Ethnie und Einkommen sind die entscheidenden Schlüsselfaktoren dafür, wer in New York City an Covid-19 stirbt und wer überlebt. Dies zeigen die neuesten Daten der Stadtverwaltung deutlich. In den Gegenden der Stadt mit den höchsten Covid-19 Sterberaten leben überwiegend schwarze oder hispanische Bewohner. Auch im Ausland geborene New Yorker sind überproportional hart von der Pandemie getroffen. In den drei Bezirken im Stadtteil Queens mit den meisten Covid-19 Todesfällen leben Angehörige von Volksgruppen, die zum Großteil nicht in den Vereinigten Staaten geboren wurden. Zahlreiche wohlhabende New Yorker scheinen andererseits seit März, als der Ausbruch des Coronavirus in der Stadt begann, ihre Wohnungen in der Stadt fluchtartig verlassen zu haben, wie eine Untersuchung von Post-Nachsendeaufträgen ergab. 

Während Teile des Bundestaates New York langsam mit einer Wiedereröffnung beginnen, sind New York City und die Vororte noch Wochen von einer möglichen Aufhebung von "New York on Pause" entfernt. In der Zwischenzeit versucht man, der Bevölkerung mehr Platz in den öffentlichen Räumen zu geben. Die Strände der Stadt sind offen, allerdings sind dort weder das Schwimmen, noch Sportarten, Versammlungen oder Partys auf absehbare Zeit erlaubt. Ganze Straßenzüge werden seit letzter Woche für den Verkehr gesperrt, um New Yorkern mehr Bewegungsfreiraum zu ermöglichen. Gleichzeit versucht man, die Menschenmassen in den beliebtesten Parks der Stadt zu reduzieren.

Die New Yorker U-Bahn, normalerweise ein 24-Stunden Betrieb, wurde von 1 Uhr bis 5 Uhr morgens geschlossen, um mehr Zeit für die gründliche Desinfektion von Zügen, Bahnhöfen und Geräten zu ermöglichen. Auch will man dadurch die durch die Pandemie angestiegene Zahl der Obdachlosen in den Zügen und Stationen reduzieren. Es ist dies die erste Nachtabschaltung der Subway seit der Eröffnung des Systems vor 115 Jahren. Die New Yorker Bevölkerung scheint außerdem vermehrt auf alternative Transportformen umzusteigen. Einige Fahrradläden in Brooklyn verkaufen zur Zeit doppelt so viele Fahrräder wie üblich. Manche können dem Anstieg der Nachfrage gar nicht mehr gerecht zu werden.

Es folgen Eindrücke aus New York während des Corona-Frühlings und Berichte von Auslandsösterreichern aus Madrid, Paris, Jakarta und Bogotá.

Abgesperrte West End Avenue in Manhattan
Maria Jones
Reservoir im Central Park in Manhattan.
Maria Jones
New Yorker mit kreativer Maske.
Foto: Samantha Benowitz
New York Historical Society, Central Park West. Radfahrer mit Maske.
Foto: Karen Imberg

Madrid, Spanien

Angela lebt mit ihrer Familie seit 2001 in Madrid. Sie leitet ein auf Krankenhausarchitektur spezialisiertes Architekturbüro und arbeitet während der Krise daran, Hotels als Geburten-Hotels umzufunktionieren, um gesunden, schwangeren Frauen eine sichere Umgebung anzubieten.

"In Spanien starben bisher mehr als 27.000 Menschen, wobei die täglichen Todesfälle in den letzten Tagen auf 200 zurückgegangen sind. In der Region von Madrid sind fast 6.000 Menschen in Altersheimen der Krankheit erlegen. Gemäß eines gerade veröffentlichten Antikörper-Tests von 60.000 Personen haben nur fünf Prozent der spanischen Bevölkerung Antikörper für Covid-19 entwickelt. Spanien hat seit kurzem einen Vier-Phasen-Plan. Jede Phase dauert im Idealfall zwei Wochen, und soll uns zur gewohnten Normalität zurückbringen, nach mehr als zwei Monaten strengster Isolation. Vor zwei Wochen durften zum ersten Mal die Kinder hinaus, für eine Stunde täglich und im Umkreis von einem Kilometer. Der neue Stundenplan beginnt nun damit, dass wir gestaffelt, je nach Alter, wieder auf die Straße gehen dürfen.

Provisorische Lazarette und zu Spitälern umfunktionierte Hotels werden langsam geschlossen. Wir pflegen unsere neuen Traditionen, wir applaudieren, singen und tanzen weiter, um 20 Uhr für Ärzte, Polizei und Militär, und um 21 Uhr wird mit Töpfen, Pfannen und Kochlöffeln Lärm gemacht als Protest gegen die Regierung, die der Situation nicht gerecht wurde. Das Zusammenleben hat eine neue Echtheit bekommen, auch wenn es nicht einfach ist. Die Fragilität des Systems, der Gesellschaft, der Gesundheit, macht das Leben intensiver.

Viele Spanier, die in Großstädten wohnen schließen die Balkone ihrer Wohnungen, um Wohnraum dazuzugewinnen. Aber in Covid-Zeiten wird der Balkon plötzlich als privater Außenraum zu einem Schlüsselelement der Wohnung, und diejenigen, die sie besitzen, zu Privilegierten. Spanischen Wohnungen haben außerdem zwei Hauptprobleme: zu wenig Licht und zu laut. Wenn man plötzlich wochenlang Tag und Nacht in seiner Wohnung isoliert ist, wird man sich dessen viel bewusster.

Großstädte wie New York, Madrid oder London sind von der Krise besonders betroffen. Alle drei haben große internationale Flughäfen, werden überschwemmt von Touristen, und sind für Firmen aus aller Welt interessant. Aufzüge, veraltete U-Bahnen mit schlecht durchlüfteten Tunnels, schmale Gehsteige, große, alte Spitäler, die den Normen zur Infektionsvermeidung nicht standhalten, hohe Luftverschmutzung: all das sind Faktoren, die diese Städte gemeinsam haben und die sie zur Zeit verwundbar machen. Auch Armut und dadurch bedingte enge Wohnverhältnisse sind ein klarer Risikofaktor in dieser Pandemie. Dieser Tage wird viel über Städtebau debattiert. Die grüne Stadt fördert vor allem die Transition vom privaten Auto zum öffentlichen Transport, und bevorzugt die kompakte und dichtere Verbauung, während nun die angestrebte gesunde Stadt vor allem in ihrem Transportsystem für eine gewisse soziale Distanz sorgen muss. Ein schwierig zu lösendes Dilemma."

Lazarettkrankenhaus in Madrid
Angela
Zugebaute Balkone in Madrid.
Angela

Paris, Frankreich

Eva wohnt seit eineinhalb Jahren in Paris (Rive Gauche). Sie arbeitet für die Schauspielschule "Cours Florent".

"Macron hat Mitte März die Schließung aller Schulen in Frankreich verkündet. Es war gespenstisch ruhig, alle Straßen waren leer. Da das Gerücht eines bevorstehenden Lockdowns oder 'Confinement' wie man hier sagt, schon länger herumgeisterte, flüchteten viele reiche Pariser mit dem Auto aufs Land zu ihren Zweitwohnsitzen, andere spazierten sorglos in den Parks umher. Dann wurde das 'confinement' offiziell verkündet, das bis zum 11. Mai andauerte. Anfang April wurden die Auflagen noch einmal strenger und man durfte nicht mehr unter Tags spazieren oder joggen gehen. Daher stand ich manchmal früher auf, um mich in dem erlaubten Radius von einem Kilometer zu bewegen. Es war manchmal unheimlich, durch so eine verlassene Stadt zu gehen - besonders an trüben Tagen.

Mittlerweile ist wieder ein wenig Leben in die Stadt zurückgekehrt. Die Covid-Zahlen sind auch am Sinken. Wein- und Delikatessen-Läden waren übrigens durchgehend offen in meinem Arrondissement. Gestylt waren sie auch, die Pariser und Pariserinnen - ich habe das genau von meinem Balkon beobachtet. Es gab während der Ausgangssperre auch einen Blumen Liefer-Service, der mir wunderschöne frische Pfingstrosen aus Südfrankreich lieferte. Ich hoffe, dass bald die Parks aufsperren, damit die Leute mehr Freiheit haben, aber es herrscht leider eine tiefes Misstrauen in der Gesellschaft.

Schwierig ist die Lage in den Banlieues, wo Leute, die sowieso schon gesellschaftlich benachteiligt sind, in sehr kleinen und engen Wohnungen wohnen. Leider ist von meiner Schule ein Wachmann, der auch in so einem Vorort wohnt, schwer erkrankt. Bei ihm hat es die ganze Familie erwischt und er liegt im künstlichen Koma. Das hat mich persönlich sehr betroffen, da er der letzte war, von dem ich mich unter Tränen an meinem letzten Tag verabschiedet habe. Er hat mir gut zugeredet und gemeint, dass alles wieder gut wird und wir uns bald wiedersehen. Das einzige was mich erleichtert hat war, dass er anscheinend nicht warten musste, um im Krankenhaus behandelt zu werden.

Am 11. Mai endete das Confinement, das angekündigte Verkehrschaos blieb aus. In den Métro Stationen werden Masken und Desinfektionsmittel verteilt. Die Rue de Rivoli und andere wichtige Verkehrsstraßen wurden für Radfahrer gesperrt und es gibt sogar Förderungen, wenn man sich ein Fahrrad kauft. Die Pariser sind allerdings noch immer ängstlich und skeptisch, aber die Lockerungen sind spürbar und man sehnt sich sehr nach Normalität. Es ist ungewiss, wie es weitergeht."

Pont des Arts in Paris.
Foto: Eva
Geschlossenes Cafe in Paris
Foto: Eva

Jakarta, Indonesien

Marten (24) ist gebürtiger Steirer und lebt seit drei Jahren in Jakarta. Er arbeitet im Management einer landesweiten Firma im Bildungsbereich, die sich für die Ausbildung junger IndonesierInnen einsetzt.

"Indonesien ist das Land der Inseln und Vulkane und die Heimat von mehr als 270 Millionen. Am meisten von der Corona Krise betroffen ist die Haupstadtregion Jakarta mit mehr als 30 Millionen Einwohnern. Verglichen mit den Corona Regelungen in Österreich wird in Jakarta ein sanfterer Lockdown durchgeführt.

Normalerweise werden während des Ramadans für jeden Abend Verabredung zum gemeinschaftlichen Fastenbrechen gemacht, mit der Verwandtschaft, Arbeitskollegen oder der Abschlussklasse. Abgesehen davon, dass der Ramadan und seine Festlichkeiten noch nie so antisozial wie heuer begangen wurden, ist es bemerkenswert, dass die Einschränkungen, die vor allem Gemeinschaftsorte wie Moscheen betreffen, auch ernst genommen werden. In der jüngeren Vergangenheit haben in Indonesien konservativere Auslegungen des Islams an Zuspruch gewonnen. Aber selbst die konservativsten islamischen Gruppierungen proponieren nun die zum Ramadan dazugehörenden abendlichen Gebete (Tarawih) allein und zuhause durchzuführen. Auch die Istiqlal-Moschee, die größte Moschee Südostasiens, bleibt geschlossen. Gegen Sonnenuntergang werden an kleinen Imbissständen sogenannte Takjil, selbstgemachte warme Süßspeisen, verkauft. Das Takjil ist sozusagen das 'mise en bouche' der fastenden Muslime, wenn sie allabendlich zu Iftar das Fasten brechen. Am Ende des Ramadans steht für viele in Jakarta lebende Indonesier normalerweise eine Auszeit an. Millionen von Menschen brechen in ihre Heimatgemeinden auf, um das Ende des Fastenmonats zu zelebrieren. Im Moment aber steht Jakarta sozusagen unter einer Kuppel. Der alljährliche Heimatgemeinden-Exodus ist dieses Jahr untersagt. Für viele Studenten und ledige Arbeiter wird heuer wohl der einsamste Eid al-Fitr jemals. Keiner darf die Haupstadtzone verlassen.

In Jakarta zeigen sich die sozialen Missstände wie unter einem Brennglas. Während viele Einwohner im Substandard leben und sich Sanitär- und Waschräumlichkeiten teilen müssen, verbringen die Wohlhabenden die Tage mit 'Staycations'. Viele Hotels werben mit Selbstisolations-Paketen, Corona Tests inklusive. Dieser soziale Unterschied ist mir vor allem beim Einkaufen im Supermarkt aufgefallen. Grundsätzlich sind Supermärkte hierzulande für Bessergestellte ausgerichtet. Ein Supermarktbesuch in Corona Zeiten schaut so aus: Designer-Handtaschen und Gesichts-Visiere. Opernhandschuhe kombiniert mit Mundschutz-Masken in der Farbe 'Nude'. Die Reicheren in Jakarta sind teilweise penibel: Auch ein Pärchen mit am Rand abgedichteten Brillen und Safarihüten mit angenähtem Plastik-Vorhang ist mir aufgefallen. Ein Lächeln aus dem Mundschutz für ein Gruppenselfie mit der Freundin, die man zufällig beim Einkaufen getroffen hat, konnte ich auch beobachten. Die armen Bewohner von Jakarta müssen hingegen tun, was sie tun müssen: Nämlich trotz verringerter Nachfrage und Ausgangsbeschränkungen genügend finanzielle Mittel heimbringen. Tagelöhner und all jene, die durch den Virus ihre Jobs verloren haben, sind auf indonesische Weise sehr widerstandsfähig und pragmatisch. Die aktuellen Restriktionen werden akzeptiert und mit eingeschränkten Möglichkeiten die Verlangsamung der Virusverbreitung unterstützt, auch wenn Wege gesucht werden müssen, um ökonomisch durchzuhalten. Selbst Flaschensammler und deren Kinder tragen Masken. Ich verfolge gespannt, wie sich das alles auf die gesellschaftliche Kohäsion in Indonesien noch auswirken wird."

Hauptstrasse Jalan Sudirman, Jakarta
Marten
Altstadt Taman Fatahillah, Jakarta
Marten

Bogotá, Kolumbien

Amelia lebt seit März in Bogotá. Sie arbeitet als Marketing und PR-Manager für mehrere Firmen in Kolumbien. Davor hat sie in Rio de Janeiro, Barcelona, Buenos Aires, Berlin und auf den Balearische Inseln gearbeitet.

"Wenn man den Statistiken, basierend auf wenig Testungen, glauben schenken will, steht Kolumbien im Lateinamerika-Vergleich aktuell gut da. Die Zahlen von 16.000 Fällen und 590 Toten scheinen den überraschend strengen Kurs der Regierung zu unterstützen. Der dürfte zum großen Teil an der Bürgermeisterin von Bogotá liegen, die sich gegen die vom Präsidenten gewünschten Öffnungen stellt und insofern am längeren Ast sitzt, weil der wichtigste Flughafen hier liegt. Als ich Anfang März aus Rio de Janeiro am Flughafen El Dorado ankam, wirkte es zumindest auf mich so, als würde man sich bemühen - es wurde bereits Fieber gemessen und nachgesehen, ob man in betroffenen Ländern wie Deutschland war. Gerade wurden Flüge bis Ende August abgesagt und auch der Inlandsverkehr bis auf weiteres verboten.

Lange hat meine Freiheit in Bogotá leider nicht gewährt. Ich kenne das lebensfrohe, chaotische Kolumbien der alten Realität bis in jeden Winkel. In der Corona-Blase zeigt es ein anderes Gesicht. Nach meinen ersten zwei Arbeitswochen wurde eine Probequarantäne ausgerufen, dann eine 'obligatorische, vorbeugende Isolation', die bis 25. Mai verlängert wurde. Seit letzter Woche darf man aber in Bogotá zumindest wieder jeden Tag hinaus. Bis dahin war der Ausgang nach Geschlecht geregelt, Männer durften an ungeraden Tagen, Frauen an geraden Tagen das Haus verlassen. In anderen Regionen des Landes wird anhand der Ausweisnummer bestimmt und streng kontrolliert, wer wann hinaus darf. Mittlerweile darf man bis 10 Uhr früh eine Stunde Sport machen. Weiterhin darf aber nur eine Person pro Haushalt in den Supermarkt oder die Apotheke gehen. Ich nutze die Möglichkeit in der früh, um das Haus zu verlassen. Ansonsten koche ich für unseren Portier österreichische Hausmannskost mit, die ihm zu schmecken scheint. In meinem Viertel im Norden Bogotás halten sich die Bewohner meistens an die Regeln, was nur möglich ist, weil die Menschen hier über finanzielle Reserven verfügen. Mit gesenktem Kopf sieht man sie einen großen Bogen um die Heerscharen der Fahrradzusteller machen, die die Straßen erobert haben.

In vielen Regionen dürfte es schwieriger sein, sich an die Ausgangsbeschränkungen zu halten. Schätzungen des kolumbianischen Statistikamtes (DANE) gehen davon aus, dass etwa 50 Prozent der Bevölkerung im informellen Sektor beschäftigt sind. Die spärlichen staatlichen Hilfen und Essensgutscheine erreichen sie kaum. Eine Quarantäne ist unmöglich für jemanden, der jeden Tag seine Dienstleistung oder Produkte auf der Straße anbieten muss, um zu überleben. Es stellt sich für diese Bevölkerungsschicht vermutlich bald die Frage, ob sie verhungert oder nicht. Für Firmen gibt es laut Dekret lediglich Unterstützung in Form von Stundungen und Krediten, von Hilfen wie Kurzarbeit kann man nur träumen. Für Angestellte sieht es ebenso wenig rosig aus: Arbeitslosengeld und Arbeitnehmerschutz gibt es im Prinzip nicht. In der Regel ist man nur einen Monat nach Kündigung nachversichert. Arbeitnehmer werden bei den schlechten Wirtschaftsaussichten einfach entlassen. Avianca zum Beispiel, die zweitgrößte Airline Lateinamerikas, hat kürzlich ein Sanierungsverfahren angemeldet."

Aufruf

Liebe Leserinnen und Leser! Wie geht es Ihnen? Welche Erfahrungen machen Sie in Zeiten des Coronavirus? Wie gehen Sie und Ihre Familie mit der Krise um? Ich freue mich, von Ihnen im Forum zu lesen. Oder schicken Sie mir Ihre Erfahrungsberichte oder Fotos an stellaschuhmacher@hotmail.com. Bleiben Sie gesund! (Stella Schuhmacher, 25.5.2020)

Plaza de Bolivar, einen Tag vor der Quarantäne. Bogota
Amelia
Warnungen zu Corona und Abstandhalten in einem Supermarkt, Bogota
Amelia