Großeltern entsprechen heute nicht mehr dem Bild der "klassischen Oma" oder des "klassischen Opas". Viele sind selbst noch berufstätig und wollen sich ihre Freizeit selbst gestalten.

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Frage:

"Mein Mann und ich haben einen dreijährigen Sohn. Er ist das erste Enkerl für beide Familienseiten. Aber anders als gedacht, hält sich die Begeisterung über ihn bei den Omas und Opas in der Schwiegerfamilie (die Eltern meines Mannes sind geschieden) in Grenzen. Also ja, zu Besuch kommen und ein bisschen spielen ist okay, aber gleich mal einen Tag aufpassen oder gar übernachten lassen, das ist allen zu viel. Die Eltern von meinem Mann wohnen nicht weit von uns weg, und dennoch müssen wir betteln, wenn wir mal einen Babysitter brauchen. Dann wird immer gestöhnt von wegen, dass sie selbst keine Zeit haben oder schon was vorhaben oder einfach mal entspannen wollen. Das macht mich ehrlich traurig, und ich finde es auch für unseren Sohn sehr schade. Ich habe das als Kind ganz anders erlebt. Meine Großeltern haben sich immer gefreut, wenn wir da waren, und wollten uns gar nicht mehr hergeben. Mich kränkt es, weil wir oft wirklich Unterstützung brauchen würden. Klar, sie sind noch berufstätig und beide keine sechzig Jahre alt, aber ist es nicht selbstverständlich, dass man manchmal das Enkerl nimmt? Und zwar freiwillig? Dass man Freude daran hat, Oma und Opa zu sein? Wenn unser Sohn dann zu Besuch ist, reden oder spielen sie kaum mit ihm.

Sie scheinen überhaupt nicht viel mit ihm anfangen zu können, und der Kleine merkt das total. Manchmal würde ich sie gerne anschreien und sagen: 'Ihr redet mit ihm wie mit einem Hund!' Der Vater von meinem Mann hat noch nie was anderes in drei Jahren zu ihm gesagt als: 'Wo bist du denn? Na, wo bist du denn?' Mein Sohn, der schon alles spricht, schaut dann immer nur ungläubig drein. Nun frage ich mich, wie ich das Thema am besten anspreche. Habe ich überhaupt das Recht dazu? Mein Mann meint, dass es ihn zu sehr triggert, er kann mit ihnen nicht sprechen. Ich würde sie ja auch gerne an ihn heranführen, wenn sie da Hilfe brauchen, aber verstehen tue ich es nicht, da sie selbst vier Kinder haben ..."

Antwort von Hans-Otto Thomashoff

Selbstverständlich haben Sie das Recht, Ihren Wunsch nach mehr Engagement seitens Ihrer Schwiegereltern anzusprechen, doch genauso haben die auch das Recht, dass sie keine Lust haben, ihre Großelternrolle anzunehmen. Vielleicht haben sie mit den eigenen vier Kindern für ihren Geschmack genug an Erfahrungen mit dem Aufwachsen von Kindern gesammelt, sodass sie jetzt andere Dinge in ihrem Leben lebenswerter finden. Während Eltern eine Verantwortung für die Kinder haben, die sie in die Welt setzen, kann man das von Großeltern nicht so ohne Weiteres einfordern – sie haben ja keinen Einfluss darauf, ob und mit wie vielen Enkeln sie beglückt werden. Auch wenn das schade ist, weil ihnen wahrscheinlich schöne und wertvolle Beziehungserfahrungen entgehen, ist das zu respektieren.

Wenn Sie auf die Hilfe der Großeltern angewiesen sind, dürfte eine Bitte von Ihnen mehr bewirken als eine moralische Keule, auch wenn Ihnen das bei Ihrem inzwischen aufgestauten Ärger schwerfallen mag. Natürlich besteht die Gefahr, dass sie Nein sagen, was angesichts ihres Unwillens durchaus wahrscheinlich sein dürfte. Bliebe noch die Frage, wie es denn um Ihr Verhältnis zu den Schwiegereltern insgesamt steht. So richtig warm scheinen Sie ja während Ihrer Ehejahre mit denen bislang nicht geworden zu sein. Ob sich daran etwas ändern lässt und ob Sie und die das überhaupt wollen, das kann ich nicht beurteilen. Zum Glück gibt es ja nicht nur die Familie, sondern auch Freunde im Leben. (Hans-Otto Thomashoff, 27.5.2020)

Hans-Otto Thomashoff ist Psychiater, Psychoanalytiker, zweifacher Vater und Autor. Zuletzt veröffentlichte Bücher: "Das gelungene Ich" (2017) und "Damit aus kleinen Ärschen keine großen werden" (2018).
Foto: Alexandra Diemand

Antwort von Linda Syllaba

Wenn Sie sich gekränkt fühlen, dass Ihre Schwiegereltern nicht so begeistert über Ihre Elternschaft sind, wie Sie gehofft hatten, hat das mit Ihren Erwartungen zu tun. Ihre Erwartungen gehören jedoch Ihnen. Es ist ja okay, Erwartungen zu haben, doch es kann ganz gefährlich sein, die Verantwortung über die Erfüllung der eigenen Erwartungen abzugeben, noch dazu unabgesprochen. Da lauern viele Enttäuschungen. Und es öffnet Tür und Tor für unendliche Dramen innerhalb der Familie.

Natürlich wäre es schön, wenn die Großeltern sich so verhalten würden, wie Sie sich das wünschen. Tun sie aber nicht, und das gilt es zu akzeptieren. Da gibt es eigene Interessen, ein aufrechtes Arbeitsleben, eigene vier Kinder, die versorgt wurden, und nun wollen sie ihre Ruhe haben. Nachvollziehbar. Sie kennen es anders aus eigener Kindheitserfahrung, sagen Sie. Stimmt. Früher war sowieso alles ganz anders, da gab es Mehrgenerationenhaushalte, wo die Alten auf die Kinder geschaut haben, während die Jungen die Alten mitversorgt haben und das Frauen-/Mutterbild auch noch etwas anders gelagert war. Da wurden Kinder generell anders gesehen und behandelt. Die Welt hat sich verändert: Rahmenbedingungen wie Wohnsituation, Arbeitsleben, Mehrfachbelastungen et cetera. Die Haltung Kindern gegenüber hat sich leider nur sehr langsam verändert und steckt sozusagen noch in einem Selbstfindungsprozess, irgendwo zwischen Gehorsamskult und Gleichwürdigkeit.

Ich empfehle Ihnen, verabschieden Sie sich von Ihren Erwartungen, vor allem was die Freiwilligkeit und Begeisterung angeht; es ist ja schon mal etwas, wenn die Großeltern auf Anfrage die Kinder hüten. Bleiben Sie aktiv beim Einholen von Unterstützung. Und wenn es Ihnen emotional zu kompliziert wird, suchen Sie sich alternative Betreuungsmöglichkeiten. Neben bezahlten Babysittern, Leihomas und Ähnlichem bauen Sie sich ein Netzwerk mit anderen Eltern auf, wo mal der, mal die und alternierend auch Sie selbst auf die Kinder schauen, während die jeweils anderen Mamas und Papas Zeit für sich gewinnen. Schauen Sie gut auf sich selbst, Ihre Partnerschaft und Ihre Kleinfamilie. Wenn die Art, wie die Großeltern mit Ihrem Kind reden, Ihnen nicht passt, dann sollten Sie das unbedingt ansprechen und eventuell den Kontakt aufs Notwendigste reduzieren. Da geht es ja um Grenzen, die gewahrt werden müssen – Ihre eigenen und die Ihres Kindes. Es ist allerdings nicht Ihre Aufgabe, Ihren Schwiegereltern beizubringen, wie sie gute Eltern beziehungsweise Großeltern werden. Das halte ich für anmaßend, ebenso wie sie dafür zu verurteilen, dass sie nicht wissen, wie man Beziehungen sonst noch leben kann. (Linda Syllaba, 27.5.2020)

Linda Syllaba ist diplomierte psychologische Beraterin, Familiencoach nach Jesper Juul und Mutter. Aktuelles Buch: "Die Schimpf-Diät" (2019).
Foto: Bianca Kübler Photography