Mehr Zeit in den eigenen vier Wänden, staatlich verordnet, dazu die Annehmlichkeit von Online-Shops, Lieferservices und Streamingdiensten – fast hätte man sich den Corona-Lockdown schönreden können. Aber so ticken wir eben nicht.

Wenn es etwas gibt, das fast alle Menschen gemein haben, dann ist es der Drang ins Freie, dieses unbedingte Raus aus der Beengtheit und Isolation. Unsere Sehnsuchtsorte sind selten von vier Wänden umgeben, es sind die Strände, Wälder und Berggipfel dieser Welt, von denen wir träumen. Als Kleinkinder tollen wir am liebsten draußen herum, bevor wir irgendwann den Reizen der Unterhaltungselektronik verfallen und uns erst wieder von nervtötenden elterlichen "Geh raus spielen"-Tiraden ins Freie zwingen lassen. Auch bei Demenzkranken und Alzheimerpatienten zeigt sich dieses Phänomen. Je mehr sich ihr Geist verengt, desto häufiger büxen sie ins Freie, in die Weite der Natur aus.

Freiheit nachholen

Nach den vielen Tagen in Selbstisolation atmet das Land spürbar durch. Und messbar. In der letzten Maiwoche suchten die Österreicher im Internet so oft wie noch nie nach Freizeitbeschäftigungen in der Natur. Suchbegriffe wie "Fahrrad kaufen" und "Wanderschuhe" trendeten bei Google – ungeachtet der Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit geschuldeten finanziellen Einbußen.

Unsere Sehnsucht nach Natur ist ein so natürlicher, instinktiver Drang, dass wir ihn selten hinterfragen. Wir sind intelligente Wesen, unseren Köpfen entsprang die Erfindung von Penicillin, iPhones und Teilchenbeschleunigern. Warum zur Hölle schauen wir trotzdem gerne stundenlang aufs Meer und gehen durch Wälder, in denen jeder Baum gleich aussieht? Und warum fühlen wir uns im Freien so frei?

Wald entspannt. Warum eigentlich?
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Die magnetische Wirkung der Natur ist lerntheoretisch begründet, sagt Antje Flade. Die Umweltpsychologin erforscht in Hamburg das Verhältnis zwischen Mensch und Natur. "Jeder macht Erfahrungen und lernt durch diese Erfahrungen", sagt die Psychologin. "Man merkt, die Natur hat mir gutgetan, da will ich noch mal hin." Aber warum tut sie so gut?

Die Natur hat keine Meinung

"Weil diese keine Meinung über uns hat", schrieb einst der Philosoph Friedrich Nietzsche – die moderne Umweltpsychologie würde ihm wohl nicht widersprechen. "Im Alltag müssen wir uns ständig schrecklich konzentrieren, etwas zustande bringen, kommunikativ sein", sagt Flade. "Das ist mental sehr anstrengend." In der Natur sind wir hingegen frei von diesen Restriktionen, Routinen und Anforderungen. Im englischsprachigen Raum hat sich dafür der Begriff "Being away" etabliert – Wegsein.

Die Natur löst bei uns außerdem einen Zustand der "weichen Faszination" aus. Im Gegensatz zu einem spannenden Buch, das auch faszinieren kann, ziehen uns Wolken, Schneeflocken oder Blätterrauschen in ihren Bann, ohne uns anzustrengen. Im Gegenteil: Weil wir nicht fokussiert, sondern unfreiwillig aufmerksam sind, können wir uns nach einem Naturerlebnis besser konzentrieren. Daneben ist es vor allem das Gefühl der Weite, von großen, zusammenhängenden Landschaften, das uns in der Natur Freiheit empfinden lässt. Man erweitert gewissermaßen seinen Horizont.

Eine andere Erklärung liefert die Evolutionsbiologie. Die Biophilie, also die Liebe des Menschen zur Natur, sei schlicht angeboren. In den Genuss von künstlichem Licht und Mikrowelle kommen wir schließlich erst seit wenigen Generationen. Wer im Einklang mit der Natur lebte, hatte über Jahrtausende einen Überlebensvorteil.

Sehnsuchtsorte sind selten von vier Wänden umgeben.
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Andere Theorien gehen davon aus, dass das limbische System dann einen Entspannungsreflex absondert, wenn wir uns in einer Umgebung besonders sicher fühlen. Am besten funktioniert das angeblich in offenen Landschaften mit Wasser und geschwungenen Horizontlinien, was verdächtig nach der ostafrikanischen Savanne klingt, wo die menschliche Spezies ihren Ursprung nahm.

Welche Theorie auch hinter unserem Drang nach draußen steckt, Experimente haben die gesundheitsfördernden Aspekte der Natur längst bewiesen. Patienten mit Blick ins Grüne brauchen weniger Medikamente. Wer die Mittagspause draußen verbringt, ist weniger gestresst. Ein Spaziergang senkt den Blutdruck. Tweets aus Stadtparks sind positiver formuliert. Und so weiter.

Warum sich viele bei so viel Naturliebe trotzdem umweltschädlich verhalten? "Oft stecken egoistische Motive hinter dem Drang zur Natur", sagt Flade, "die Natur wird übernutzt." Das zeigt sich oft an den schönsten Orten der Welt – Stau am Mount Everest, Selfie-Warteschlangen vor dem Bergpanorama, vermüllte Strände. Für echte Freiheit taugt die Natur dann nicht mehr. (Philip Pramer, 16.6.2020)