Eine Gruppe Javaneraffen auf einer thailändischen Insel wagt sich ins Wasser, weil ein Versorgungsboot der Marine Nahrungsmittel ins Meer geworfen hat. Die Tiere fischen auch gewohnheitsmäßig nach Krebsen und Muscheln. In der Regel sind Primaten aber keine ausgemachten Wasserratten.
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Obwohl das älteste bekannte Boot der Welt, der Einbaum von Pesse, ganze 10.000 Jahre auf dem Buckel hat und natürlich von einem Homo sapiens gebaut wurde, dürfte die Geschichte der Seefahrt erheblich weiter zurückreichen. Zumindest gibt es Anzeichen dafür, dass schon der Homo erectus, der erste (beinahe) globale Mensch, kürzere Strecken übers Wasser zurückgelegt hat.

Frühe Seewege

So gilt als eine der plausiblen Einwanderungsrouten von Afrika nach Europa die Straße von Gibraltar. Zudem hat sich der Homo erectus vor einer Million bis 800.000 Jahren über eine Reihe von südostasiatischen Inseln ausgebreitet, und Forscher gehen davon aus, dass einige auch damals, trotz niedrigeren Meeresspiegels, von Wasser umschlossen waren. Kürzere Strecken übers Meer, mit einem festen Ziel vor Augen, könnte unser Urahn also mit selbstgebastelten Gefährten zurückgelegt haben.

Die nächstlängere Etappe bis nach Australien hat er bereits nicht mehr geschafft. Auch nach Nord- oder Südamerika ist der Homo erectus nie vorgedrungen. Wirklich transozeanische Reisen blieben dann dem Homo sapiens vorbehalten. Viele Millionen Jahre zuvor waren aber bereits andere Primaten auf hoher See unterwegs gewesen – wenn auch nicht mit Absicht, sondern mit Pech, aus dem in seltenen Fällen noch Glück wurde.

Die Besiedlung Madagaskars

In den ersten zehn Millionen Jahren nach dem Einschlag des Asteroiden, der die großen Dinosaurier von der Landkarte gefegt hatte, überquerten Primaten an beiden Enden der Welt die Meere. Vor 60 bis 50 Millionen Jahren dürften die Urahnen der heutigen Lemuren nach Madagaskar gekommen sein. Deren enge Verwandtschaft untereinander deutet daraufhin, dass es eine einzige Gruppe von Pionieren war, die die damals schon lange isolierte Insel besiedelte.

Die Lemuren (hier im Bild ein Kronenmaki) konnten auf Madagaskar eine hohe Artenvielfalt entwickeln. Dennoch dürften sie alle auf dieselbe Gruppe von Pionieren zurückgehen.
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Als wahrscheinlichste Erklärung dafür gilt, dass die Tiere unfreiwillig auf einem Floß aus Pflanzenmaterial übersetzten – etwa einer Ballung von Bäumen und sonstiger Vegetation, die durch einen Sturm entwurzelt und aufs Meer hinausgetrieben wurde. Zwischen Afrika und Madagaskar lagen damals bereits einige hundert Kilometer. Das schließt eine durchgängige "Fahrt" nicht aus. Der Prozess könnte aber auch durch sogenanntes Island-Hopping erleichtert worden sein, also durch dazwischenliegende – und mittlerweile versunkene – kleinere Landmassen, die den Weg auf kürzere Etappen aufteilten.

Die Primaten des Nordens

Unklarer ist die Verbreitung von Primaten im Norden der Welt. Im Eozän, der Zeit vor 56 bis 34 Millionen Jahren, lebten verschiedene Primatengruppen sowohl in Nordamerika als auch in Europa und Asien. Trockenen Fußes können sie sich kaum so weit ausgebreitet haben, wieder dürften natürliche Flöße und Island-Hopping eine Rolle gespielt haben.

Unbekannt ist nur, ob dies im Osten zwischen Sibirien und Nordamerika erfolgte oder im Westen. Nordamerika war Europa, das damals noch keine zusammenhängende Landmasse bildete, im Eozän noch näher. Zwischen Nordamerika, Grönland und dem europäischen Archipel könnten Tiere also vor der bewältigbaren Aufgabe gestanden haben, immer nur kleine Meeresstraßen zu überwinden.

Der lange Weg nach Südamerika

Überraschenderweise waren es aber nicht die nordamerikanischen Primaten, die schließlich das heute dicht von Affen bevölkerte Südamerika kolonisierten. Die beiden Kontinente waren damals noch weit voneinander entfernt, und die Spur der nordamerikanischen Primaten aus der Gruppe der Omomyiden verliert sich vor 34 Millionen Jahren. Etwa um diese Zeit trafen zwar die ersten Affen in Südamerika ein, allerdings aus einer ganz anderen Richtung – aus Afrika. Sie absolvierten die wohl längste Seereise aller Primaten bis zum Auftauchen des modernen Menschen.

Auch der Weg zwischen Afrika und Südamerika war damals noch deutlich kürzer, "nur" etwa 1.000 bis 1.400 Kilometer. Dennoch strapaziert das die Vorstellung von einer Floßfahrt. Der kanadische Forscher Alain Houle legte im Jahr 1999 allerdings eine Berechnung vor, wonach ein ein Kilogramm schweres Tier 13 Tage auf einem solchen Floß überdauern könnte. Bei günstigen Strömungs- und Windverhältnissen könnte das gereicht haben. Auch in diesem Fall postulieren einige Forscher zudem die Möglichkeit, dass es entlang des Mittelatlantischen Rückens einst Inseln gab, die den langen Weg nach Westen in Etappen unterteilten.

Verschwundene Pioniere

Das jüngste Kapitel in der Geschichte der vormenschlichen Seefahrt kam für Forscher als komplette Überraschung. 2015 wurden in der peruanischen Amazonasregion Zähne von Affen gefunden, die einmal mehr die Verwandtschaft der heutigen Neuweltaffen zu ihren afrikanischen Vettern belegten. Unter den Funden fielen Erik Seiffert von der Keck School of Medicine der University of Southern California allerdings auch Backenzähne auf, die nicht ins Bild passten. Sie stammten von einem Affen aus einer ganz anderen Entwicklungslinie, wie Seiffert in "Science" berichtete. Die Folgerung: Es gab im selben Zeitraum gleich zwei unfreiwillige "Seefahrervölker" unter den Affen.

Diese Zähne stammen nicht von einem frühen Neuweltaffen, sondern von einem Tier, das eine vergleichbare Seereise bewältigt haben muss.
Foto: Erik Seiffert

Das anhand der Zähne klassifizierte Tier erhielt entsprechend der Fundregion Ucayali die Bezeichnung Ucayalipithecus perdita. Es lebte im Zeitraum vor 35 bis 32 Millionen Jahren und war eher kleinwüchsig, etwa so groß wie heutige Seidenäffchen. Und es gehörte laut Seiffert nicht zu den Ahnen der heutigen Neuweltaffen, sondern zu den Parapitheciden, einer Gruppe von Affen, von denen man zuvor nur in Ägypten Fossilien gefunden hatte. Auch dieser mittlerweile ausgestorbene Zweig der Primatenevolution hat Südamerika also kolonisiert, wenn auch nur für kurze Zeit.

Der Zusatz "perdita" im Namen steht dafür, dass diese Pioniere mittlerweile wieder verschwunden sind, ohne Nachfahren zu hinterlassen. Seiffert vermutet, dass sie der Konkurrenz durch die Neuweltaffen nicht gewachsen waren. Was eine bittere Ironie wäre: Die Tiere hatten das unwahrscheinliche Glück, das Hochseeabenteuer ihres Lebens zu überstehen, und bevölkerten anschließend mit ihren Nachkommen Südamerika bis in den Westen des Kontinents – um schließlich doch noch von entfernten Verwandten verdrängt zu werden. Das gleiche Schicksal widerfuhr anderen Affenpopulationen erst viel später, als sich ein anderer Primat gezielt aufs Meer hinausbegab. (jdo, 23. 5. 2020)