Auch die Formel 1 muss in der Corona-Krise den Fuß vom Gas nehmen. Noch ist Geduld gefragt, der Saisonstart erfolgt am 5. Juli in Österreich.

STANDARD: Angeblich soll in jeder Krise eine Chance stecken. Was kann der Motorsport jetzt lernen?

Wolff: Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass es schwarze Schwäne gibt. Das heißt, dass Ereignisse eintreten, die selten und höchst unwahrscheinlich sind. Am Anfang des Jahres hätte ich einen globalen Lockdown nicht für möglich gehalten. Diese Zeit ist ein einschneidendes Erlebnis. Die Formel 1 ist nicht das Wichtigste.

Toto Wolff geht mit Mercedes auf den siebenten Titel in Folge los.
Foto: Reuters/Shemetov

STANDARD: Was denn?

Wolff: Die Gesundheit, das Wohlbefinden der Menschen. Das mag banal klingen, aber so ist es nun einmal. Es geht nicht nur um Covid-19, es geht auch um die mentale Gesundheit. Menschen haben Angst um ihre Arbeitsplätze, viele bangen um ihre Existenz. Das sind keine guten Voraussetzungen für ein zufriedenes Leben.

STANDARD: Auch an der Formel 1 hängen Arbeitsplätze, Menschen verdienen ihren Lebensunterhalt.

Wolff: Das Business Formel 1 generiert zwei Milliarden Dollar Umsatz, davon werden 70 Prozent an die Rennställe ausgeschüttet. Die Teams müssen in erster Linie ihre Personalkosten decken. Wenn ein Großteil der Einnahmen aufgrund fehlender Rennen wegbricht, hat das für unsere Strukturen eine Konsequenz.

STANDARD: Welche unmittelbaren Konsequenzen gab es bereits?

Wolff: Es gab in unserem Team wie in der gesamten Formel 1 überhaupt keine Tätigkeit in puncto Racing. So war es im Sinne der sportlichen Fairness vereinbart. Wir haben lediglich Atemgeräte für das Gesundheitswesen entwickelt. Fast alle unserer Mitarbeiter waren in bezahltem Urlaub. Eine schwierige Situation, Entschleunigung ist nicht unser Metier.

STANDARD: Die Saison hätte beinahe im März in Melbourne begonnen. Mercedes hat schnell die Koffer gepackt, andere Teams waren zögerlicher. Ein Fehler?

Wolff: Die einen haben gedacht, sie haben ein schnelles Auto und wollten unbedingt Rennen fahren. Die anderen dachten, sie haben ein langsames Auto und wollten verzichten. Peinlicher Opportunismus. Am Ende hat zum Glück der Menschenverstand gesiegt.

STANDARD: Nun soll es am 5. Juli in Österreich losgehen. Man möchte bis Dezember 19 Rennen durchpeitschen. Ist das zu ambitioniert?

Wolff: Der provisorische Kalender ist mit Vorsicht zu genießen. Wir wissen nicht, wie sich die Situation entwickelt. Man wird sich immer wieder den jeweiligen Lockerungen oder Vorsichtsmaßnahmen anpassen müssen. Ich hoffe, dass wir eine europäische Saison bis September hinkriegen. Leider unter Ausschluss der Zuseher.

STANDARD: Wer wird mehr fehlen? Der VIP mit dem Shrimpscocktail oder der Fan beim Griller?

Wolff: Die Fans sind Herz und Seele unseres Sports. Ich kann mir aber auch Rennen ohne Zuseher vorstellen. Ich habe selbst in vielen Klassen solche Rennen bestritten. Es reduziert sich dann auf den puren Wettbewerb. Das hat auch seinen Charme, ist aber nicht das, was wir langfristig wollen.

STANDARD: Lewis Hamilton hat die Möglichkeit, seinen siebenten WM-Titel einzufahren, er könnte den Rekord von Michael Schumacher einstellen. Macht man sich darüber Gedanken?

Wolff: Nein, Rekorde werden erst gegen Ende der Saison zum Thema. Man sollte nicht zu weit vorausdenken, sonst verliert man den Fokus auf das Tagesgeschäft. Aber wir wissen natürlich, dass es möglich ist, Geschichte zu schreiben. Dafür müssen wir Lewis das bestmögliche Auto hinstellen.

STANDARD: Ende der vergangenen Saison wurden Ferrari und Red Bull immer stärker. Geht Mercedes trotzdem als Favorit in die WM?

Wolff: Wir haben nie den Fehler gemacht, uns selbst zu überschätzen. Dabei bleiben wir. Wir zweifeln immer daran, ob wir gut genug sind. Wir stellen alles infrage. Das ist unser Mindset, die Skepsis pusht uns. Das ist kein Understatement. Aber ich weiß: Wir gehen manchen Fans auf die Nerven.

STANDARD: Sie sind bei Aston Martin als Aktionär eingestiegen. Das hat für Spekulationen und Irritationen gesorgt. Aston Martin stellt ja ab 2021 ein Werksteam. Welches Interesse verfolgen Sie?

Wolff: Ich habe keine Ambition auf eine operative Tätigkeit. Es handelt sich um ein Investment im Sinne einer Portfoliodiversifikation in einem Geschäftsbereich, den ich einigermaßen verstehe. Die Marke hat unglaubliches Potenzial. Wird sie richtig gemanagt, sehe ich die Möglichkeit, sich wie Phönix aus der Asche zu erheben.

STANDARD: Sebastian Vettel verlässt Ferrari mit Saisonende. Sie haben ihm schöne Augen gemacht. Sehen wir ihn kommende Saison im Mercedes sitzen?

Wolff: Die Priorität liegt bei unseren eigenen Fahrern, dazu zählt auch der Juniorenkader. Nichtsdestotrotz muss man so eine neue Situation berücksichtigen. Was bedeutet sein Abgang generell für die Schachzüge der Topfahrer, für die Schachzüge der Teams? Er ist ein vierfacher Weltmeister, ein integrer Mensch. Das wischt man nicht vom Tisch. Und trotzdem halte ich fest: Sebastian Vettel ist keine reelle Option. (Philip Bauer, 24.5.2020)