Ab heute ist in Österreichs Gastronomie wieder aufgedeckt.

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Not kann bekanntermaßen erfinderisch machen. Mit einer originellen Idee versucht die Wiener Cocktailbar Kleinod Prunkstück die Vorgaben der Bundesregierung zur Eindämmung des Coronavirus umzusetzen: Damit die Gäste die vorgegebenen Abstandsregeln im Lokal einhalten, wurden modisch gekleidete Puppen an den Tischen und im Barbereich platziert.

Das Lokal in der Wiener Bäckerstraße sperrt ebenso wie tausende Restaurants, Kaffee- und Wirtshäuser am Freitag für Lokalbesucher auf. Eine Reihe von neuen Regeln sorgt dafür, dass der erste Besuch ein Erlebnis wird. So gilt, dass Besuchergruppen voneinander im Abstand von einem Meter platziert werden müssen. Einer solchen Runde dürfen maximal vier Erwachsene angehören, die nicht im selben Haushalt leben – plus die minderjährigen Kinder. Sie dürfen gemeinsam an einem Tisch sitzen.

Es gibt schon kreative Regeln, dank deren Abstand gehalten wird, ohne dass ein Lokal allzu leer wirkt. Die Idee mit der Puppe hatte die Wiener Bar Kleinod Prunkstück.
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Im Lokalinneren müssen die Gäste eine Maske tragen, und zwar auf dem Weg vom Eingang bis zum Platz. Das gilt auch für die Kellner, sofern sie Kontakt mit Gästen haben. Eine Reservierungspflicht findet sich in der Verordnung nicht.

Während es am Freitag neben klassischen Kunden, die sich auf Schnitzel, Bier, Sushi, Pizza und Co freuen, wohl auch viele Schaulustige in Lokale ziehen wird, ist fraglich, wie groß die Nachfrage in der Gastronomie angesichts von Corona danach sein wird.

Laut einer Schätzung des Standortberaters Regioplan hat die heimische Gastronomie seit dem Beginn der Beschränkungen einen Umsatzverlust in Höhe von 3,8 Milliarden Euro erlitten. Von diesem Gesamtwert entfielen etwa zwei Drittel auf die Ausgaben von Touristen. Auch nach der Wiedereröffnung werden viele Gäste fernbleiben, glaubt man bei Regioplan, weshalb die Branche weiter einen Umsatzverlust von 52 Millionen Euro am Tag verkraften müssen wird.

Allerdings gibt es inzwischen zahlreiche Hilfsangebote für die Branche. Die Bundesregierung will unter anderem die Umsatzsteuer für nichtalkoholische Getränke senken. Für kontroverse Debatten sorgt vor allem die Ankündigung der Stadt Wien, jedem Singlehaushalt 25 Euro und Mehr-Personen-Haushalten 50 Euro in Form eines Gastro-Gutscheins zu schenken.

Gutscheine für Alle

Damit profitieren auch viele Menschen von den Gutscheinen, die sie nicht brauchen. Der Wiener Wirtschaftsstadtrat Peter Hanke (SPÖ) rechtfertigte die Maßnahme im STANDARD-Gespräch: Es sei abzusehen, dass die Gastronomie auch nach der Wiederöffnung Hilfe brauchen werde. Nicht nur, weil Touristen nicht kommen. Die Abstandsregeln sorgen dafür, dass Lokale nicht so gut besucht sein werden wie üblich.

Aber Gutscheine mit der Gießkanne zu verteilen – ist das nicht völlig unsozialdemokratisch? Man hätte ja auch nur ärmere Haushalte unterstützen können? "Die Krise ist völlig beispiellos, mit einer so hohen Zahl an Arbeitslosen. Da ist es gut, großflächige Hilfe zu geben, womit wir eine positive Stimmung für den Standort Wien generieren wollen", sagt Hanke. Die Hilfe nur bestimmten Gruppen zu geben hätte in der Umsetzung länger gedauert. Die Gutscheine sollen ab Mitte Juni einlösbar sein.

Kritik an der Maßnahme kommt von Wirtschaftskammerchef Harald Mahrer (ÖVP). Er findet, dass man nicht das ganze Land subventionieren könne. Zudem freuten sich die Österreicher ohnehin auf die Rückkehr ins Gasthaus, hinterfragt der Präsident die Notwendigkeit der Initiative. Die Öffnung der Gastronomie hält er für einen wichtigen Schritt zur Wiederbelebung der Wirtschaft und zur "Minimierung des Schadens" durch Corona.

"Kein Kindergeburtstag"

Der Wirtschaftskammerchef lässt nun mit deutlicher Kritik an der Politik aufhorchen. Viele Verordnungen zur Öffnung von Branchen kämen zu spät, würden wieder geändert oder fehlten gänzlich. So ist es aus Mahrers Sicht zwar begrüßenswert, wenn kleinere Theater und andere Kulturbetriebe mit Monatsende ihr Programm mit entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen wiederaufnehmen dürfen. Doch warum dann keine größeren Geburtstags- oder Hochzeitsfeiern im Restaurant oder Hotel möglich sind, ist für den Interessenvertreter nicht verständlich.

Bei den Beherbergungsbetrieben seien überdies noch viele Fragen offen. Die Unternehmen müssten Sicherheitsbestimmungen umsetzen, Lieferketten hochfahren oder Mitarbeiter einschulen. Das gehe nicht von heute auf morgen, weshalb die Unternehmer Berechenbarkeit benötigten: "Die Wiedereröffnung ist ja kein Kindergeburtstag", sondern müsse sorgfältig geplant werden, erklärte Mahrer. Informationen fehlten auch für Veranstalter, Reisebüros und andere Branchen.

In den Augen des ÖVP-Manns setzt die Regierung zu sehr auf Sicherheit und Gesundheit, zudem würden praktikable Vorschläge der Kammer nicht immer rechtzeitig und adäquat umgesetzt. (András Szigetvari, Andreas Schnauder 15.5.2020)