Heuer dürfte deutlich weniger emittiert werden. Langfristig könnte Corona der Klimapolitik aber auch schaden.

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Es sind nur bedingt gute Nachrichten. Die Corona-Krise und die damit einhergehenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Einschränkungen haben den weltweiten Treibhausgasausstoß zeitweise deutlich schrumpfen lassen. Zum Höhepunkt der Pandemie ist der Wert kurzfristig um 17 Prozent zurückgegangen, wie die Fachzeitschrift Nature Climate Change unlängst berichtete. Doch all das ändert nichts daran, dass der Ausstoß nach wie vor viel zu hoch ist. Weltweit dürften heuer mehr als 47 Gigatonnen CO2-Äquivalente in der Atmosphäre landen, schätzt die Boston Consulting Group in einer aktuellen Studie, die dem STANDARD vorliegt. Im Vorjahr lag der Wert nach Angaben der Autoren bei 53 Gigatonnen.

Wie genau und vor allem wie lange sich die Corona-Maßnahmen auf Produktion und Verkehr auswirken werden, ist bisher nur schwer abzuschätzen. Die Experten gehen davon aus, dass der Ausstoß jedenfalls zwischen fünf und zehn Prozent sinken wird. Das würde bedeuten, dass erstmals seit der Finanzkrise 2008/2009 weniger emittiert wird als im Jahr zuvor. Damals sank der Ausstoß gerade einmal um ein Prozent (siehe Grafik).

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Die Studie verdeutlicht jedenfalls, wie drastisch die Maßnahmen sein müssten, um das Pariser Klimaziel zu erreichen: Die Autoren schreiben, dass der weltweite Treibhausgasausstoß jedes Jahr um fünf Prozent sinken müsste – also ähnlich wie in diesem Corona-Jahr – um die maximale Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius im Jahr 2050 zu beschränken.

Nächstes Corona-Opfer?

Bisherige Bemühungen, der Klimakrise Einhalt zu gebieten, könnten durch den wirtschaftlichen Einbruch, den das Virus hervorgerufen hat, in den Hintergrund rücken, warnen die Autoren. "Das Klima läuft Gefahr, das nächste Opfer der Pandemie zu sein", heißt es in der Studie. Die meisten Sektoren seien an fossile Energieträger gebunden – und die sind so günstig wie lange nicht mehr. Somit fehlt der Anreiz, in Erneuerbare zu investieren. Auch die notwendigen Mittel könnten angesichts der Weltwirtschaftskrise nun anderswo eingesetzt werden. "Das darf nicht passieren", heißt es in der Studie. Denn für die Erreichung des Pariser Klimaziels sind 75 Billionen US-Dollar an Investitionen notwendig, rechnen die Autoren vor. Die massiven Konjunkturpakete, die derzeit weltweit geschnürt werden, seien eine "einmalige Gelegenheit", eine CO2-neutrale "neue Wirtschaft" aufzubauen.

Neben möglichen Klimakonjunkturpakten würde Covid-19 aber auch andere strukturelle Veränderungen mit sich bringen, die sich positiv auf die Klimabilanz auswirken könnten. Als Beispiel nennen die Autoren Homeoffice und reduzierte (Kurzstrecken-) Reisen. Nicht zuletzt würden Unternehmer nun auf kürzere Lieferketten setzen, um das eigene Risiko zu reduzieren. (Nora Laufer, 4.6.2020)