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Am Mittwoch war es erst ein geplantes Gesetz gegen die Verunglimpfung der chinesischen Nationalhymne, die wieder hunderte Hongkonger auf die Straßen brachte. Während das Gesetz im Lokalparlament debattiert wurde, schoss die Polizei mit Pfefferspray auf die Demonstranten davor. Im Laufe des Tages schwollen die Proteste wieder auf tausende Menschen an – und den Protestierenden ging es nicht nur um die Hymne.

Denn der wahre Lostag für die Stadt ist der Donnerstag. Da wird der Nationale Volkskongress in Peking ein umstrittenes Sicherheitsgesetz für Hongkong debattieren und wohl gleich verabschieden. Das Gesetz würde Peking erlauben, direkt in Hongkong einzugreifen – und somit den Sonderstatus der autonomen Finanzmetropole bedrohen.

"China zwingt Hongkong sein autoritäres System auf", sagt Joshua Wong zum STANDARD. "Etliche Bürgerrechtsgruppen, Journalisten und Menschenrechtsanwälte wurden schon unter dem Vorwand verhaftet, sie hätten die nationale Sicherheit gefährdet. Jetzt drohen noch mehr Menschenrechtsverletzungen." Wong ist einer der lautesten Wortführer der tausenden Aktivisten, die schon seit Jahren gegen die zunehmende Einflussnahme Pekings demonstrieren. Vor einem Jahr hat die jüngste Protestwelle wegen eines Auslieferungsgesetzes begonnen. Erfolgreich konnten die Demonstranten das Gesetz im Lokalparlament verhindern.

Auch am Mittwoch kam es in Hongkong zu gewalttätigen Szenen bei den Protesten.
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Ein Jahr und einige Festnahmen später appelliert Wong an die internationale Gemeinschaft. "Das neue Gesetz wird die Menschenrechtsstandards und das Geschäftsumfeld in Hongkong vollkommen verändern", sagt er. "Das hat auch Auswirkungen auf europäische Firmeninteressen in der Stadt – und führt zu einem demokratischen Rückschlag in der ganzen Region.

USA drohen Sanktionen an

Die USA haben bereits am Wochenende angekündigt, Sanktionen gegen China zu erwägen, sollte das Gesetz tatsächlich umgesetzt werden. Auch die EU hat sich gegen das Gesetz positioniert. China müsse Hongkongs Autonomie respektieren, sagte EU-Ratspräsident Charles Michel am Dienstag. Ob die EU aber auch Sanktionen gegen Peking verhängen würde, ist offen. Bisher sprach EU-Außenbeauftragter Josep Borrell bloß davon, dass die EU gegenüber China eine "robustere Strategie" benötige. Am Freitag werden die EU-Außenminister das umstrittene Gesetz diskutieren.

Joshua Wong, 23, verteilt in Hongkong Flyer.
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Für Wong ist die Sache klar: "Die EU soll Sanktionen gegen China verhängen", fordert er. Die EU sei einer der wichtigsten Förderer der Demokratie weltweit. So sieht Wong die EU auch in einer Schlüsselrolle im Umgang mit China. "Anders als die USA ist die EU Chinas größtes Exportziel", sagt er. Die EU sei außerdem Chinas wichtigste Quelle für Hightech und der wichtigste "Checkpoint" für Chinas Belt-and-Road-Initiative. Die EU hätte daher großen Einfluss darauf, China darin zu bremsen, "sein autoritäres Modell im Ausland aggressiv auszubauen".

EU soll Handelsstatus überdenken

Bei Handelsverträgen sollte die EU auf Menschenrechtsklauseln pochen. Wenn das geplante Gesetz tatsächlich in Kraft trete, dann sollten sich die europäischen Länder überlegen, ob Hongkongs besonderer Handelsstatus noch aufrechterhalten werden könne, meint Wong. Der Grund, warum so viele Unternehmen überhaupt Hongkong wählen, liege in den gesicherten Grundrechten, in den Garantien für den Schutz der Menschenrechte, für ein unabhängiges Justizsystem und für lockere Geschäftsregeln. Diese Firewall, wie sie Wong nennt, würde durch das neue Gesetz deutlich ausgewaschen werden. "Wenn das Gesetz einmal implementiert ist, wird Hongkong in Chinas autoritäres Regime assimiliert", befürchtet Wong. (Anna Sawerthal, 27.5.2020)