlug vor, ich solle mein Verhältnis zu meiner eigenen Mutter kritisch überprüfen. Das kam mir komisch vor, aber ich steckte es weg. Wie so vieles andere.

Und trotzdem …

Nach dem Wuttelefonat fiel mir all das wieder ein. Die verfehlten Hoffnungen, die Enttäuschungen, die Selbstvorwürfe und das Gefühl der Demütigung. Damit musste Schluss sein, sofort. Ich sagte das meinem Mann. Der schien erleichtert zu sein. Wir schlossen das Kapitel miteinander ab. Ich war traurig, aber auch befreit. Ich hatte endlich das Korsett meiner Happy-Family-Vorstellungen abgelegt. Wir würden einen anderen Weg gehen, versicherten wir einander. Das taten wir dann auch.

Dieser Weg ist der Grund, warum ich diesen Text nur zizerlweise schreiben kann. Zwischendurch muss ich nämlich den Playmobil-Räuber suchen, der auf rätselhafte Weise samt seinen sechs Goldbarren verschwunden ist. Der Kleine besteht darauf, sonst kann er nicht weiter "Polizei" spielen.

Der Große muss daran gehindert werden, das Süßigkeitenregal zu plündern und sich nebenbei das iPad zu schnappen. Obendrein sollte er dringend eine Deutsch-Nacherzählung schreiben, mein Mann telefoniert, der kann sich gerade nicht kümmern. Die Corona-Krise stellt uns vor Herausforderungen – mit Homeoffice und Homeschooling für unsere zwei Volksschulkinder, aber wir kriegen das hin. Wir sind eine Familie, wir streiten, versöhnen uns, sind gestresst und müde. Und ganz eng miteinander und zueinander.

Als ich meinen Großen zum ersten Mal im Arm hielt, war er gerade drei Tage alt und ich seine aufgeregte, gerührte, völlig überforderte und unendlich stolze Adoptivmutter. Das ist unser Kind. Von nun an würden wir für dieses kleine Wesen alles geben – so wie einige Jahre später für seinen kleinen Adoptivbruder.

Unsere Babys. Unser Weg.

Er hat damals erst so richtig begonnen. (Petra Stuiber, 10.5.2020)