Sicher ist: Ohne staatliche Unterstützung wird es eng für die größte deutsche Airline.

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Frankfurt – Die Rettung der finanziell angeschlagenen deutschen AUA-Mutter Lufthansa ist einem Medienbericht zufolge ins Stocken geraten. In der Schlussphase der Gespräche habe die deutsche Bundesregierung neue Forderungen aufgebracht, die eine Sanierung faktisch unmöglich machen würden, berichtete das "Handelsblatt" unter Berufung auf informierte Kreise.

Flugzeugabnahme als Knackpunkt

Demnach solle die Lufthansa alle Flugzeuge abnehmen, die sie bei Airbus bestellt habe. Für die Lufthansa wäre dies eine enorme finanzielle Belastung, berichtete das Blatt weiter. Demnach würden für die Maschinen in den kommenden drei bis vier Jahren über 5 Milliarden Euro nötig werden.

Angesichts dieser neuen Bürde hätten sich die Vertreter von Bund und Unternehmen nicht auf das 9 Milliarden Euro schwere Sanierungspaket – das auch eine Teilverstaatlichung beinhaltet – einigen können, schrieb die Zeitung. Eine für den heutigen Freitag geplante Aufsichtsratssitzung sei daher auf Montag verschoben worden.

Über das Wochenende werde den informierten Kreisen zufolge weiter verhandelt. An diesem Wochenende sollen wie berichtet auch Verhandlungen über die Hilfen zur Rettung der österreichischen Lufthansa-Tochter AUA (Austrian Airlines) weiter gehen. Auch die AUA braucht Staatshilfe von der österreichischen Regierung.

Lufthansa: "Auf sehr gutem Weg"

Das Startsignal für die milliardenschwere Rettung der Lufthansa verzögert sich somit. Zwar steht seit Mittwoch der grobe politische Rahmen für Kredite und Staatseinstieg unterhalb einer Sperrminorität, doch der Aufsichtsrat konnte sich heute noch nicht mit Details befassen. So konnte das Kontrollgremium auch nicht die für Kapitalmaßnahmen notwendige außerordentliche Hauptversammlung einberufen. Für das Aktionärstreffen gilt laut Lufthansa eine Ladungsfrist von vier Wochen.

Man sei auf einem "sehr guten und konstruktiven Weg", erklärte ein Sprecher des Lufthansa-Konzerns am Freitag. Keinen Kommentar wollten er sowie Ministerien in Berlin zu den Informationen des "Handelsblatts" abgeben, dass es in letzter Minute zu Meinungsverschiedenheiten über die künftige Abnahme von Airbus-Jets gekommen sein soll. Am Freitag beriet nach dpa-Informationen der Lufthansa-Vorstand die Lage.

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Es geht um Details

Während Kritiker fehlende Öko-Auflagen und mangelnden Arbeitnehmerschutz monierten, feilten die Beamten in den beteiligten Berliner Ministerien an den technischen und rechtlichen Details der ersten großen deutschen Staatsbeteiligung an einem Unternehmen in der Corona-Krise. Die Entscheidung fällt dann im Lenkungsausschuss des staatlichen Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF).

Dabei sind strenge EU-Vorgaben zu berücksichtigen – Brüssel soll dem Plan am Ende schließlich zustimmen. So darf eine Beteiligung nur vorübergehend sein, der Staat muss eine "Exit-Strategie" entwickeln. Dazu kommt, dass bei den Beihilfe-Regeln auch der Klimaschutz eine Rolle spielt, die EU will ihren ambitionierten "Green Deal" abgebildet sehen.

Grober Rahmen bekannt

Zumindest der grobe Rahmen für die Rettung des einstigen Staatsfliegers ist bekannt: Neben milliardenschweren Krediten durch die Staatsbank KfW und stillen Einlagen will sich der deutsche Bund mit 20 Prozent direkt an der Lufthansa beteiligen. Dies läge unterhalb der Sperrminorität, mit der wichtige Entscheidungen blockiert werden könnten. Geplant ist zusätzlich eine sogenannte Wandelschuldverschreibung im Wert von 5 Prozent plus einer Aktie. Diese Anleihe könnte jederzeit in Stammaktien umgewandelt werden, um die Lufthansa im Notfall vor einer feindlichen Übernahme zu schützen.

Laut einer Börsen-Pflichtmitteilung der Lufthansa vom Donnerstag will der Bund seine Anteile zum Nennwert von 2,56 Euro pro Aktie erwerben, deutlich unter dem jüngsten Aktienkurs von gut 8 Euro. Diese Kapitalmaßnahmen einschließlich einer möglichen vorausgehenden Teil-Entwertung der Alt-Aktien (Kapitalschnitt) müssten von der Hauptversammlung beschlossen werden, die nach Stand der Dinge frühestens Ende Juni stattfinden könnte.

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Die Aktionäre müssten also schmerzlichen Schnitten zustimmen, wollen sie ihr Investment in einer Insolvenz nicht komplett verlieren. Mit dem Staatseinstieg würden ihre Anteile verwässert, auf Dividenden müssten sie auf Jahre verzichten.

Zeit drängt

Die Zeit drängt, weil die Lufthansa nach eigenen Angaben jeden Monat 800 Millionen Euro Bargeld verliert, unter anderem für Leasingverträge und Kerosin-Vorauskontrakte. Die Reserve von gut 4 Milliarden Euro von Anfang Mai muss ohnehin um 1,8 Milliarden Euro Kundengelder bereinigt werden, die der Konzern für stornierte Tickets noch nicht an seine Kunden zurückgezahlt hat.

Der Kurseinbruch der Lufthansa-Aktie im Sog der Corona-Krise dürfte im übrigen auch das Ende der Fluggesellschaft im DAX bedeuten. In einer aktuellen Studie sieht auch die Landesbank Baden-Württemberg das zu den Mitgliedern der ersten Stunde im deutschen Leitindex zählende Unternehmen auf einem "Fast-Exit"-Platz. Zuvor hatten bereits das Bankhaus Oddo Seydler und die Commerzbank anhand der letzten Rangliste vom Monat April Ähnliches gemutmaßt.

Das bedeutet im Fall der Lufthansa, dass ihr am Streubesitz orientierter Börsenwert von rund 3,4 Milliarden Euro nicht mehr die Verbleibs-Kriterien für eine DAX-Mitgliedschaft erfüllt. Nach fast 32 Jahren in der ersten Börsenliga müsste sie dann wohl Deutsche Wohnen Platz machen. Die nächste außerordentliche DAX-Überprüfung ist am 4. Juni. Sollte es zu einem Austausch kommen, würde der zum 22. Juni stattfinden. (APA, dpa, 22.5.2020)