Walentina Jermakowa erzählt im Video-Interview über den Tag des Kriegsendes und Deutschunterricht während des Weltkriegs
DER STANDARD

"Wir haben Deutsch gelernt damals im Krieg" erzählt Walentina Jermakowa. Die 90-Jährige Russin hat den Zweiten Weltkrieg als Kind in den russischen Gebieten Jaroslawl und Wladimir nordöstlich von Moskau miterlebt. Von deutscher Okkupation blieb sie dadurch verschont, da die Rote Armee die Wehrmacht vor Moskau stoppen konnte. Deutsche Bomberangriffe hingegen waren keine Seltenheit. Dennoch habe sie nie am Sieg gezweifelt, meint sie. Aber sie habe auch nie Hass gegenüber den Deutschen und Österreichern gehegt.

Nirgendwo in Europa hat der von Hitler entfachte Krieg so gewütet wie in der Sowjetunion: Als Vernichtungskrieg zur Gewinnung von "Lebensraum im Osten" angelegt, wurde er mit äußerster Brutalität auch gegen Zivilistinnen und Zivilisten – Frauen, Kinder und Alte – geführt. Fast 30 Millionen Sowjetbürger kamen ums Leben. Nicht nur in den Schlachten, sondern auch durch Kriegsverbrechen wie die massenhafte Ermordung von Juden oder die Hungerblockade Leningrads.

Goethe, Mozart, Wien statt Hitler

In vielen europäischen Ländern ist auch Jahrzehnte nach dem Kriegsende eine Abneigung gegenüber allem Deutschen zu spüren. In Russland paradoxerweise nicht. Im Gegenteil: Hier gibt es fast so etwas wie einen Bonus gegenüber allem Deutschsprachigen. Die Russen erinnern in Gesprächen gern an Goethe oder den im Land besonders geschätzten Erich-Maria Remarque. Bei der Erwähnung Wiens, das die Rote Armee zum Weltkriegsende bewusst vor einer Zerstörung bewahrt hatte, fällt in Gesprächen mit Russen fast zwangsläufig der Name Mozart.

Vergessen haben die Russen die Gräueltaten der Wehrmacht im Weltkrieg nicht. Doch sie haben sie vergeben. Zumindest lasten sie sie nicht generell Deutschland und Österreich an. Der Großmut wird sicher auch aus dem Bewusstsein gespeist, die größte Bewährungsprobe in der Geschichte – als es nicht um Sieg oder Niederlage, sondern um Sieg oder Vernichtung ging – bestanden zu haben.

Und so hat der "Tag des Sieges", der in Russland aufgrund der Zeitverschiebung und der deutschen Kapitulation um kurz vor Mitternacht am 8. Mai 1945 in Berlin einen Tag später als der "Tag der Befreiung" in Westeuropa begangen wird, bis heute für die Menschen enorme Bedeutung. 93 Prozent der Befragten sehen darin einen nationalen Feiertag für alle Bewohner Russlands.

Wegen Corona gibt es in Russland dieses Jahr keine Paraden. Der Tag des Sieges über Nazideutschland gilt dennoch den meisten Russen als höchster Feiertag im Jahr. Hier wird ein Denkmal in Wladiwostok gereinigt.
Foto: Imago / Yuri Smityuk

Stolz und Freude

Angesichts der durchaus komplizierten jüngeren russischen Geschichte, in dem sozialistische und raubkapitalistische Experimente einen hohen Blutzoll forderten, ist es wohl der einzige Feiertag, der alle Bevölkerungsschichten mit Stolz und Freude erfüllt. Eine solch einigende Kraft hatten in den letzten Jahren weder die zu Sowjetzeiten pathetisch begangenen Jahrestage der Oktoberrevolution noch die aus der Jelzin-Ära stammenden Feiertage der Verfassung (12. Dezember) und der Unabhängigkeit Russlands (12. Juni) erlangt.

Interessanterweise sind die erst vor einem Vierteljahrhundert in Mode gekommenen pompösen Militärparaden zum Tag des Sieges den Russen dabei gar nicht so wichtig. Insofern nehmen sie die aufgrund der Corona-Pandemie von Kremlchef Wladimir Putin nur mit Zögern verordnete Verschiebung des Spektakels gelassen hin. Vielmehr finden 94 Prozent eine Schweigeminute zum Gedenken an die Opfer angebracht. Eine große Mehrheit der Russen spricht sich zudem dafür aus, den wenigen noch verbliebenen Veteranen mehr Fürsorge angedeihen zu lassen. (André Ballin aus Moskau, 8.5.2020)