Jedes Hai-Weibchen bringt nur eine überschaubare Zahl von Jungen zur Welt.
Foto: AP/Vern Fisher/Monterey County Herald

Wien – Weiße Haie werden sehr spät geschlechtsreif, möglicherweise erst in ihren 30ern. Jungtiere schlüpfen im Verlauf einer knapp einjährigen Trächtigkeit noch im Mutterleib aus den Eiern, ihre Zahl pro "Wurf" liegt zumeist im einstelligen Bereich. Bei einer so langsamen Reproduktionsrate würde sich Brutpflege anbieten, um den kostbaren Nachwuchs zu schützen.

Ein solches Verhalten ist von den großen Meeresräubern aber nicht bekannt. Der einen bis eineinhalb Meter lange Nachwuchs muss allein für seinen Lebensunterhalt aufkommen – und sich dabei hüten, nicht selbst einem Feind zum Opfer zu fallen. Immerhin hat sich bei den Tieren aber ein Verhalten herausgebildet, das den Kleinen doch einen gewissen Schutz bietet: Weiße Haie werden in küstennahen Gebieten zur Welt gebracht, in denen sich die Zahl potenzieller Fressfeinde in Grenzen hält, und können dort einigermaßen sicher so lange wachsen, bis ihnen niemand mehr gefährlich werden kann.

Vergangenheit, ...

Ein internationales Forschungsteam unter Leitung von Jaime A. Villafaña vom Institut für Paläontologie der Universität Wien hat nun eine solche Kinderstube entdeckt, und sie ist einige Millionen Jahre alt. Die Paläontologen haben für ihre Studie, die in "Scientific Reports" veröffentlicht wurde, fünf bis zwei Millionen Jahre alte fossile Zähne des Weißen Hais von mehreren Fundorten entlang der Pazifikküste Chiles und Perus statistisch untersucht. Sie wollten damit die Körpergröße der Tiere in der Vergangenheit rekonstruieren.

Es zeigte sich, dass zur damaligen Zeit die Körpergrößen entlang der südamerikanischen Pazifikküste erheblich variierten. So gab es in einer Fundstelle in Coquimbo im Norden Chiles den höchsten Anteil an Jungtieren, aber den niedrigsten Prozentsatz an "Teenagern". Geschlechtsreife Tiere fehlten völlig. Für die Wissenschafter handelt es sich daher um den ersten unzweifelhaften Nachweis einer Paläo-Kinderstube des Weißen Hais.

... Gegenwart und Zukunft

Gegenwärtige Kinderstuben werden von Wissenschaftern und Tierschützern verstärkt gesucht, um den Rückgang der Hai-Beistände durch entsprechende Schutzmaßnahmen einzudämmen. Denn diese Aufzuchtgebiete sind wichtig für die Aufrechterhaltung stabiler und reproduzierbarer Populationsgrößen, haben direkten Einfluss auf die räumliche Verteilung von Populationen und sichern das Überleben und den evolutionären Erfolg von Arten, betonen die Wissenschafter. Das Wissen über solche Orte sei jedoch noch sehr begrenzt, sagt Villafaña.

An diesen Ort gibt (blau) oder gab (rot) es Kinderstuben von Weißen Haien.
Grafik: Jaime Villafaña/Jürgen Kriwet

Interessant an der nun entdeckten Paläo-Kinderstube sei auch, dass sie aus einer Zeit stammt, als das Klima wesentlich wärmer war als heute. Daher könne man diese Zeit als Analogie zu der zu erwartenden Klimaerwärmung in der Zukunft betrachten. Die Forscher gehen davon aus, dass sich durch die steigenden Temperaturen der Meeresoberfläche die jetzigen Aufzuchtgebiete der Haie verschieben werden. Dies hätte direkten Einfluss auf die Populationsdynamik des Weißen Hais und würde sich auch auf seinen evolutionären Erfolg in der Zukunft auswirken. (red, 22. 5. 2020)