Seltener Auftritt vor zwei Wochen: Anders als sein Schwiegervater, Präsident Donald Trump, meidet Jared Kushner das große Trara.

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Donald Trump präsentiert sie in der Krise gerne den Medien: jene Expertinnen und Experten, die ihn in Sachen Corona beraten. Der angesehene Immunologe Anthony Fauci war bis zu seiner aktuellen Quarantäne fast täglich im TV präsent, ebenso die Ärztin und Diplomatin Deborah Birx. Ihr Wort zählt, will Trump vermitteln. Und doch stimmt das nicht immer. Entscheidenden Einfluss auf das Handeln des US-Präsidenten genießt nämlich eine weitere Person: Jared Kushner, Schwiegersohn, qua offiziellem Titel "hochrangiger Berater" und seit Ausbruch der Corona-Krise mächtiges Mitglied der eigens geschaffenen Taskforce. Was er Trump empfiehlt, soll sich dem Vernehmen nach nicht immer mit dem decken, was das ärztliche Team verordnet.

Im Gegenteil. Kushner soll es etwa gewesen sein, der das Virus die längste Zeit verharmloste, der die Hilferufe der Gouverneure nach mehr medizinischem Equipment als übertrieben darstellte und der nun darauf drängt, die Wirtschaft schnellstens wieder hochzufahren. Als bei den virtuellen Anhörungen vor dem US-Senat am vergangenen Mittwoch sowohl der oberste Immunologe Fauci als auch Robert Redfield, Chef der dem Gesundheitsministerium unterstellten Behörde für Krankheitskontrolle und Prävention, vor einer allzu voreiligen Öffnung des Landes warnten, richteten sich die indirekten Vorwürfe auch gegen Kushner.

Heilmittel fürs Börserl

Persönlich nannte Kusher vor allem der Impfexperte Rick Bright beim Namen. Bright, der im April zwangsversetzte Direktor der Behörde für biomedizinische Forschung und Entwicklung (Barda), wiederholte am Donnerstag vor einem Ausschuss des Repräsentantenhauses die bereits zuvor geäußerten Anschuldigungen: Seinen Job sei er einzig deshalb losgeworden, weil die Corona-Strategie der Regierung nicht auf wissenschaftlichen Grundlagen basiere. Bright, der maßgeblich an der Suche nach einem Impfstoff gegen das Virus beteiligt war, hatte sich geweigert, gemeinsam mit Trump für zwei Malaria-Medikamente als Heilmittel für Covid-19 zu werben. Er mahnte zur Vorsicht, ihr Nutzen sei nicht ausreichend erwiesen.

Dass sich der Präsident dennoch für ihren Einsatz aussprach, führt Bright auf Kushner zurück. Dieser unterhalte direkte Verbindungen zu jenen Unternehmen, die diese Arzneimittel herstellen. In einer 86-seitigen Beschwerde gegen die Regierung, die Bright vergangene Woche eingereicht hat, geht er noch weiter: Seit Trumps Amtsantritt sei die Arbeit seiner Behörde, für die Bright seit 2010 tätig war, dadurch erschwert worden, dass Aufträge in erster Linie an Unternehmen mit guten Kontakten ins Weiße Haus gingen. Dabei sollten wissenschaftliche Erkenntnisse den Kampf gegen Corona definieren, "nicht Politik und Vetternwirtschaft", wiederholte Bright am Donnerstag.

Viele Jobs, wenig Rampenlicht

Der Vorwurf des Nepotismus begleitet Kushner schon länger. Er hängt auch mit der Fülle seiner Aufgabengebiete zusammen: Die Zukunft der US-Wirtschaft, Friede in Nahost, das Ende der Opioid-Epidemie, der Bau der Mauer zu Mexiko, Kontakte zu vielen ausländischen Regierungen fielen schon bisher darunter. Dennoch fand sich im Terminkalender des rampenlichtscheuen Multifunktionärs Platz für eine tragende Rolle im Anti-Corona-Kampf.

Dass er dabei ist, liegt einmal mehr nicht an Fachwissen oder Detailverliebtheit des 39-jährigen Juristen und Betriebswirts, sondern am fast uneingeschränkten Vertrauen des Präsidenten. Woher dieses, neben Kushners Ehe mit Trumps Lieblingskind Ivanka, genau rührt, erschließt sich nicht auf den ersten Blick: Schlagende Erfolge kann Kushner bisher weder im beruflichen Vorleben noch in seinem politischen Wirken geltend machen.

Geistesverwandte Genies

Mit einer Ausnahme: Kushner gilt als einer der wichtigsten Faktoren für Trumps Sieg bei der Präsidentschaftswahl 2016. Damals soll er es gewesen sein, der die Wahlkampagne auf eine gezielte Social-Media-Strategie ausrichtete, der Kontakt zu Microtargeting-Unternehmen wie angeblich auch Cambridge Analytica herstellte und der erkannte, dass sich Trump auf die scheinbar sicheren demokratischen Hochburgen im Mittleren Westen konzentrieren sollte. Trump sieht den in Late-Night-Shows als blass verlachten Schwiegersohn mit dem akkuraten Seitenscheitel und jugendlichem Gesicht seither als unverzichtbar an – als jemanden noch dazu, dem er sich auch abseits vermeintlich geteilten Genietums geistesverwandt fühlt.

Auch Kushner stammt aus einer Familie, die ihren Reichtum mit dem Besitz und Handel von Immobilien in New York erwirtschaftet hat. Und, glaubt man der Dokumentation "Slumlord Millionaire", ebenso wie Trump nicht immer mit sauberen Mitteln. Und nicht immer mit Erfolg – auch das verbindet die beiden. 2007 betrieb der damals 26-Jährige den teuersten Immobilienkauf aller Zeiten in Manhattan. Der Kauf eines Wolkenkratzerkomplexes an der unheilvoll klingenden Adresse 666 Fifth Avenue in Manhattan erwies sich nicht als Glücksgriff. Später musste Kushner wieder verkaufen – mit einem deutlichen Verlust gegenüber dem ursprünglichen Kaufpreis von 1,8 großteils kreditfinanzierten Milliarden.

Unknown Unknowns

"Der Typ hat keine Ahnung, was er alles nicht weiß", lautete da schon das Urteil über Kushner in einer anderen Frage. Der erfahrene Redakteur Peter W. Kaplan hatte es gefällt, nachdem er im Streit mit Kushner das Chefredaktuersamt der Zeitschrift "New York Observer" zurückgelegt hatte. Kushner hatte das Magazin 2006 erworben und danach mehrfach die Belegschaft ausgetauscht. 2016, einen Tag nach dem Sieg Trumps, ließ Kushner die gedruckte Ausgabe einstellen. Zuvor hatte die Belegschaft noch via Meinungsartikel die Wahl Trumps zum Präsidenten empfehlen müssen.

Elizabeth Spiers, zwischen 2011 und 2012 eine der temporären "Observer"-Chefredakteurinnen, beschreibt heute in einem Artikel für das Männer- und Lifestylemagazin "GQ" ihre Sorge darüber, ihren ehemaligen Boss als zentrale Figur im Kampf gegen Corona zu sehen: "Er überschätzt seine Fähigkeiten enorm und umgibt sich nur mit Leuten, die er dafür bezahlt, diese Einschätzung zu teilen."

Attacken auf Staatsapparat

Dass Kushner für seine zahlreichen neuen Rollen kaum inhaltliche Qualifikation mitbringt, schüchtert ihn selbst jedenfalls nicht ein. Er habe sich viel Wissen über den Nahen Osten angeeignet, sagte er etwa Anfang des Jahres dem TV-Sender Sky Arabia: "Ich habe 25 Bücher darüber gelesen." Was in diesen Werken womöglich nicht zu lesen war, versucht Kushner durch Beziehungen zu ersetzen: Sein Draht zum saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman gilt als exzellent, Treffen mit regierungsnahen russischen und chinesischen Managern hingegen oft als verdächtig. Auch Österreichs Regierung setzte beim Washington-Besuch von Kanzler Sebastian Kurz 2019 auf den Draht Kushners zum Präsidenten – auf dem Besuchsprogramm stand damals ein Abendessen mit dem Schwiegersohn.

Kushners Kontaktaufnahmen mit Moskau verliefen indes sogar so gut, dass sie das FBI auf den Plan riefen. Die inzwischen eingestellten Ermittlungen wegen möglicher illegaler Absprachen führten zu einer weiteren Entfremdung zwischen ihm und dem Staatsapparat. Kushner soll es auch gewesen sein, auf dessen Rat hin Trump im Frühjahr 2017 den damaligen FBI-Chef James Comey entließ – was später unter anderem die Ermittlungen von Sonderermittler Robert Mueller in Gang setzte.

Ärger über die Slim Suit Crowd

Die ständigen Attacken auf die Beamtenschaft und wissenschaftliche Sachverständige sowie die Privatisierung von Regierungsaufgaben rächen sich nun in der aktuellen Jahrhundertkrise, die eine effiziente Regierung erfordert.

Bisher konnte Kushner seine vollmundigen Versprechen nicht einlösen: Die Vorhaben, Drive-through-Teststationen zu schaffen oder Spitäler besser auszurüsten, kommen schleppend in Gang. Dass er Berater und Bekannte aus dem Privatsektor an entscheidende Stellen der Katastrophenschutzbehörde setzte, stößt auf Widerstand: In US-Medien klagen Beamte anonym über die "Slim Suit Crowd", die Träger schlanker Maßanzüge, die in einem ohnehin dysfunktionalen System noch mehr Schaden anrichte. Wobei manche einräumen, dass Kushner selbst durchaus bemüht sei, Ordnung zu schaffen. Bald zwei Monate aber, nachdem der Notstand verkündet worden ist, hat die Corona-Taskorce gerade einmal grobe Richtlinien für das Hochfahren präsentiert. Bloß: Nicht alle halten sich daran – allen voran Kushners Schwiegervater. (Anna Giulia Fink, Manuel Escher, 16.5.2020)