Echt, authentisch, fühlbar und unvermittelt: Nach noch viel mehr an Virtuellem ist jetzt die Sehnsucht nach mehr Realem da.

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Zu Beginn des Jahres 2020 sieht die Jugend das Leben als eine Abfolge von Bewährungsproben, sagt Jugendkulturforscher Bernhard Heinzlmaier. Die Gesellschaft ist arbeitszentriert. Das persönliche Ansehen hängt von der Position in der Berufshierarchie ab. Ein äußerst kompetitiver Arbeitsmarkt gilt als die große Herausforderung des Lebens. Man empfindet sich als austauschbar. Auf einen guten Job, um den man sich bewirbt, kommen häufig hundert und mehr Mitbewerber, fasst er aus seinen Forschungen das Lebensgefühl der Jungen zusammen.

Man werde später einmal von der Generation Sars-Covid-19 sprechen, sagt Bernhard Heinzlmaier.
Bernhard Heinzlmaier

Und weiter: "Täglich begleitet den jungen Menschen das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Man ist nichts Besonderes, obwohl man weiß, dass nur die Außergewöhnlichen und Einzigartigen die großen Karrieren machen werden. Man selbst ist austauschbares Mittelmaß, nicht mehr als ein Massenprodukt des Arbeitsmarktes, mit Durchschnittsgehalt, Verwendungszweck Routinearbeiten, die Rolle als Systemerhalter vorprogrammiert."

Insgesamt werde der Kontrolldruck größer. Nichts geht mehr ohne Zertifikat. Und man kann nicht genügend Zertifikate haben. Bis man zu einer Anstellung kommt, hat man einen Parcours an Prüfungen, Begutachtungen, Examinierungen und Untersuchungen zu bewältigen. Und alles muss reibungslos verlaufen, so wie es die Ablaufpläne der normierten Berufsbiografie vorsehen. Heinzlmaier: "Einmal stolpern, ein einmaliger Fehltritt, ist gerade noch erlaubt, aber nicht mehr, denn je größer die Normabweichung, desto größer die Chanceneinbuße."

Generation Sars-Covid-19

Gibt es so etwas wie eine Corona-Zäsur? Heinzlmaier spricht von einem "Schock". Dieser stelle eine signifikante kollektive Generationserfahrung dar, die das Werte- und Normensystem der im Heute lebenden 16- bis 29-jährigen und deren ethisches und politisches Bewusstsein nachhaltig prägen werde. Wie man heute von der 1968er-Generation spricht, werde man später einmal von der Generation Sars-Covid-19 sprechen, nicht zuletzt deshalb, weil diese Generation die größte Wirtschaftskrise seit den 1930er-Jahren zu durchleben haben wird. Der unselige Cocktail der Jungen sei gemixt aus dem plötzlichen Verlust selbstverständlicher Bürgerrechte, Stichwort Verbot, einander zu treffen, Ausgangssperren, Isolation. Dazu komme durch Beschäftigungsverlust oder Kurzarbeit der Verlust der eben erst errungenen Unabhängigkeit von den Eltern. Plus die Angst vor Entwertung der Bildungsabschlüsse, Stichwort "Notabitur". Ausschluss vom Konsum und große Abstiegsängste nennt Heinzlmaier ebenfalls.

Was bedeutet diese verdüsterte Zukunftsaussicht für Unternehmen, für Arbeitgeber? Ist jetzt alles Wurst, will jetzt Party gemacht, "in echt gelebt" und genossen werden? Ja, das sei wohl jetzt angesagt, quasi ein Tanz auf dem Vulkan, so Heinzlmaier. Doch der pessimistische Blick auf die Zukunft lasse die Jungen nicht apathisch und schicksalsergeben werden. Sie sind bereit, den Kampf aufzunehmen, aber es sei kein kollektiver, sondern ein individueller Kampf.

Wer wird also als "Gegner" empfunden? Als Mitbewerber um begehrte Arbeitsplätze sehe man sowohl Angehörige der eigenen Generation als auch ältere Arbeitsmarktteilnehmer. Was den Konkurrenzkampf betrifft, ist die Jugend, so ergeben die aktuellen Befragungen des Jugendkulturforschers, erstaunlich selbstbewusst. Vor allem den Älteren gegenüber sei man siegessicher. So halten etwa viele Studierende den neuen Masterabschluss für hochwertiger als den alten Magister. Sie fühlen sich besser ausgebildet und glauben deshalb, im direkten Wettbewerb mit den Älteren die Sieger zu sein. Aber auch mit den Angehörigen der eigenen Generation tritt man selbstbewusst in den Leistungswettstreit.

Mehr Sympathie für Privatwirtschaft

Wettbewerb und Konkurrenz, das marktwirtschaftliche Prinzip, werde von kaum jemanden infrage gestellt. Viele seien gerade jetzt der Auffassung, dass das Marktprinzip gerechter ist als ein staatliches Regulierungsregime. Heinzlmaier: "Der sogenannte Neoliberalismus ist für die Mehrheit der Jungen kein Horrorsystem." Im Gegenteil, der Privatwirtschaft stehe man mit größerer Sympathie gegenüber als der Staatswirtschaft.

Was ist mit den großen Themen des Planeten, was ist mit diesen Bewegungen? "Zu Beginn dieser Bewegungen waren noch viele Jugendliche bereit, sich mit Flüchtlingstragödien und der Klimakatastrophe auseinanderzusetzen und auch über einen persönlichen Beitrag zur Rettung der Welt nachzudenken. Doch die Eliten dieser Bewegungen waren zu rigoros, zu strikt, zu kompromisslos, zu sektiererisch, zu unerbittlich. Die Radikalität der Eliten hat die Jugendlichen der gesellschaftlichen Mitte vertrieben, still und leise haben sie sich zurückgezogen." (Karin Bauer, 16.5.2020)