Regelmäßig demonstrieren Menschen für "Gerechtigkeit für Adama".

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Proteste auch am Trafalgar Square in London.

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In Berlin demonstrierten hunderte Menschen am Wochenende.

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Starb Adama Traoré, weil ihm die Polizisten die Luft abschnitten? Die Frage bewegt Frankreich seit Sommer 2016. Eine Patrouille kontrollierte damals in Beaumont-sur-Oise zwei Brüder. Einer, Adama Traoré, floh, wurde aber gestellt; er entzog sich erneut und wurde in der Wohnung eines Bekannten aufgegriffen. Drei Gendarmen hielten den auf dem Bauch Liegenden fest, obwohl sich dieser laut Polizeibericht beklagte, er könne nicht mehr atmen. Danach ließ sich der 24-Jährige abführen. Im Polizeiwagen verlor er das Bewusstsein; der gerufene Rettungsdienst konnte auf der Wache nur noch den Tod feststellen.

Im Pariser Großraum kam es damals umgehend zu heftigen Protesten und Ausschreitungen. Traorés Schwester Assa bildete ein Komitee namens "Wahrheit und Gerechtigkeit für Adama". Sie berief sich unter anderem auf einen Rettungsmann, der erklärt hatte, der Tote sei in Handschellen auf dem Bauch vorgefunden worden, nicht etwa in Seitenlage, wie die Polizei behauptete. Eine Expertise der Justiz schloss zwar auf eine anatomische Anomalie von Traorés Herz; eine Gegenexpertise seiner Familie kam aber im März 2019 zum Schluss, der Tod sei ursächlich durch "mechanisches Ersticken" – also durch Außeneinwirkung – ausgelöst worden.

Verbindung zu "Black Lives Matter"

Seither bleibt das Traoré-Komitee aktiv. An den regelmäßig organisierten Protestkundgebungen beteiligen sich auch Oppositionspolitiker wie Jean-Luc Mélenchon. Der Chef der Linken erklärte, es gehe nicht an, in Frankreich "nach einer Verhaftung zu sterben". Rapmusiker, Sportler und Schauspieler prangern die Polizeigewalt in Frankreich und den "gewöhnlichen Rassismus" an, den die Traoré-Affäre offenbare.

Das Unterstützungskomitee pflegt auch Verbindungen zur amerikanischen "Black Lives Matter"-Bewegung. Nach dem Tod von George Floyd meinte der Beauftragte für die Gleichberechtigung der französischen Überseegebiete, Claudy Siar: "Das kann auch in Frankreich vorkommen. Unser George Floyd ist Adama Traoré."

Proteste für Dienstagabend angekündigt

Ende vergangener Woche machte die Justiz eine neue Expertise publik. Ihr zufolge starb Traoré an einem Herzproblem, das sich durch die Stresssituation verschärft haben könnte. Das Komitee weist diese Obduktionsanalyse zurück und kritisiert, dass die teilhabenden Polizisten bis heute nicht behelligt worden seien.

Für Dienstagabend ruft es zu einer Solidaritätskundgebung für Floyd und Traoré auf. Wenn die französischen Medien diesen Appell sehr stiefmütterlich behandeln, dann zweifellos aus der Angst heraus, dass die Krawalle von den USA auf die französischen Banlieues übergreifen könnten.

Europaweite Proteste

Auch in anderen europäischen Städten gingen Menschen aus Solidarität mit den Demonstranten in den USA auf die Straße oder planen dies. In London, Manchester und Cardiff protestieren am Sonntag tausende Briten und hielten Schilder mit Aufschriften "Racism has no place" oder "I can't breathe" hoch. Die Londoner Polizei berichtete, dass fünf Menschen vor der US-Botschaft im Zusammenhang mit den Demonstrationen verhaftet wurden, zwei von ihnen, weil sie Polizeibeamte angegriffen hatten, und drei wegen Verstoßes gegen die Corona-Maßnahmen.

Der Tweet des Londoner Bürgermeisters.

Londons Bürgermeister Sadiq Khan erinnerte in einem Tweet, dass der Lockdown der britischen Hauptstadt noch aufrecht sei: "Das Virus ist noch da draußen." Außerdem versicherte Khan, dass Vorwürfe gegen die Polizei – sollte es zu Gewaltanwendung oder Rassismus kommen – sowohl von der Behörde als auch ihm persönlich ernst genommen werden.

In Berlin trafen sich laut Polizeiangaben am Sonntag 1.500 Menschen am Südstern in Kreuzberg, um zum Hermannplatz in Neukölln zu ziehen. Bereits am Samstag zeigten rund 2.200 Menschen vor der Botschaft der Vereinigten Staaten ihre Solidarität mit den Protestierenden in den USA.

Tausende Menschen gingen auch in Kopenhagen oder Nikosia auf die Straße. In Wien kam es ebenfalls zu einer Solidaritätsaktion. Weitere Proteste sind in den kommenden Tagen geplant – so etwa am Freitag in der norwegischen Hauptstadt Oslo. (Stefan Brändle aus Paris, bbl, 1.6.2020)