Es ist ein merkwürdiges Gefühl: Man sitzt irgendwo fest, man trägt Masken, und es beschleicht einen das ungute Gefühl, dass man am gegenwärtigen Zustand aus eigener Kraft nichts ändern kann. Und dann liest man ein Buch über Philosophen, deren Denken darauf gerichtet war zu verstehen, warum man an den Zuständen nichts ändern kann; nicht bloß an einer vorübergehenden Quarantäne, sondern an der Gesellschaft überhaupt. Sie würde in den Abgrund taumeln: Diese Schlussfolgerung zogen, verkürzt gesagt, die Philosophen der sogenannten Kritischen Theorie, später auch Frankfurter Schule genannt. Man könne gegen die verwaltete Welt, gegen die Massenkultur, die Kontrolle durch immer autoritärere Herrschaftsverhältnisse nicht mehr ankämpfen. Sie wollten nur noch eine Utopie bewahren und diese als "Flaschenpost" an zukünftige Generationen schicken. Man fragt sich, ob und wann sie ankommt, um geöffnet zu werden. Vielleicht gerade jetzt?

Der britische Autor und Journalist Stuart Jeffries hat das Buch über die Philosophen geschrieben. Es heißt Grand Hotel Abgrund, auf Englisch kam es 2018 heraus, vor kurzem auf Deutsch. Nun, in Zeiten der Pandemie, ist es noch aktueller, wenn auch die große Zeit der darin beschriebenen Schule mehr als ein halbes Jahrhundert vorbei ist. Denn wie kann man sich angesichts der auf uns zukommenden Weichenstellungen die Gesellschaft "danach" vorstellen: Muss die Natur noch besser beherrscht, die Verwaltung noch effizienter, der Warenfluss noch reibungsloser gestaltet werden, oder gibt es eine Alternative? Und wenn ja, wie könnte sie aussehen? Jeffries schreibt über die vielleicht radikalsten Antworten auf alle diese Fragen: jeweils ein klares Nein, lauter Absagen an den Fortschrittsglauben, keine Aussicht auf befreiende Praxis.

Max Horkheimer und Theodor Wiesengrund Adorno waren die zentralen Vertreter dieser Denkschule, Walter Benjamin, Herbert Marcuse und Erich Fromm wurden zu ihnen gezählt, dazu weitere mehr oder weniger eng assoziierte Mitglieder. Keine festgefügte Institution bildeten sie, eher ein "fluides Gebilde" (Die Zeit). Dem Autor gelingt es, ihre Geschichte in einer Weise zu präsentieren, die zum Weiterlesen animiert – und das ist nicht vielen Abhandlungen über die Kritischen Theoretiker eigen.

Zehnmal "Message in a Bottle": Welche Botschaften von den Philosophen der Frankfurter Schule an unsere heutige Welt könnte in diesen Flaschen stecken?
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Mehrere Erzählstränge hat Jeffries in dem Buch vereint. Das geht schon aus den Untertiteln im Original und im Deutschen hervor. Heißt es dort The Lives of the Frankfurt School, wird hier Die Frankfurter Schule und ihre Zeit angekündigt – er verfolgt sowohl die Lebenswege der Protagonisten als auch die Bezüge zwischen ihnen und den zeitgenössischen Strömungen, den Mitdenkern und den Gegnern. Darüber hinaus bietet Jeffries, trotz 500 Seiten Länge notwendigerweise komprimiert, Zusammenfassungen und Interpretationen ihrer theoretischen und Forschungsarbeiten, also die geraffte Geschichte eines Kapitels Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Der Titel Grand Hotel Abgrund verdankt sich einem Kommentar des marxistischen Intellektuellen György Lukács, der damit die Praxisferne und das Abgehobene der Frankfurter karikieren wollte. Mit dem Zitat signalisiert Jeffries auch, dass er nicht beabsichtigt hat, eine akademische Abhandlung zu verfassen. Er geht eher populärwissenschaftlich vor, stellt auch mal popkulturelle Vergleiche an, bringt sich als Interviewer ein und bewahrt eine ironisch angelsächsische Skepsis gegenüber allzu "kontinentalen" Gedankengängen.

Eine trockene Monografie würde auch nicht so beginnen: "Draußen: ein kalter Wintermorgen im Berlin des Jahres 1900. Drinnen, im Zimmer, hat die Magd einen Apfel in den kleinen Ofen gelegt, der neben dem Bett des acht Jahre alten Walter steht." Wie die Begründer der Kritischen Theorie – hier Walter Benjamin, aber auch die anderen – aufwuchsen; wie sie die heile Welt vor dem Ersten Weltkrieg erlebten, zumeist in wohlsituierten bürgerlich-jüdischen Familien; wie sie sich dann, als junge Intellektuelle, gegen diese Herkunft stemmten und nach den Ursachen für die ausgebliebene Revolution in Deutschland nach dem Krieg suchten: Für Jeffries sind das die Triebfedern, die 1924 zur Gründung des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt führten. "Ohne diese Ödipuskämpfe hätte sich die Kritische Theorie anders entwickelt." Wobei es kein Zufall ist, dass er mit Benjamin beginnt. Der habe der Kritischen Theorie die vielleicht bedeutendsten Impulse gegeben – wie er, der "kritische Archäologe", seine Kindheit, die Geborgenheit, den Duft des Apfels nicht nostalgisch verklärte, sondern nach Quellen für die Erneuerung der Gegenwart absuchte; oder wie er die Pariser Passagen als Chiffren für das Herankommen des Verbraucherkapitalismus betrachtete.

Es gelingt Jeffries, die Entwicklung des Instituts von einer orthodox-marxistischen zu einer an der Psychoanalyse orientierten kulturpessimistischen Einrichtung zu verfolgen und mit den Lebensläufen ihrer Mitglieder zu verknüpfen. Spannend liest sich etwa ein Kapitel über den Sommer 1925, als sich Adorno, Benjamin, Siegfried Kracauer und Freunde in Neapel aufhielten. Was sie dort sowohl in den Felsformationen als auch im südlichen Stadtleben an "Porösem" wahrnahmen, floss in frühe philosophische Essays ein.

Eine neue Form von Barbarei

Den Folgen von Hitlers Machtergreifung widmet der Autor breiten Raum. Einerseits passten sich die "Frankfurter" im Exil in New York und Los Angeles unter dem Druck des akademischen Betriebs der empirischen Sozialforschung in den USA an. Zunächst kam es zu Zerwürfnissen vor allem zwischen Adorno und dem aus Wien emigrierten Sozialpsychologen und Pionier der Meinungsumfragen Paul Lazarsfeld – ein Kabinettstück gegenseitigen Unverständnisses, das Jeffries genüsslich ausbreitet. Doch dann engagierten sich die Theoretiker in durchaus praktischer Absicht in den berühmt gewordenen Studien über die "Autoritäre Persönlichkeit". Mithilfe von Fragebögen ermittelten sie faschistoide, autoritätshörige und antisemitische Tendenzen in Stichproben der Bevölkerung. Die Ergebnisse verallgemeinerten sie zu einer Analyse des Erfolgs autoritärer Systeme – ein Befund, der trotz Mängeln und Modifikationen bis heute hält.

Andererseits behielten und steigerten Horkheimer und Adorno als betont Nichtassimilierte ihre Abneigung gegen die US-Kulturindustrie. Angesichts einer immer auswegloser erscheinenden Situation – hier eine Unterhaltungsmaschine zur Verdummung der Konsumenten und zur Perpetuierung kapitalistischen Profitdenkens, jenseits des Ozeans die Triumphe von Faschismus und Stalinismus – suchten sie nach einem Ansatz, der diese Entwicklungen erklären würde. Das Ergebnis war die Dialektik der Aufklärung, ihr wahrscheinlich wichtigstes Werk. Ihm zufolge ist die Idee der Aufklärung, entstanden als Sieg der Vernunft über Irrationales, gekippt in totale Herrschaft über die Natur und über die Menschen, in eine neue Form von Barbarei.

Die deutschen Philosophen Max Horkheimer (oben) und Theodor W. Adorno (unten) sind die Begründer der Kritischen Theorie respektive der Frankfurter Schule. Der US-Autor Stuart Jeffries ist ihrem Wirken nachgegangen.
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Es war eine Flaschenpost, die, nach kleinen Auflagen in den 1940er-Jahren, zwanzig Jahre später an den Ufern der Studentenbewegung angeschwemmt kam und den Ruf der Kritischen Theorie als einer ihrer Leitfäden begründete. Dass und warum dieser Ruf nur teilweise begründet war und wie er in gegenseitige Ablehnung mündete, beschreibt Jeffries recht plastisch und ohne falsche Ehrerbietung: Wie Adorno und Horkheimer nach Frankfurt zurückkehrten und dort am wieder gegründeten Institut und an der Uni ihre Deutungshoheit über die deutsche Nachkriegssoziologie etablierten; wie sich der in den USA verbliebene Marcuse als Sympathisant der radikalen Studenten seinen Kollegen entfremdete – Jeffries interviewte dazu unter anderem Marcuses ehemalige Studentin, die radikale Aktivistin Angela Davis; und wie sich schließlich der zunächst ungeliebte Assistent Jürgen Habermas von den Übervätern emanzipierte und ihre radikal pessimistischen Ansichten zu einer vergleichsweise reformerischen, von Fortschrittsglauben getragenen Philosophie abschwächte, weg vom Abgrund sozusagen. Jeffries widmet ihm ein besonderes ausführliches Kapitel, wohl auch deshalb, weil er mit Habermas lange sprechen konnte, was ihm, Jahrgang 1962, bei den anderen Frankfurtern nicht vergönnt war.

"Held der neuen Linken"

Hagiografie ist Jeffries Sache nicht. Wenn ihm eine Ausführung Marcuses in Der eindimensionale Mensch zu verschwurbelt erscheint, dann kann er "der Versuchung nicht widerstehen, Woody Allen zu zitieren", oder – um bei Marcuse zu bleiben – er referiert vergnügt, wie Sartre vor dem deutschen "Rivalen um den Titel ‚Held der Neuen Linken und der Studentenbewegung‘" verbergen konnte, dass er keine Zeile von ihm gelesen hatte.

Jeffries greift auf zahlreiche Arbeiten zurück, die bezüglich der Kritischen Theorie erschienen sind, auf Standardwerke wie Martin Jays Dialectical Imagination (1973), das zur angelsächsischen Renaissance der Frankfurter beitrug, und auf spezielle Monografien wie Adorno in Neapel (2013) von Martin Mittelmeier oder Thomas Wheatlands The Frankfurt School in Exile (2009). Diese und andere Bücher sind gezielter und präziser, Jeffries erzählt dafür die umfassendere Geschichte.

Auch sie kann naturgemäß nicht vollständig sein, Abstriche sind immer notwendig. Doch man vermisst manches, das für eine Charakterisierung der Lives of the Frankfurt School durchaus relevant erscheint. So erwähnt der Autor zwar die Tiraden Adornos gegen den Jazz, aber nicht, dass sich der (unter anderem) Musiksoziologe mit diesen und peinlicheren Ausführungen noch 1934 der gleichgeschalteten Musikkultur und damit dem Nazi-Regime andienen wollte, bevor er einsah, dass in Deutschland keine Zukunft für ihn war. Seine späteren Rechtfertigungen haben nur wenige überzeugt.

Ein weiteres Beispiel: Die respektvolle Beziehung zwischen Thomas Mann und Adorno in ihren kalifornischen Jahren rund um die Entstehung des Romans Doktor Faustus nimmt in dem Buch breiten Raum ein. Die bittere Fehde hingegen, die Horkheimer und sein Mitdenker mit Thomas Manns Sohn Golo hatten – sie verhinderten dessen Geschichtsprofessur in Frankfurt –, bleibt unerwähnt. Gegenseitige Anspielungen auf angeblichen Antisemitismus, Homosexualität und die oben genannten Anbiederungen Adornos arteten damals in eine Schlammschlacht aus. Noch Jahrzehnte später nannte Golo Mann seine mittlerweile verstorbenen Kontrahenten vor laufender Kamera "diese beiden Lumpen!". (Genaues über die Affäre steht in einem Text von Clemens Albrecht in dem 1999 erschienenen Sammelband Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik. Das Buch enthält übrigens auch ein aufschlussreiches Kapitel über die Publikationsgeschichte der Kritischen Theorie und damit über die sogenannte Suhrkamp-Kultur; der Verlag brachte ja praktisch alle alten und neuen Arbeiten der bzw. über die Frankfurter heraus, zum Teil in immer neu zusammengesetzten Zweit- und Drittversionen, solange nur die Worte Theorie, Praxis, Dialektik, Gesellschaft, Politik oder Kultur in beliebigen Kombinationen in den Titeln aufschienen.)

Sehnsucht nach Ruhe

Die hohe Zeit der Frankfurter scheint lange vorbei zu sein. Die Positivisten unter den Philosophen, die Empiriker unter den Sozialwissenschaftern, Kritiker aller Schattierungen ließen sie links oder rechts liegen. Ihre schwachen Hoffnungen scheinen längst begraben, ihre Befürchtungen haben sich bewahrheitet, die "Bewusstseinsindustrie" (wie Enzensberger ihren Kulturbegriff erweiterte) übt einen viel größeren Einfluss aus als zu der Zeit, als sie kommerzielles Radio, Liebesfilme und Werbung verurteilten. Und wen kümmert’s heute? "Gegenwärtig", schreibt Jeffries, "braucht jeder, der die Kritische Theorie wiederbeleben will, eine gehörige Portion Ironie." Die Hegemonie des Kapitalismus sei gesicherter denn je, nicht zuletzt dank des Zusammenspiels der Kommunistischen Partei Chinas mit westlichen Konzernen.

Immerhin aber sei es möglich, zitiert Jeffries den französischen Philosophen Jacques Rancière, auf eine Welt zu hoffen, "die weniger absurd und gerechter ist als die gegenwärtige". Gerade in einer Zeit der kundenangepassten Kultur und der Verhöhnung von Alternativen, so schließt das Buch, hätten die besten Texte der Frankfurter Denker noch viel zu sagen, nicht zuletzt "über die Notwendigkeit, anders zu denken".

Dazu gibt es heute, in Zeiten der Corona-Krise, Gelegenheit genug. Je mehr die herrschenden Kräfte von der Notwendigkeit sprechen, zur sogenannten Normalität zurückzukehren (als ob das, was die Norm ist, das Richtige ist) oder, noch bedenklicher, eine "neue Normalität" ins Auge zu fassen, desto interessanter wird die Frage, ob die Welt nicht auch ganz anders aussehen könnte. Die aus vergangenen Jahrzehnten wieder gestrandete Flaschenpost kommt gerade recht. Ihr Inhalt, wie er in dem vorliegenden Buch skizziert wird, ist keine praktische Handlungsanweisung, hier gibt es keine Roadmaps und keine Timelines, keine Prozentangaben und schon gar keine Renditevorgaben. Die Schriften der Frankfurter eröffnen vielmehr die Chance, der Betriebsamkeit der Verwalter unserer Welt Skepsis entgegenzusetzen.

Stuart Jeffries, "Grand Hotel
Abgrund. Die Frankfurter
Schule und ihre Zeit". Aus dem Englischen von Susanne Held.
€ 28,80 / 509 Seiten. Klett-
Cotta-Verlag, Stuttgart 2019
Foto: Klett-Cotta-Verlag
Michael Freund, geb. 1949, ist Journalist. Er hat lange Jahre das STANDARD-ALBUM geleitet, ist Autor und Professor für Medienkommunikation an der Webster University.
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Es gibt Passagen in diesen Arbeiten, da scheint die Sehnsucht nach Ruhe durch. Insbesondere bei Adorno taucht sie als überraschendes Motiv auf. Dem rastlosen Produzieren stellt er das Moment des Innehaltens entgegen. Nicht, dass man auf die Welt vergessen sollte: Den Lotosessern, diesen Ahnen der Rauschkultur im Odysseus, erteilt er mit Ko-Autor Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung eine Absage. Deren Idylle sei zwar ein Glücksversprechen, doch eine des Vergessens angesichts einer schwer zu ertragenden Gegenwart. Schon als Maturant aber schwärmte er von der Natur als unbewusstem Dasein, das es wiederzugewinnen gelte. Sie könne den Betrachter in eine "sinnvolle Ganzheit, ins Kosmische emportragen" – eine doch ungewöhnliche Feststellung aus dem Mund eines jedem Mythos abholden Professors (nachzulesen in der Adorno-Biografie von Lorenz Jäger, 2003).

In seinen späten Jahren suchte Adorno den Ausgleich zur akademischen Welt vor allem in den Schweizer Bergen (wo er tatsächlich – Bürger, der er nun einmal war – gerne in Grands Hotels abstieg; eines, das Waldhaus in Sils Maria, steht auch fast an einem Abgrund). In den Alpen fand er die "promesse du bonheur", welche die Natur ihm bot – nicht das künstlerische Abbild, sondern die Wirklichkeit, das Matterhorn vor allem, dieses "Kinderbild des absoluten Berges, wie wenn er der einzige Berg auf der ganzen Welt wäre". Er starb nach einer Auffahrt zu dem Berg, im August vor 51 Jahren. Sich zu besinnen und sich in der Natur zu finden, nachdem man sich verloren hat, wie Adorno es auch einmal ausgedrückt hat: Das ist nicht das Resümee, das man bei der Lektüre vom Grand Hotel Abgrund bekommt. Aber es ist eine der vielen Fährten, auf die der Leser gelockt wird. Umso besser für die Lektüre. (Michael Freund, 30.05.2020)