Der Kalte Krieg war die Hochphase der Atomwaffentests. Über 2.100 wurden von 1945 bis heute weltweit durchgeführt, insbesondere in den 50er und 60er Jahren. Etwa ein Viertel davon fand oberirdisch statt. Obwohl die Atommächte für ihre Tests natürlich abgelegene Regionen auswählten, wurden radioaktive Partikel weit um den Globus getragen. Aus deren Verteilung haben Wissenschafter in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einiges über die Strömungen in der Atmosphäre gelernt, sagt der Atmosphärenforscher Giles Harrison von der Universität Reading in Großbritannien.

Die Bomben brachten den Regen

Harrison und seine Kollegen von den Universitäten Bath und Bristol sind inzwischen einer weiteren Konsequenz der Explosionen auf die Spur gekommen: Die scheinen nämlich das Wetter beeinflusst zu haben, genauer gesagt den Regen – und das auch in Regionen, die weit von den Testgeländen entfernt waren. Die Tests hätten dichtere Wolken und eine im Schnitt um 24 Prozent erhöhte Regenmenge nach sich gezogen, berichtet das Team im Fachmagazin "Physical Review Letters".

16. Juli 1945: Mit dem Trinity-Test nahe Alamogordo im US-Bundesstaat New Mexico begann die Ära der Atomwaffentests.
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Zu diesen Daten kamen die Forscher durch historische Aufzeichnungen der Wetterstationen Kew nahe London und Lerwick auf den Shetland-Inseln und deren Vergleich mit Ort und Zeitpunkt durchgeführter Atomwaffentests. Die Aufzeichnungen stammen aus dem Zeitraum 1962 bis 1964, als oberirdische Tests noch gang und gebe waren und entsprechende Mengen Radioaktivität freisetzen. Insbesondere das abgelegene Kerwick, das zumindest damals noch weitestgehend frei von sonstiger Umweltverschmutzung war, lieferte einen guten Gradmesser für die Menge radioaktiver Partikel, die von weither angeweht wurden.

Faktor elektrische Ladung

Die verstärkte Wolkenbildung kam laut Harrison durch eine Ionisierung der Atmosphäre zustande, für die radioaktive Partikel wie etwa Strontium-90 verantwortlich waren. Der Faktor elektrische Ladung gelte schon lange als entscheidend dafür, wie Wassertröpfchen in Wolken kollidieren und zu größeren Tropfen verschmelzen. Das sei in natura nur schwer nachzuverfolgen, doch die "politisch aufgeladene Atmosphäre des Kalten Kriegs" ermögliche nun einen Einblick, bemüht Harrison ein Wortspiel.

Diesen Einblick wollen die Forscher nun für weitere Analysen heranziehen: zum einen, was die Rolle der natürlichen Elektrizität bei einem Gewitter anbelangt. Zum anderen denken sie aber auch an potenzielle Geoengineering-Maßnahmen. Zumindest theoretisch wäre es möglich, über elektrische Ladungen Einfluss auf den Regen zu nehmen, um beispielsweise Trockenperioden zu verkürzen oder auch um Überflutungen durch drohenden Starkregen vorzubeugen. (red, 24. 5. 2020)