Quasi in ihrem Wohnzimmer. Alexander (li) und Thomas Huber im Rahmen des Filmprojekts "Am Limit" unterwegs in der Route "Nose" am "El Capitan" im Yosemite-Nationalpark in Kalifornien.

Foto: imago stock&people/Heinz Zak

Die Brüder Alexander und Thomas Huber, über Bayern hinaus bekannt als die "Huberbuam", prägten über Jahre die Kletterszene. 2007 schlüpften sie in dem unter anderem an der imposanten Granitwand des "El Capitan" im Yosemite-Nationalpark in Kalifornien gedrehten Film "Am Limit" in die Hauptrollen und hatten dabei kritische Momente zu meistern.

STANDARD: Inwieweit suchen Sie den Nervenkitzel und reizt das Spiel mit der Gefahr?

Thomas Huber: Wir sind bisschen süchtig nach diesem Adrenalin, nach dieser Spannung, waren schon als Kinder total fanatisch. Wenn du es schaffst, ist die Euphorie in dir unvorstellbar. Worum geht es im Leben? Das es uns gut geht, wir glücklich sind. Man versucht die Gefahr durch Können und Erfahrung zu eliminieren, sich an seine individuelle Grenze anzunähern. Durch Training, Erfahrung und noch mal Training kommt man immer weiter. Um etwas Großes zu schaffen, muss man aus der Komfortzone herausgehen.

Alexander Huber: Es hat sicher stets zu unserem Leben dazugehört, dass wir Herausforderungen gesucht haben. Es finden sich immer wieder Menschen, die experimentierfreudig sind. Es geht darum, eine imaginäre Linie zwischen dem Bekannten und Unbekannten zu überschreiten. Das ist schon reizvoll. Es ist per se spannend, wenn du nie 100-prozentig weißt, was auf dich zukommt.

STANDARD: Rational betrachtet wäre es vernünftiger, am Boden zu bleiben. Orientierten Sie sich eher an dem Motto 'no risk, no fun'?

T. Huber: Es ist sowieso die Frage, warum man in die Berge geht. Weil es einfach ein so unfassbar schönes Gefühl ist, in den Bergen zu sein. Im Alltag muss man ständig funktionieren, wird getrieben von der Maschinerie der Gesellschaft. Am Berg kann man vieles auch mal hinter sich lassen. Es ist keine Flucht, aber eine kurze Auszeit in einer archaischen Welt. Viele sagen, ich bin getrieben, weil ich das mache. Aber ich mache das, um eins mit der Natur und dem Projekt zu werden.

A. Huber: Auch wenn ich eine neue Sprache lerne, werde ich viele Fehler machen. Aber soll ich es deshalb lassen? Beim Versuch einen neuen Speedrekord aufzustellen, riskierst du, auf die Schnauze zu fallen, aber wenn du es nicht probierst, kann es nichts werden. Je mehr ich mich überwinden, je mehr Einsatz ich zeigen muss, um zum Ziel zu kommen, umso schöner ist es, wenn ich es am Ende erreiche. Das gerade Erlebte ist dann so intensiv, dass in diesem Moment alles andere ausgeblendet wird. Da gibt es kein gestern, kein morgen, sondern nur das Jetzt.

Moviepilot Trailer

STANDARD: Speedklettern war ursprünglich ja nicht unbedingt Ihr Metier. 2007 aber ging's in dem Film "Am Limit", gedreht an der imposanten 1000-Meter-Granitwand des "El Capitan" im Yosemite-Nationalpark in Kalifornien – aber genau darum. Ihr Meisterstück?

A. Huber: Der Speedrekord an der Route "Nose" war nicht der wichtigste sportliche Erfolg im Yosemite Valley, das waren vielmehr die vielen freien Erstbegehungen davor, egal ob "Freerider", "Salathé", "Golden Gate", "El Corazon", "El Nino" oder "Zodiac". Damit haben wir eine Zeit lang das Freiklettern am "El Capitan" entscheidend mitgeprägt, waren fest verwurzelt mit der Wand. Das Speedklettern, eine Spezialität der Amerikaner, hat uns gereizt, darum haben wir es probiert.

T. Huber: Wir waren immer auf der Suche nach neuen Linien am "El Capitan", dem Herz des Klettersports. Unsere Faszination am Speedklettern hat sich entwickelt, als wir die "Zodiac" 600 m frei geklettert sind. Wir haben eigentlich das Speedklettern immer belächelt, es war nie unsere Geschichte, weil wir Freikletterer waren. Aber nach dem erfolgreichen Rotpunktdurchstieg an der Zodiac hatten wir Zeit, etwas Neues auszuprobieren. Wir waren neugierig. Der damals aktuelle Speedrekord an der "Zodiac" lag bei acht Stunden. Wir haben es ausprobiert, waren gleich einmal in vier Stunden durch und es hat uns richtig Spaß gemacht. Am Ende haben wir es in 2:21 Stunden geschafft.

Tom Morrow

STANDARD: Den Rekord an der "Nose" weiter zu verbessern hat Sie nicht gereizt?

A. Huber: Wir haben den Rekord erst nach den Dreharbeiten, in 2:45,45 Stunden unterboten. Wir hätten auch weitermachen können, aber wir wussten, dass jede weitere Begehung wieder neues Risiko mit sich bringt. Wir hatten unser Ziel erreicht, jedes Nachfassen wäre letztlich keine wirkliche Erweiterung des Erlebten geworden.

STANDARD: Ist es für Sie nachvollziehbar, dass der Laie Speedklettern als vergleichsweise unästhetisch beschreiben könnte?

T. Huber: Es ist ganz anders, als von außen betrachtet, es ist die perfekte Performance eines Teams. Wir haben das Zusammenspiel immer weiter optimiert. Wie wir miteinander sprechen und agieren. Jeder Schritt wurde geplant, die Seiltechnik einstudiert. Es ist wie eine fein abgestimmte Choreographie. Und im Film hatten wir mit Max Reichel und Franz Hinterbrandner von Timeline-Production, die auch bei späteren Dokumentarfilmen "Eternal Flame – Nameless Tower" oder "Eiszeit" an Bord waren, Oscar-Preisträger Pepe Danquart als Regisseur und Heinz Zak als Fotograf ein Konglomerat mit Symbiose um uns herum. Wir hatten super Filme und Bilder für unsere Vorträge. Und ohne Zak hätte Alexander nie so viele damals noch total wichtige Covers gehabt.

PLAZOLETAS

STANDARD: Ist auch der routinierte Alpinist nicht vor Angst gefeit?

A. Huber: Die Antwort findet sich schon allein im Titel meines Buches, das vor wenigen Wochen in Neuauflage erschienen ist: 'Die Angst, dein bester Freund'. Für uns Bergsteiger ist die Angst die wichtigste Lebensversicherung, man soll sie nie ignorieren. Du kannst auch eine Versicherung abschließen, dann haben aber nur die Nachkommen etwas davon. Die Angst vor dem Abstürzen stellt sicher, dass ich am Berg vorsichtig unterwegs bin. Wenn ich den Schwierigkeiten gewachsen bin, dann macht mich die Angst auch nicht nervös, sondern konzentriert. Wenn mich die von der Gefahrensituation ausgelöste Angst aber nervös macht, dann ist das ein wichtiger Hinweis, dass ich überfordert bin und jetzt der späteste Zeitpunkt gekommen ist, umzukehren. Nur wer spürt, wann der richtige Moment zum Umdrehen ist, wird dauerhaft in den Bergen überleben. Mein Vater hat immer schon gesagt: Vor allem ist der ein guter Bergsteiger, der ein alter Bergsteiger geworden ist. Überspannt man den Bogen einmal, dann ist gerade der Berg gnadenlos.

T. Huber: Wenn man den Bogen überspannt, dann lähmt die Angst. Dadurch muss man sich mit ihr definitiv auseinandersetzen. Wenn es brandgefährlich wird, können wir uns auf den Überlebensinstinkt verlassen, die richtige Entscheidung zu treffen. Es ist ein ständiges Abfragen an der Grenze. Ist es möglich, können wir das Risiko noch kalkulieren? Wir sind keine Hasardeure und werden uns in letzter Konsequenz immer für das Leben entscheiden. Je älter man wird, umso öfter sagt man auch mal nein. Ich habe für mich eine Entschuldigung gefunden: Ich weiß nicht, ob es die richtige Entscheidung war, aber es war definitiv nicht die falsche, weil ich noch am Leben bin. Und es gibt mir die Möglichkeit, es noch einmal zu versuchen.

STANDARD: Ist das Speedklettern insofern problematisch, als das Risiko mangels Zeit zum Abwägen von Gefahren größer ist?

A. Huber: Man riskiert definitiv etwas. Alles kann man nicht ausschließen. In der "Nose" mussten wir sicherstellen, dass fatale Stürze ausgeschlossen sind. Das war für uns das Entscheidende. Bevor ich unter eine Lawine komme, ist mir ein Sturz mit unsanfterem Felskontakt allemal lieber, wenn ich auf Grund der Seilsicherung nicht abstürze. Ein solcher Sturz kostet mich nicht das Leben.

T. Huber: Das Speedklettern ist natürlich sehr gefährlich. Es ist eine Annäherung, bei der du alle Gefahren und Bereiche der Wand entsprechend einstudierst. Es ist dir bewusst, dass du an manchen Stellen nicht stürzen darfst. Du überlegst dir unten fast skizzenhaft, wie man die Stellen sicher gestalten kann. Dazu braucht es Kreativität, Training und Kraft. Der Klettersport ist eine ständige Auseinandersetzung mit Gefahr und Risiko.

STANDARD: Bei der Rekordjagd in der "Nose" sind Sie beide folgenschwer abgestürzt, mit schweren Prellungen aber doch auch relativ glimpflich davongekommen. Glück im Unglück?

A. Huber: Das waren Betriebsunfälle in vertretbarem Rahmen. Ein erfahrener Kletterer hat schon relativ genau im Blick, welche Konsequenzen drohen können. Bei den Dreharbeiten zum Film kassierten wir beide einen Verletzungssturz. Es ist dumm gelaufen, es kostete uns ein Jahr, bis wir zu unserem Rekord kamen. Sicher haben wir es auch ein Stück weit provoziert. Wichtig aber ist, dass man die Dinge insofern unter Kontrolle hat, dass nichts Fatales passiert. Ganz ohne Risiko geht es nicht, aber die Konsequenzen sind überschaubar. Das ist gelebtes Risikomanagement.

T. Huber: Manche Dinge waren nicht kalkulierbar. Stürzen ist manchmal nicht sehr angenehm, aber man versucht, schlimme Konsequenzen zu vermeiden. Wir haben gelernt, dass das auch zum Leben dazugehört, aber Aufgeben nie eine Option sein soll, wenn man an sich glaubt. Darum ist der Film wohl auch so erfolgreich geworden. Man muss alles geben, um etwas erreichen zu können, kann aber genauso scheitern.

Die Huberbuam Alexander (li) und Thomas beim Herumhängen.
Foto: APA/ HANS KLAUS TECHT

STANDARD: "Am Limit" handelt aber auch von Beziehung und Konflikten zweier Brüder in Extremsituationen, wie sie in der Wand oder auch bei einer Überschreitung der Cerro-Torre-Gruppe in Patagonien passieren können.

A. Huber: Die Quintessenz des Films ist, wie Brüder in diesem Kontext miteinander funktionieren. Es gibt ein Spannungsfeld. Wir sind einerseits beste Freunde und ergänzen uns gut, andererseits gibt es unter Sportlern und auch gerade unter Geschwistern eine Rivalität. Lange andauernde Beziehungen sind ja nie ganz konfliktfrei. Wichtig ist, dass man eine Kultur aufbaut und respektvoll miteinander umgeht.

T. Huber: Wenn man einen guten Konsens findet, kann man diese Reibungspunkte immer wieder aus dem Weg räumen. Es war für uns eine riesige Herausforderung, nicht nur für das Projekt zu trainieren, sondern daneben auch noch diesen Film entstehen zu lassen. Vielleicht ist es auch deshalb manchmal nicht ganz rund gelaufen ist. Es gab auch früher schon Zeiten, in denen es schwierig war und auch solche, wo kein Blatt Papier zwischen uns passte. Heute harmonieren wir speziell in schwierigen Zeiten wunderbar miteinander. Mein Bruder hat mir in schwierigen Zeiten geholfen, nicht aufzugeben. Dadurch bin ich zum Kämpfer geworden und habe gelernt, wo wirklich meine Stärken liegen. An den großen Bergen wie Latok oder Ogre. Die kennt keiner, aber in Bergsteigerkreisen war das eine große Geschichte.

Timeline Production

STANDARD: Inwieweit hat die Corona-Pandemie Ihr Leben verändert?

A. Huber: Die Vorträge vor Publikum mussten abgesagt werden. Wir haben das Glück in der traumhaften Gebirgsregion Berchtesgadener Land zu leben, in zehn Minuten am nächsten Felsen zu sein. Ich habe auch eine kleine Landwirtschaft. Für mich gibt es nicht so den gravierenden Unterschied zum normalen Leben. Finanziell schaut es dagegen ganz anders aus. Und für die Kinder, die nicht in die Schule gehen können, ist es ein massiver Einschnitt in ihrem Leben.

T. Huber: Ich verstand dieses Einkasernieren nicht. Man ist diese Krise sehr rational angegangen, hat jedoch die emotionalen Komponenten nicht beachtet: was macht das Eingesperrt sein mit den Menschen? Verantwortungsvoll hinaus zu gehen ist die beste Medizin für vieles, weil die Psyche der Motor für alles ist. Jeder muss nun positiv nach vorne schauen und für sich das Beste daraus machen. Ich als Rock' n' Roller würde gerne mit meiner Band "Plastic Surgery Disaster" ein Konzert geben, oder mal selbst wieder eines besuchen, den Schweiß und die Nähe der Menschen spüren, oder bei einem Vortrag in ausverkauftem Saal die Energie erleben.

Deaf Shepherd Recordings

Es sind zweifelsohne schwierigste Zeiten die wir nur mit einer mutigen Gemeinschaft schaffen können. Als Bergsteiger würde ich sagen: Stell dich mit all deinem Können der Herausforderung, weil sonst erreichst du nie den Gipfel. Und wenn wir am Ende alle den Gipfel erreichen, können wir zurückschauen auf eine wahnsinnige Zeit, in der die ganze Welt auf einer Expedition war' (Thomas Hirner, 18.5.2020)

Alexander (51) und Thomas (53) Huber schafften eine Vielzahl von Erstbegehungen. Ersterer studierte Physik, Zweiterer Sport und BWL. Die Allroundalpinisten und staatlich geprüften Berg- und Skiführer haben Bücher veröffentlicht und halten Vorträge.

"Am Limit" wurde 2008 mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet. Der aktuelle Rekord an der "Nose" wird übrigens von Alex Honnold und Tommy Caldwell (beide USA) in 1:58 Stunden gehalten.