Trotz internationaler Warnungen wurde in Tirol weitergefeiert.

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Innsbruck – Wer wusste was, und vor allem wann? Diese Fragen sorgen für Unstimmigkeiten zwischen dem Land Tirol und dem Gesundheitsministerium. Wie DER STANDARD am Mittwoch in seiner Online-Ausgabe berichtete, hatten mehrere europäische Staaten das österreichische Gesundheitsministerium über das medizinische Frühwarnsystem EWRS zwischen 8. und 13. März 2020 über infizierte Urlaubsrückkehrer aus Ischgl informiert. Doch offenbar wurden diese Warnungen mit einer Ausnahme nicht an das Land Tirol weitergeleitet.

Dänemark sandte am Abend des 8. März eine Meldung via EWRS, dass Ischgl womöglich ein Hochrisikogebiet für Covid-19-Infektionen sei. Man habe vier Urlaubsrückkehrer aus dem Paznaun, die unabhängig voneinander unterwegs waren, positiv getestet. Diese erste Warnung der Dänen wurde, weil es ein Sonntag war, von Franz Allerberger, dem Leiter der Agentur für Gesundheit (Ages), beantwortet und umgehend an die Tiroler Landessanitätsdirektion weitergeleitet. Laut Allerberger gehen EWRS-Meldungen üblicherweise eigentlich direkt an das Ministerium. An Sonn- und Feiertagen aber springe die Ages quasi als Bereitschaftsdienst ein.

Detaillierte Warnungen aus mehreren Ländern

Von 9. bis 13. März erreichten weitere EWRS-Warnungen betreffend infizierte Ischgl-Heimkehrer aus Kroatien, Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden das Gesundheitsministerium. Dänemark sandte am 13. März sogar noch eine detaillierte Auflistung von 283 mit dem Coronavirus infizierten Urlaubsheimkehrern aus Österreich. Allein 184 davon kamen aus Ischgl, 60 aus St. Anton am Arlberg. Doch diese Warnungen wurden, so das Land Tirol, nicht weitergeleitet.

Aus dem Ministerium gibt es dazu vorerst keine Stellungnahme. Man prüfe derzeit den Sachverhalt, und das nehme Zeit in Anspruch. Daher bittet man noch um etwas Geduld, bis alle Fakten vorliegen. Der Leiter des Tiroler Einsatzstabes, Herbert Forster, versichert, dass man der ersten Meldung aus Dänemark, die noch von der Ages weitergeleitet wurde, umgehend nachgegangen sei. Das belegen auch E-Mails zwischen Tirols Landessanitätsdirektion und dänischen Behörden, die dem STANDARD vorliegen.

Verdachtsfälle in Aprés Ski-Bar waren bekannt

Diese Unterlagen zeigen zudem, dass Tirols Gesundheitsbehörden am 8. März neben dem bestätigten Corona-Fall des Barkeepers von elf weiteren Verdachtsfällen unter den Mitarbeitern der Après-Ski-Bar Kitzloch in Ischgl wussten. Diese würden teils seit vier Wochen an "grippeähnlichen Symptomen" leiden, heißt es im Mailverkehr. Am Montag, dem 9. März, nachdem die Testergebnisse dieser elf Personen vorlagen, verordnete das Land Tirol die Schließung des Kitzloch, am 10. März die Schließung aller Ischgler Après-Ski-Lokale.

Aus den EWRS-Warnungen, die nicht an die Tiroler Behörden weitergeleitet wurden, geht hervor, dass man Ischgl im Ausland offenbar schon als Hochrisikogebiet betrachtete. Die österreichische Regierung erklärte das Paznaun und St. Anton am Arlberg aber erst am Freitag, dem 13. März, offiziell zum Risikogebiet. Am selben Tag verhängte der Bundeskanzler via TV-Ansprache die Quarantäne über diese Gebiete. (Steffen Arora, 21.5.2020)