Zehntausende Demonstrantinnen und Demonstranten zogen am Donnerstagabend durch Wien. DER STANDARD war mit der Kamera vor Ort und hörte sich um.
DER STANDARD

Nach nur wenigen Minuten war der Platz der Menschenrechte überfüllt. Bis weit in die Mariahilfer Straße, in den Getreidemarkt und über den Museumsplatz reichten die Menschenmassen. "Everyone vs. Racists" stand auf den Plakaten und "Dark skin is not a crime". Selbst ein Polizeiauto, das die Straße blockierte, ließ in leuchtenden Buchstaben "Black Lives Matter" eine Anzeigetafel entlangtanzen.

Deutschsprachige Parolen gab es kaum, hier reihte man sich in internationale Proteste ein. "Ungerechtigkeit an einem Ort ist eine Bedrohung für die Gerechtigkeit überall", so formulierte das eine Demonstrantin. Eine Bewegung, die um die Welt geht, ist in Wien angekommen. Mit Wucht.

Auf die Atemschutzmasken hatten manche Teilnehmer der Demonstration am Donnerstag geschrieben: "I can't breathe!" – Ich kann nicht atmen. Das waren die letzten Worte von George Floyd, bevor er in der US-Stadt Minneapolis als Folge einer polizeilichen Amtshandlung erstickte. Sie wurden in der vergangenen Woche zum Leitspruch weltweiter Proteste gegen strukturellen Rassismus und Polizeigewalt.

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3.000 Leute waren für die Demo in Wien am Donnerstag angemeldet, noch am Abend meldete die Polizei erst "weit mehr als 10.000", dann gar 50.000 Teilnehmer. Alle zehn Minuten seien 5.000 Menschen hinzugekommen, sagt ein Sprecher. Und: Ausschreitungen habe es nicht gegeben. Für Freitag ist noch eine Demo in Wien angemeldet, eine weitere in Klagenfurt am Samstag.

Polizeihandlungen nach Hautfarbe

Veranstaltet werden die Demonstrationen von schwarzen Aktivisten aus Österreich, die darauf aufmerksam machen wollen, dass "Polizeigewalt, Rassismus und Racial Profiling auch in Österreich an der Tagesordnung stehen", wie es in einem Demonstrationsaufruf heißt.

"Als ich das Video der Ermordung Georg Floyds gesehen habe, habe ich in ihm meinen eigenen Sohn gesehen", sagt Mireille Ngosso (SPÖ), stellvertretende Bezirksvorsteherin der Inneren Stadt und Mitinitiatorin der Demonstration am Donnerstag. Als schwarze Frau habe sie selbst schon in ihrer frühen Jugend Erfahrungen mit Rassismus gemacht: "Mit 14 Jahren war ich mit einer weißen Freundin auf der Mariahilfer Straße und wurde plötzlich von einem Polizisten angehalten und durchsucht. Meine Freundin wurde natürlich nicht durchsucht."

"Ich kann nicht atmen" waren die letzten Worte des Afroamerikaners Georg Floyd, bevor er unter dem Gewicht eines Polizisten erstickte.
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Polizeigewalt auch in Österreich

Tatsächlich gab es auch in Österreich in der Vergangenheit immer wieder Fälle von Polizeigewalt, bei denen schwarze Menschen ums Leben kamen. Auf dem Platz der Menschenrechte, wo die Kundgebung am Donnerstag stattfand, steht das Omofuma-Denkmal. Gewidmet ist es Marcus Omofuma, einem nigerianischen Asylwerber, der 1999 von drei österreichischen Polizisten getötet wurde, indem sie ihn während einer Abschiebung mit Klebeband an seinen Sitz schnürten und ihm Mund und Nase zuklebten. Die Polizisten wurden mit acht Monaten Haft bestraft und durften im Mai 2001 wieder in den Dienst.

"Strukturellen Rassismus erlebt jede schwarze Person in Österreich", sagt auch Imoan Kinshasa, Mitinitiatorin jener Demonstration, die am Freitag vor der US-Botschaft in Wien stattfinden soll. Sie spricht damit Racial Profiling an, also die Praxis, dass die Polizei die Entscheidung, jemanden anzuhalten, von der Hautfarbe oder anderen ethnischen Merkmalen abhängig macht.

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75 Menschen wandten sich 2019 an den Antirassismusverein Zara, weil sie sich von der Polizei rassistisch diskriminiert fühlten. Die Fehlerkultur bei der Polizei sei dahingehend "äußerst verbesserungsfähig", sagt Caroline Kerschbaumer, die Geschäftsführerin des Vereins. Vom Innenministerium heißt es dazu zum STANDARD: "Racial Profiling steht in Österreich weder an der Tagesordnung, noch würde ein solches Phänomen innerhalb der Polizei geduldet werden." Die Menschenrechtsausbildung sei außerdem fixer Bestandteil der Polizeiausbildung.

Neues Selbstvertrauen bei jungen Schwarzen

2018 hat Zara den Salzburger Rapper T-Ser bei einer Maßnahmenbeschwerde unterstützt, nachdem er gemeinsam mit Freunden, aus seiner Sicht aufgrund seiner Hautfarbe, von der Polizei kontrolliert wurde. Mittlerweile laufen mehrere Verfahren gegen den 26-Jährigen, unter anderem wegen Rufschädigung, Verletzung des öffentlichen Anstands oder weil er ein Video, das die Amtshandlung zeigt, veröffentlicht hat. Im Zuge der Beschwerde gegen die Polizei habe es bisher drei Verhandlungstage am Verwaltungsgericht gegeben, seitdem habe man trotz mehrfacher Nachfrage nichts mehr gehört, sagt Kerschbaumer.

"Für mich fühlt sich das an, als wolle man mich nicht nur mundtot machen, sondern richtig zermürben", sagt T-Ser. Kerschbaumer meint, es sei nichts Neues, dass solche Verfahren oft Jahre dauern – auch die Ergebnisse seien teilweise frustrierend: "Oft wird einfach alles abgestritten."

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"Verdammt stolz, schwarz zu sein"

Gemeinsam mit anderen schwarzen Aktivisten hat Imoan Kinshasa vor knapp einer Woche "Black Lives Matter Vienna" gegründet. Unter jungen Schwarzen entstehe in den letzten Jahren immer mehr Selbstvertrauen. "Ich bin so verdammt stolz, schwarz zu sein", sagt sie, und "wir sind alle hier geboren, wir gehören hierher. Wenn zu mir jemand deppert ist, dann bin ich doppelt deppert zurück."

Noch vor der der Kundgebung rief auf dem Wiener Platz der Menschenrechte eine matte Stimme irgendwo: "Respektiert den Mindestabstand, danke", spätestens als die Organisatorinnen ihre Ansprache begannen – "Wir sind müde, wir sind wütend und wir haben Angst, aber wir sind hier", rief Marie Noel, die die Kundgebung moderierte – ging jedoch alles andere in "Black Lives Matter"-Rufen unter.

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Wiens Landespolizeipräsident Gerhard Pürstl sagte, dass zwar die Abstandsregel von einem Meter im öffentlichen Raum gelte. Im Fall einer genehmigten Demonstration mit 50.000 Teilnehmern sei das aber eine Verwaltungsübertretung, die die Versammlung mit sich bringe – ähnlich wie das Betreten der Fahrbahn –, und daher kein Grund, die Versammlung aufzulösen.

Und so hielten Menschen aller Hautfarben, vor allem Junge, aber auch die Omas gegen Rechts, ihre Schilder hoch, selbst dann noch, als der Regen die Schrift längst gelöscht hatte.

Als der Demozug vom Platz der Menschenrechte Richtung Karlsplatz aufbrach, hatte bereits das erste Boulevardmedium seine Sorge vor einem neuen Ansteckungscluster per Eilmeldung kundgetan. Wenig später sperrte die Polizei alle Straßenzüge rund um den Karlsplatz, weil der Zustrom so viel stärker war als angenommen. Und eine Passantin, die die Demo beobachtete, sagte: "Das darf nie abflauen." (Text: Johannes Pucher, Gabriele Scherndl, Video: Andreas Müller, Ayham Yossef, 4.6.2020)