Um die Erzählungen von Zeitzeugen für die historische Forschung nutzbar machen zu können, sind die Gesprächsatmosphäre und eine vertrauensvolle Beziehung ebenso wichtig wie eine kritische Perspektive gegenüber persönlichen Erinnerungen.

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Wenn die Pandemie vorbei ist, wird wohl jeder einiges zu erzählen haben. Aber so wurde Geschichte schon immer geschrieben: nicht nur bloß in dicken Wälzern, sondern auch von Menschen im Dialog. Wer dabei war, erinnert sich zurück, oder Nachgeborene tragen weiter, was ihnen von damals erzählt wurde. Mit dieser kräftig sprudelnden Quelle beschäftigt sich in der Geschichtswissenschaft die Teildisziplin der sogenannten Oral History, die die Befragung von Zeitzeugen in den Mittelpunkt rückt.

Menschen sprechen aber nun einmal auf viele verschiedene Arten miteinander. Daher ist nicht sofort zu beantworten, auf welche Weise man sich Zeitzeugen nähert. Gertrude Eigelsreiter-Jashari vom Institut für Soziologie der Universität Innsbruck beschäftigt sich etwa mit dem Prinzip des Erzählkreises.

Dynamik des Erzählens

Dieser Zugang sei in der Forschung aber eigentlich gar nicht so üblich: "Obwohl der Erzählkreis in der Praxis schon häufig vorkommt – zum Beispiel in der Altenpflege –, hat sich die Geschichtswissenschaft damit bislang nur wenig beschäftigt. Die Dynamik des Erzählens in der Gruppe macht die Interpretation der qualitativen Daten aufwendig und ist vom Standpunkt der Geschichtswissenschaft aus theoretisch kaum beschrieben." Daher möchte Eigelsreiter-Jashari herausfinden, unter welchen Bedingungen es im Erzählkreis gelingt, zu validen Ergebnissen zu kommen.

Wo versammelt man die Befragten? In welcher Konstellation stellt man die Gruppen zusammen? Auf welche Art führt man das Gespräch? Das sind nur einige der Fragen, die sich die Historikerin stellt. So viel ist ihr aber inzwischen klar: Wichtig sei es, den Befragten auf Augenhöhe zu begegnen und eine Vertrauensbasis aufzubauen – vor allem im Dialog mit jugendlichen Zuwanderern sei das fundamental. Diese Erfahrung hat sie vor allem am vom Land Niederösterreich geförderten Zentrum für Migrationsforschung in St. Pölten gemacht, wo sie noch bis vor kurzem tätig war.

Blind vertrauen können die Wissenschafter ihren Interviewpartnern nicht, betont Michael John vom Institut für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Universität Linz: Und dabei erweisen sich seiner Ansicht nach auch manche theoretische Grundlagen als nicht tauglich – von der Grundregel der Soziologie, dass Suggestivfragen verboten seien, hält er nichts: "Wenn man etwas herausfinden will, vor allem ob jemand lügt, muss man auch manchmal provozieren."

Kritische Perspektive

So reichhaltig der kollektive Erinnerungsschatz auch ist, dürfen Historiker nämlich diese Erzählungen nicht gleich für bare Münze nehmen. Statt bloß vermeintlich Erlebtes zu protokollieren, ist es die Aufgabe der Forschung, das Gesagte zu kontextualisieren und zu überprüfen.

Darauf verweist auch Julia Demmer vom Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien: "Für das Verstehen der lebensgeschichtlichen Darstellung von Zeitzeugen ist aus sozialgeschichtlicher Perspektive die Interpretation biografischer Darstellungen bedeutsam." Die Herausforderung ist daher, eine kritische Perspektive zu behalten und gleichzeitig eine vertrauensvolle Gesprächsbeziehung aufzubauen.

Gert Dressel von der Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien erklärt, dass gerade das Selbstverständnis der Historiker im Umgang mit Zeitzeugen problematisch sein kann: "Wir wollen herausfinden, was war. Dafür gehen wir ja häufig regelrecht kriminalistisch vor und versuchen wie Sherlock Holmes das Geschehene zu rekonstruieren. Und dazu gehört eben auch Misstrauen – das ist aber nicht unbedingt der Atmosphäre förderlich, die man für solche Gespräche braucht."

Dennoch ist Dressel der Meinung, dass die Oral History weiterhin ein großes Potenzial habe – auch gesellschaftlich: "Wir sollten Geschichte in einer Weise verstehen, wo wir auch rausgehen und mit Menschen arbeiten und nicht nur über sie."

Das Schweigen brechen

Dabei verschlug es Dressel in den vergangenen Jahren immer wieder in die Bucklige Welt: Dort beriet er Lehrer und Schüler, die über 300 ältere Menschen zu ihren Erfahrungen während und nach der Zwischenkriegszeit befragten. Anfangs drehten sich die Gespräche nur um die Erfahrungswelt junger Menschen damals. Fortschreitend sprachen die Befragten jedoch auch über die Dinge, die lange verschwiegen wurden – wie den Umgang mit unehelichen Kindern oder die Verfolgung von Juden, Deserteuren, Sinti und Roma.

Auch Wolfgang Gasser vom Institut für Jüdische Geschichte Österreichs in St. Pölten hat schon häufiger mit Heranwachsenden historisch zusammengearbeitet – etwa in diversen vom Wissenschaftsministerium geförderten "Sparkling Science"-Projekten. Zum Beispiel befasste er sich in Traisen in einem Gesprächskreis mit dem Schicksal dreier von dort vertriebener jüdischer Familien.

Es sei nicht immer einfach gewesen, die Aufmerksamkeit aller Teilnehmer zu behalten, das Gesamtergebnis sei jedoch sehr zufriedenstellend gewesen: "Jugendliche kommen und gehen, wann sie wollen. Aber wenn sie da waren, waren sie zu hundert Prozent bei der Sache." Die Generationen bleiben also im Gespräch. (Johannes Lau, 3.6.2020)