Erst Alexander Solschenizyns Darstellung der Lagerrealität führte dazu dass die "dunkelste Seite der Sowjetunion" mit Bestürzung zur Kenntnis genommen wurde.

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Schon im Eingangskapitel ihrer Untersuchung weist die Literaturwissenschafterin Renate Lachmann dar auf hin, dass Berichte von geflohenen Häftlingen über das seit 1923 auf den im Weißmeer gelegenen Solovetzker Inseln errichtete Straflager bereits Mitte der 20er-Jahre im Westen bekannt waren, aber auf wenig Aufmerksamkeit stießen.

"Das Straflager auf den Solovki gilt als Versuchsstation für das Zwangsarbeitssystem Gulag, das sich nach den Terrorjahren der Stalinistischen Säuberungen über die gesamte Sowjetunion netzartig ausbreitete." Die in den 40er-Jahren veröffentlichten Berichte über dessen Existenz wurden als Verleumdung der Sowjetunion von der französischen Linken zurückgewiesen. Es kam deswegen zu zwei Prozessen.

Der von 1949 erregte besonderes Aufsehen, als Le Figaro einen Artikel des Auschwitz-Überlebenden David Rousset veröffentlichte, in dem dieser von einem "Konzentrationsuniversum" schrieb, womit er ausdrücklich auf die Existenz des sowjetischen Lagersystems hinwies. Nach den Prozessen kam es bei den französischen Intellektuellen zur Spaltung: Parteinahme für die Authentizität der Berichte über die Geschehnisse, wie sie für Albert Camus galt, einerseits und die Weigerung, das Faktische als solches anzuerkennen, wie sie Jean-Paul Sartre vertrat, andererseits.

Auch Julius Margolins, des Autors von Eine Reise ins Land der Lager, 1950 vor der Uno gehaltene "Aufklärungsrede" blieb ohne Konsequenzen in der politischen Öffentlichkeit. Erst Alexander Solschenizyns Darstellung der Lagerrealität in seinem zunächst im Westen erschienenen Werk Der Archipel Gulag, in dem sich die Schilderung des eigenen Lagererlebens mit Erfahrungsberichten von Opfern und Informationen aus geheimem Aktenmaterial verband, führte dazu dass die "dunkelste Seite der Sowjetunion" mit Bestürzung zur Kenntnis genommen wurde.

Brennender Schreibauftrag

Dass man überhaupt Kunde hat von den Vorgängen im Lager, ist keinen offiziellen Stellen zu verdanken, sondern den Überlebenden, die ihre Erfahrungen aufgeschrieben haben. Hier nun setzt die Arbeit von Lachmann, Autorin wegweisender Studien zur Beziehung zwischen Literatur und Gedächtnis, an. Während sie zum einen die unterschiedlichen Schreibweisen der Zeugnisse analysiert – autobiografische, faktografische, fiktionale –, versucht sie zum anderen die Schrecken zu erkunden, von denen die Texte erzählen.

Sie zeigt auf, wie in den Überlebenden ein Schreibauftrag brennt, der sie verpflichtet, das Erlebte mitzuteilen, eine Form der Sprache zu finden für die alle Vorstellungen übersteigenden Schreckenserfahrungen wie Hunger, Kälte, Demütigung, Folter, schlimme hygienische Zustände, Strafen bei Nichteinhalten der Arbeitsnorm durch Karzer und Schläge, die Brutalität der Wächter, die Bedrohung durch die Kriminellen.

Dabei wird deutlich, dass das Monströse der Erfahrung fragen lässt, ob eine Darstellung je möglich sein wird, es ist die Frage, der sie im Kapitel "Unsagbarkeit-Sagbarkeit und das Schweigen" nachgeht. Lachmann zitiert am Schluss ihres Buches Solschenizyns Satz "Das Wichtigste über die Lager wird keiner jemals berichten".

Lachmann fragt nach dem Vorbild, also nach dem Entwurf, dem der Wunsch nach Ausdruck entsprechen soll, wobei Ausdruckswille und Form im Falle der Gulag-Literatur – was auch für die Berichte der Überlebenden der NS- Konzentrationslager gilt – unter dem Unstern der absoluten Ausnahmesituation stehen.

In dem Kapitel "Die Häftlingswelt als ‚Alternativwelt‘" verfolgt sie die fast identisch lautenden Berichte über die Eindrücke der Häftlinge beim Betreten des Lagers. Sie erleben es als Einbruch von etwas derart Fremdem, dass es ihnen geradezu als fantastisch erscheint: Das Maß an Grausamkeit, Härte und Willkür, das sie hier erleben, wirkt undenkbar und unwirklich.

Historische Aufarbeitung

Die Lagerwirklichkeit folgt eigenen Gesetzen, den Gesetzen des Übergriffs, was zu einem totalen Zusammenbruch dessen führt, was bisher als "Wirklichkeit" galt. Das beginnt mit den brutalen Verfahren der Geständniserpressung, die die psychische und physische Integrität der Betroffenen mitleidslos aufs Spiel setzt, und führt weiter in unzählige Formen der Demütigung.

Ein schockierendes Moment, das in allen Texten zu erschütternden Beschreibungen führt, ist die Konfrontation der Schreibenden, die zur Intelligenzia gehören und als Konterrevolutionäre oder Trotzkisten zu Lagerhaft verurteilt waren, mit den Kriminellen – und zwar den Berufsverbrechern, die eine eigene Schreckensherrschaft im Lager errichteten und wesentlich zu einem offenbar unaufhaltsamen Verfallsprozess beitrugen, der in den Texten wiederholt als "Entmenschlichung" bezeichnet wird.

Lachmann verweist hier auf Warlam Schalamow, den Autor der Erzählungen von Kolyma, der die Frage stellt, wie Auschwitz und Kolyma möglich waren. "Schalamows kühle Beobachtung der Deformation aller Mithäftlinge, die er als eine unaufhaltsame Dehumanisierung wahrnahm, hat ihn am Konzept ‚Humanismus‘ zweifeln lassen." Es gibt aber gegen die Leiderfahrung so etwas wie Fluchtorte, die Lachmann in den Traumberichten, den eindrücklichen Naturbeschreibungen und vor allem in den Erinnerungen der Schreibenden an die tröstliche Lust am und beim Zitieren von Gedichten sieht.

Starke Wirkung auf den Leser

Die Konfrontation von Faktografie und Fiktion ist ein Thema, dem sich Lachmann in der Gegenüberstellung von Karl Steiners Chronik 7000 Tage in Sibirien und dem Erzählband Grabmal für Boris Danilowitsch von Danilo Kis widmet. Danilo Kis, in Subotica als Sohn eines ungarischen Juden und einer christlichen Montenegrinerin geboren, wurde Zeuge des Massakers von Novi Sad, das von den ungarischen Pfeilkreuzlern an der jüdischen und serbischen Bevölkerung 1942 verübt wurde.

Renate Lachmann, "Lager und Literatur. Zeugnisse des Gulag". 41,10 Euro / 504 Seiten. Konstanz University Press 2019
Cover: konstanz university press

Sein Vater wird nach Auschwitz deportiert. Kis lernt Steiner und dessen Bericht 1972 in Zagreb kennen und damit das andere große Verbrechen des 20. Jahrhunderts, von dem er meinte, es selbst vernachlässigt zu haben. An dieser Begegnung zwischen Steiner und Kis, an der Frage nach den Darstellungsmodi, die die beiden durch Generationszugehörigkeit und Erfahrung unterschiedlichen Autoren für das letztlich gemeinsame Thema wählen, entzündet sich Lachmanns Interesse an der Frage der Literarisierung der Lagererfahrung.

Während Steiner in seinem Bericht eine nahezu stoische Haltung der Beobachtung eingenommen hat, setzt Kis in seiner Verarbeitung des dokumentarischen Materials Steiners auf die Kraft der Fiktionalisierung und die daraus resultierende heftige Appellfunktion, also die extrem starke Wirkung auf den Leser.

Lachmann versucht, eine Balance zwischen dem Dokumentarischen und dem Ästhetischen zu beachten, die Konvergenzen der Texte in Bezug auf die Schreckenserfahrungen abzutasten und zugleich Unterschiede in den Schreibweisen zu ermitteln. Dazu gehört auch die Frage nach dem weiblichen Schreiben – drei der Texte stammen von Frauen.

Renate Lachmanns Buch ist keine einfache, aber in Bezug auf das Gulag-Thema eine unverzichtbare Lektüre, das leuchtende Beispiel einer äußerst kenntnisreichen und zugleich komplexen literaturwissenschaftlichen Recherche. (Elisabeth von Samsonow, 16.5.2020)