"Sie war eine geduldige Mutter, die sich immer wieder die Sorgen ihres Sohnes anhörte!"

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"Jeder von uns ist mehrere, ist viele, ist ein Übermaß an Selbsten. Deshalb ist, wer die Umgebung verachtet, nicht derselbe, der sich an ihr erfreut oder unter ihr leidet. In der weitläufigen Kolonie unseres Seins gibt es Leute von mancherlei Art, die auf unterschiedliche Weise denken und fühlen." – Fernando Pessoa, "Buch der Unruhe"
"Als der und jener scheint zwar jeder schon da. Aber keiner ist, was er meint, erst recht nicht, was er darstellt. Und zwar sind sie nicht zu wenig, sondern zu viel von Haus aus für das, was sie wurden. Später gewöhnen sie sich an die Haut, in der sie nicht nur stecken, sondern in die man sie auch noch gesteckt hat." – Ernst Bloch, "Spuren"

Ich saß in der Quarantäne und war müde. Sehr müde. Müde wie die Quarantäne. Ich wusste nicht, wer von uns beiden müder war. Ich oder sie? Wie lange würde sie mich festhalten? 30 Tage wie in Ragusa? Oder 40 Tage wie in Neapel oder in Venedig? Es gab genügend Zeit, um Oliven zu essen, aber irgendwann waren die Oliven aus. Ja.

Ich wusste: Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werde ich erst. Und dabei ermüdete mich das schuldlose Ausharren auf einer Insel ohne Oliven, bis man in den sicheren Hafen der großen Stadt einfahren durfte.

Ich stierte hinein zu meinem inneren Horizont und dachte darüber nach. Die Quarantäne schien kein Ende zu nehmen, sie rekelte sich in altersloser Trägheit und kümmerte sich nicht um mich. An manchen Tagen waren wir enge Vertraute, die Quarantäne und ich, aber heute schwieg sie. Sie war wie eine geduldige Mutter, die sich immer und immer wieder die Sorgen ihres Sohnes anhörte.

Wenn mein Jammern nicht aufhören wollte, küsste sie mich zornig auf beide Wangen, und ich ahnte, dass es jetzt besser war, wenn ich schwieg. So kauerte ich also am Rockzipfel dieser Mutter und schwieg, las in einem vergessenen Buch, den unerträglichen Gestank der Einsamkeit in der Nase. Es war ein Buch, das einen schönen, bunten Einband hatte. Ich erinnere mich gut an den Einband, weil er so ungewöhnlich farbenreich war, aber ich habe vergessen, was der Titel dieses Buches war und wer es geschrieben hatte.

Held des Scheiterns

Ich rauchte ein paar Zigaretten und erfuhr zwischen den Zeilen, dass man mit Glühlampen steile Schwierigkeiten haben konnte und dass einem die Truthähne in der Steiermark einen schönen guten Morgen wünschten, wenn keine Quarantäne angesagt war.

Und ich erinnerte mich plötzlich, was ich in einer U-Bahn-Station in Tokio gedacht hatte und wie die hungrigen Kobras im Schlangenhaus von Batubulan von den Brüsten meiner Freundin fasziniert waren, die mir deshalb später keine Lust mehr bereiten konnten. Immer musste ich an die Kobras denken, wenn sie ihren Pulli auszog.

Die Quarantäne machte mich zu einem Helden des Scheiterns par excellence. Dämmersüchtig und sterbefaul ergab ich mich meinem Schicksal. Manchmal versuchte ich meinem eigenen Schatten bis zum Grenzbalken des Wahnsinns und vielleicht sogar darüber hinaus zu entfliehen. Manchmal warf ich leere Gläser an die Wand, und in wunderschönen Augenblicken füllten sich die Augen mit Tränen, die von alten Kulissenschiebern auf die Bühne des Gesichts geschleppt wurden.

Dann erstickte ich in Ahnungen von der Welt und sah auf einmal in einer dunklen Ecke des Zimmers Fernando Pessoa hocken, der einen Schal strickte und mir zuflüsterte: "Letzten Endes bleibt von diesem Tage das, was vom gestrigen blieb und vom morgigen bleiben wird: die unersättliche und nicht zählbare Begierde, immer derselbe und ein anderer zu sein."

Auf einer Insel gefangen

Mir wurde klar, dass es eine Quarantäne gab, die von mächtigen Strukturen der Außenwelt wegen eines geheimnisvollen Krankheitserregers über mich drüber gestülpt werden konnte wie ein lästiges Kondom. Doch es gab auch eine Quarantäne, in die man sich selbst flüchtete, um das vertraute soziale Leben verlassen zu können, aus schmerzhaftem Liebeskummer oder aus lähmender Trauer.

Auch damals, als mein Vater durch den Spiegel ging, war ich auf einer Insel gefangen. Ich nahm mich selbst gefangen und weiß noch: Da war ein weißer Raum. Ein weißes Bett. Ein weißer Patient. Der Patient war verkabelt. Der Patient hing an Maschinen. Der Patient hatte die Augen geschlossen. Die Maschinen machten Piep-Piep-Piep. Die Maschinen zeigten Kurven und Zahlen auf Bildschirmen. Die Maschinen standen hinter dem kalten Bett in der Intensivstation.

Mein Vater wusste, dass er am Ende war: Er lag im Bett, er war ein kleiner, sehniger Bub mit hellen Augen, fest entschlossen, noch eine Weile zu leben. Er machte Pläne für den Sommer: "Die Ärzte lassen mich nicht sterben. Die glauben, es ist ein Fortschritt, wenn man ewig lebt. Also werde ich ewig leben wie ein alter Vampir. Du weißt ja: Der einzige Sport, den ich seit Jahren betreibe, sind die Begräbnisse meiner Freunde. Ich gehe hinter den Särgen der Leute her, die ihr ganzes Leben lang Sport betrieben haben. – Wie geht’s denn deiner kleinen Frau?"

"Du weißt ja, wie es ist: Ein Mann, der Glück hat, trifft einen Freund. Ein Mann, der Pech hat, trifft eine schöne Frau."

"Komm her. Gib mir einen Kuss. Und verzeih mir, wenn ich nur selten gezeigt habe, wie stolz ich immer auf dich war. Wenn ich hier rauskomme, dann fahren wir miteinander an den Gardasee und essen frische Pfirsiche." Ich ging zu meinem Vater. Ich beugte mich zu ihm hinunter. Ich küsste ihn auf die linke Wange. Er umarmte mich. Er küsste mich auf die Wange. Er lächelte mich an. Ich nahm die kleine Hand meines Vaters: "Das hätten wir schon viel früher einmal machen sollen."

"Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit", sagte er mit einem liebevollen Augenzwinkern und begann zu husten.

"Kann ich was für dich tun, Papa?"

"Hol mich hier raus", röchelte er. "Ich möchte mit dir eine Suppe essen, eine Buchstabensuppe. Ein Gedicht von Rilke."

Die Liebe meines Vaters hatte mich in der Waage gehalten. Die Liebe meines Vaters hatte mich oft davon abgehalten, die endgültige Grenze zu überschreiten, in den Wahnsinn abzugleiten, ins Reich der Verantwortungslosigkeit abzutauchen.

Dann ist mein Vater in einer Lade gelegen, die Schuhe musste man ihm ausziehen, niemand durfte mit Schuhen beerdigt werden. Er hatte nur seine schwarzen Socken an und ein weißes Nachthemd.

"Fuck you!", sagte ich laut

Schließlich begab ich mich in die selbst verordnete Quarantäne und löffelte andächtig eine heiße Buchstabensuppe. Ein Gedicht von Rilke. Ein Engelsgedicht von Rilke: "Ich ließ meinen Engel lange nicht los, / und er verarmte mir in den Armen / und wurde klein, und ich wurde groß: / und auf einmal war ich das Erbarmen, / und er eine zitternde Bitte bloß. / Da hab’ ich ihm seine Himmel gegeben, / und er ließ mir das Nahe, daraus er entschwand; / er lernte das Schweben, ich lernte das Leben, / und wir haben langsam einander erkannt …"

Seither sind viele Jahre vergangen. Die Trauer ist entschwunden. Ich dachte darüber nach, ob ich der Quarantäne davon erzählen sollte, aber sie war gerade mit den staatstragenden Durchsagen im Radio beschäftigt, die uns beide in der schweren Abenddämmerung umkreisten wie lästige Fliegen. Also erzählte ich nichts und wartete, bis sich meine Erinnerung an "die Zeit vor der Quarantäne" mit Wodka und Bier vollgesoffen hatte und sich auf dem Fußboden ausbreitete wie George Foreman in der achten Runde vor Muhammad Ali.

"Fuck you!", sagte ich laut und voller Verachtung zur Quarantäne. "Es ist wie im Ring. Ich habe das Herz eines Boxers und ich werde über die volle Distanz gehen." Dann betätigte ich den Lichtschalter und war im Bett, bevor der Raum dunkel war. Und ich träumte davon, dass ich Muhammad Ali war, der als Leuchtturmwärter auf einer kleinen felsigen Insel lebte und mit Ernst Bloch und Fernando Pessoa Karten spielte. "Nicht alle sind im selben Jetzt da", sagte Bloch und warf ein Herz-Ass in die Mitte des Tisches. (Georg Biron, 9.5.2020)