Fast hätte man es vergessen. Oder besser gesagt: Fast hätten weiße Menschen Rassismus vergessen. Inmitten der Corona-Krise, die jedem von uns Opfer abverlangte und Einschränkungen notwendig machte, gelangte das Thema in den Hintergrund. Doch Rassismus macht auch während Corona keine Pause, jedenfalls nicht für jene, die davon direkt betroffen sind. Sie müssen nur zusätzlich auch noch mit den Folgen der globalen Pandemie fertig werden, einer Pandemie, die sie weitaus stärker trifft, als die weiße Mehrheitsgesellschaft.

Derzeit schockieren uns Bilder von Protesten, Ausschreitungen und Plünderungen in den USA. Die Flut an Fotos und Videos von brennenden Gebäuden, von Polizei und Nationalgarde im Einsatz droht im Bewusstsein schon fast wieder die Bilder jenes Vorfalls zu überlagern, der die Proteste ausgelöst hat: Acht quälende Minuten lang kniete der weiße Polizist Derek Chauvin auf dem Hals des wehrlosen Afroamerikaners George Floyd. Er lässt nicht ab, als Floyd mehrfach sagt, er können nicht atmen und alles tue ihm weh. Nicht einmal, als dieser kein Lebenszeichen mehr von sich gibt.

Proteste gegen Polizeigewalt in Long Beach, Kalifornien, am Sonntag.
Reuters

Living while black

Es ist für sich ein schrecklicher Vorfall und zugleich steht er bildhaft für Gewalt, Benachteiligung und Diskriminierung, die Schwarze in den USA jeden Tag am eigenen Leib erfahren. "Living while black" nennen sie es leicht ironisch – die Tatsache, dass für Weiße bestimmte alltägliche Situationen keine Gefahr darstellen, während sie für die schwarze Bevölkerung lebensbedrohlich sind. Ahmaud Arbery war joggen. Jordan Davis hörte Musik. Sandra Bland bekam einen Strafzettel. Tamir Rice spielte mit einer Spielzeugpistole. Zuletzt sorgte auch das Video einer Frau im Central Park für Aufsehen, die sich dieses Ungleichgewichts bewusst war und es bei einem Anruf bei der Polizei gegen ihr schwarzes Gegenüber einsetzen wollte. Er hatte nichts weiter getan, als sie darauf aufmerksam zu machen, ihren Hund den Vorschriften entsprechend anzuleinen.

Das sind nur wenige Beispiele des in der US-Gesellschaft tief verankerten Rassismus, der Betroffene in (Lebens-)Gefahr bringt – durch jene Institutionen, die eigentlich die Aufgabe haben, Leben zu schützen.

Doch die Empörung über diese Ungerechtigkeit droht von der Empörung über die Ausschreitungen übertönt zu werden. Man darf dabei aber nicht übersehen: Für viele von denen, die nun protestieren, sind jene Regeln der Gesellschaft, die ihnen Sicherheit, die Chancen auf Erfolg oder zumindest ein Leben ohne Angst ermöglichen sollen, immer außer Kraft. Die Regeln einer Gesellschaft, die in ihren Gründungstexten poetisch von der Gleichberechtigung aller Menschen spricht, in der vor dem Gesetz jeder Bürger und jede Bürgerin gleich sein sollte. Das gesellschaftliche Zusammenleben beruht auf Gegenseitigkeit – und baut darauf auf, dass sich auch Mächtige an Regeln halten. Gerade sie müssten mit gutem Beispiel voran gehen. Doch Polizei und Justiz zeigen mit ihrem Vorgehen gegen die schwarze Bevölkerung das Gegenteil – sowohl im Alltag bei Polizeikontrollen als auch nun erneut beim brutalen Einsatz gegen die Demonstrierenden.

Ungleichbehandlung durch Einsatzkräfte

Der US-amerikanische Sozialstaatsabbau seit den 1970er-Jahren brachte eine einflussreiche private Gefängnisindustrie hervor mit einem Weltrekord von 2,1 Millionen Insassen. Diese Industrie profitiert von der massenhaften Inhaftierung insbesondere schwarzer Menschen, die mit einer fünfmal höheren Wahrscheinlichkeit im Gefängnis landen als weiße. Dieses System geht Hand in Hand mit der alltäglichen, exzessiven Polizeigewalt in den USA. Das Datenprojekt Mapping Police Violence zählte 2019 nur 27 Tage, an denen kein US-Bürger durch die Polizei getötet wurde. Von den insgesamt 1.099 Tötungsfällen waren 24 Prozent der Opfer schwarz, obwohl sie nur 12,7 Prozent der Bevölkerung ausmachen. 99 Prozent der Polizisten, die zwischen 2013 und 2019 jemanden im Einsatz getötet haben, wurden nicht angeklagt.

"Ich kann nicht atmen" sagte George Floyd mehrfach kurz bevor er starb.
Reuters

Im Fall George Floyd wurde die Tat zwar landesweit verurteilt, der verdächtige Polizist kam tatsächlich in Haft und wurde wegen Mordes angeklagt. Doch vermutlich geschah das nur, weil es ein Video gab. Auf den Schultern der schwarzen US-Bevölkerung lasten zahlreiche rassistische Vorfälle der Einsatzkräfte, die nicht oder nur zum Teil auf Video festgehalten wurden, bei denen Ausflüchte und Relativierungen gesucht wurden, die das Verhalten der Einsatzkräfte rechtfertigten, bei denen niemand zur Verantwortung gezogen wurde. Das Vertrauen ist längst gebrochen.

Gewaltsame Ausschreitungen sind die "Sprache der Ungehörten", sagte Martin Luther King, der Gewalt stets ablehnte, in seiner Rede "The Other America" 1967. Er wies auf die Diskrepanz zwischen dem einen Amerika hin, in dem Wohlstand, Freiheit und Menschenwürde hochgehalten werden. Und dem zweiten, deren Einwohnerinnen und Einwohnern gleiche Chancen und Aufstieg verwehrt bleiben. Bereits damals forderte er die Mehrheitsgesellschaft zum Handeln auf, weil Zeit sowie die Anstrengungen von Schwarzen allein diese beißende Ungleichheit nicht beseitigen könnten.

The Martin Luther King, Jr. Center for Nonviolent Social Change

Notwendig war damals und ist auch heute: Das Eingeständnis, dass es sich um systemischen, strukturellen Rassismus handelt, der auch in Polizeibehörden grassiert und vor allem dort schlimmste, lebensbedrohliche Folgen für Schwarze haben kann. Doch US-Präsident Donald Trump hat erst Gewalt gegen die Demonstrierenden angeheizt, indem er "Wenn das Plündern beginnt, beginnt das Schießen" twitterte, um dann zu relativieren und die Tat zu individualisieren. So bleiben die zwei Amerikas, von denen Martin Luther King in seiner Rede sprach, auch 53 Jahre später aufrecht. (Noura Maan, 1.6.2020)