Rund 350 Kurzfilme werden auf den Kurzfilmtagen in Oberhausen gestreamt. "Never Look At The Sun" vom kongolesisch-belgischen Regisseur Baloji läuft im Wettbewerb.

Foto: Baloji/Kurzfilmtage Oberhausen

Im Bett zu bleiben, den Stecker herauszuziehen, das sei keine Option gewesen. Wie viele Filmfestivals, die im Frühling anstanden, wurde auch jenes von Lars Henrik Gass, Leiter der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, mitten im Schlusssprint von der Covid-19-Pandemie gestoppt. Was daraufhin begann, beschreibt er nicht ganz unironisch als einen "manisch-depressiven Verlauf": vom Schock des abrupten Endes zu fieberhafter Umstrukturierung. "Das hatte etwas Befreiendes. Ausgehend von dem Selbstverständnis, was ein Festival sein soll, begannen wir, aus der Komfortzone hinauszugehen und die Standards zu hinterfragen", verrät Gass im Skype-Gespräch.

Gass leitet das wichtigste Kurzfilmfestival im deutschsprachigen Raum seit 1997 und gilt als Querdenker, weil er gerne Klartext spricht, was den zögerlichen Umgang mit Filmkultur im eigenen Land anbelangt. Dass ein Verfechter der unmittelbaren, physisch gebundenen Kinoerfahrung nun eine virtuelle Festivalausgabe realisiert – heute, Mittwoch, geht es los –, muss auf den ersten Blick dennoch überraschen. Schließlich schrieb Gass in seiner unbedingt lesenswerten, kritikfreudigen Essaysammlung Film und Kunst nach dem Kino (Strzelecki-Books) von Festivals noch als jenen Orten, die diese einmalige Wahrnehmungsform behaupten und zugleich für ästhetische Vielfalt einstehen.

Oberhausen-Leiter Lars Henrik Gass fordert, dass das Kino zum "temporären Museum" und damit als Kulturform bewahrt wird.
Foto: Weihrauch/dpa

"Das eine schließt das andere nicht unbedingt aus," sagt Gass heute, keineswegs geläutert. In der Corona-Krise erkennt er jedoch die Möglichkeit, über eine zukünftige Verschränkung von analogen und digitalen Präsentationsformen nachzudenken. "Man kann die extreme Form eines physischen Festivals mit Liveevent praktizieren, zu der alle möglichen sozialen Festivalformate gehören, und zugleich etwas anderes möglicherweise sogar sinnvoller im Internet realisieren." Ein Beispiel wäre die Auslagerung von Teilen des Festivalmarktes, auf dem neue Projekte verhandelt werden. Eine virtuelle Ausgabe vermag aber auch das Festivalpublikum zu erweitern, das nun von überallher einsteigen kann – was bei Kurzfilmen aufgrund der Rechtelage leichter realisierbar ist.

Auf die rund 350 Filme, die in Oberhausen nun bis 18. Mai zu sehen sind, hat man mit einem online erhältlichen Festivalpass alle Zugriffe – die Programme bleiben kuratiert und sind jeweils 48 Stunden zu sehen. Neben den Wettbewerbsschienen – aus Österreich sind Josef Dabernigs Heavy Metal Detox, in dem der Filmkünstler seinen Zahnarztbesuch schmerzhaft immersiv aufbereitet, sowie Katrina Daschners kunstvolle Hommage ans Variété, Pomp, dabei – werden auch Spezialprogramme wie jenes über die Britin Susannah Gent gezeigt, die den unheimlichen Bodensatz im Alltagsverhalten ausleuchtet. Heranwagen sollte man sich auch an die Werkschau des aus Ruanda stammenden Filmemachers Philbert Aimé Mbabazi Sharangabo, der 2019 den Hauptpreis gewann und mittlerweile vom Kunstbetrieb entdeckt wurde.

Gegen die Verwertungstautologien

So stark sich diese Oberhausen-Ausgabe auch ins Netz verlagert, ist sich Gass gleichzeitig bewusst, dass für die Erhaltung der Kinokultur, insbesondere seiner "mediengeschichtlichen Besonderheit", politisch etwas getan werden muss. Schon in seinem Buch formuliert er die Idee des Kinos als "temporäres Museum": Lustvoll polemisiert er da gegen einen Festivalbetrieb, der sich in Verwertungstautologien für geförderte Filme zunehmend aufreibt, und fordert stattdessen einen Ort für Filmkultur, der, von der öffentlichen Hand abgesichert – ob als Festival oder Repertoire –, die Idee des kommunalen Kinos wiederbelebt.

Ist eine solche Institutionalisierung des Kinos in einem Kulturbetrieb, der sich gerne über infrastrukturelle Nebeneffekte legitimiert, jedoch realistisch? Wohl nicht sehr, gibt Gass zu, doch man müsse sich von dem Gedanken verabschieden, dass Kino gewerblich zu erhalten ist. "Ich habe einmal ausgerechnet, dass man mit den Kosten der Elbphilharmonie in Hamburg in jeder deutschen Großstadt ein kommunales Kino nicht nur bauen, sondern auch finanzieren könnte." Ein Hindernis dürfte allerdings auch der Umstand sein, dass sich die viel jüngere Film- und Kinokultur im Vergleich zu Oper und Theater nicht im selben Ausmaß als bürgerliche Kultur etabliert hat.

Die Pandemie habe die Versäumnisse noch einmal deutlich gemacht – nun ist es an der Zeit zu demonstrieren, was einem das Kino als Kulturform jenseits der Multiplexe wert ist. "Ich fürchte jedoch, dass die entsprechenden Lobbyverbände ein Kartell der Vergangenheit bilden und man wirtschaftliche Interessen auf Kosten der Zukunft des Kinos zu schützen versucht." (Domink Kamalzadeh, 13.5.2020)