Elisabeth Wimmer ist irgendwie sauer. Oder einfach nur enttäuscht. Das Projekt hält sie für einen Schwachsinn. Nicht die Architektur, betont sie, denn die gefällt ihr gut. Aber den Inhalt, die Sache mit der Polizeistation, und die ganze Lüge mit dem Wegneutralisieren der Geschichte. "Vor 90 Jahren hätte man die Möglichkeit gehabt, die Geschichte zu neutralisieren, aber dafür ist es heute zu spät", sagt die 64-jährige Goldschmiedin. "Man kann sich vielleicht bemühen, das Gebäude zu verharmlosen und die Architektur zu behübschen. Aber so zu tun, als sei hier nie etwas passiert, und totzuschweigen, dass in diesem Haus Adolf Hitler geboren ist, wird definitiv nicht gelingen. Den Versuch halte ich für einen großen Fehler."

Am Dienstag veröffentlichte Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) in einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz die Umbaupläne für das Gebäude mit der Adresse Salzburger Vorstadt 15, 5280 Braunau am Inn. Den Namen "Hitler-Geburtshaus", wie er etwa auf Google Maps zu finden ist, möchte man vermeiden. Auch die am Wettbewerb teilnehmenden Architekten wurden angehalten, in ihren Entwurfsunterlagen die postalische Bezeichnung zu verwenden und – so wie dies ab 2023 wohl auch auf das fertigsanierte und umgebaute Gesamtprojekt zutreffen wird – jede Assoziation mit der Geschichte im Nirwana verschwinden zu lassen. Dazu passt auch, dass auf den Renderings plötzlich Kinder spielen und Drachen steigen lassen.

Welche Geschichte entfernt man? Und wie viel Geschichte muss bleiben? Die Vorarlberger Architekten Marte Marte sehen in ihrem Siegerentwurf vor, das ursprüngliche Erscheinungsbild von zwei getrennten Häusern wiederherzustellen.
Foto: Marte Marte

Jedes Jahr im Mai, am 8. des Monats, hält Wimmer, die Mitglied im Demokratischen Chor ist, mit ihren Gesangskollegen in Erinnerung an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor dem Haus eine Gedenkveranstaltung ab. "Will man uns jetzt unsere Lieder und unseren Gendenkort wegnehmen?" So scheint der Plan. Denn im Gegensatz zu der in Fachkreisen lange diskutierten Nutzung für soziale Zwecke – zuletzt war hier die Lebenshilfe eingemietet, die den Standort aufgrund fehlender Barrierefreiheit im Herbst 2011 jedoch aufgeben musste – soll, wie dies bereits im November letzten Jahres bekanntgegeben wurde, eine Polizeistation einziehen. Mit Wachzimmer, Sonderkommando und polizeilichem Koordinationszentrum.

Haus für die Hüterin der Freiheit

Dass sich die Einsatzfahrzeuge in den engen Einbahngassen der Altstadt sowie auf der zweispurigen Ringstraße bei ihren schnellen Einsatzfahrten in den Bezirk hinaus wahrscheinlich schwerer tun werden als am jetzigen Standort in der Nähe des Bahnhofs, wie einige Braunauer und Braunauerinnen in Gesprächen zu bedenken geben, scheint eine nebensächliche Rolle zu spielen. "Eine Polizeistation ist die geradezu geeignetste Nutzung, denn die Polizei ist die Hüterin der Freiheitsrechte und die Partnerin der Bürgerinnen und Bürger", so Nehammer.

Die Räume, in denen die Freiheitshüterin ihren noblen Inhalten künftig nachgehen soll, jedenfalls vermitteln einen die Schönheit und Freiheit des Geistes durchaus animierenden Eindruck. Die zwei Bürgerhäuser aus dem 17. Jahrhundert, die im Laufe der Zeit zusammengelegt und mehrfach überformt wurden und die im Biedermeier sowie unter den Nationalsozialisten in den 1930er-Jahren ihr heutiges Aussehen bekamen, sollen in ihren ursprünglichen Zustand rückgeführt werden. Der für Braunau typische Arkadengang auf der Rückseite des Hauses soll erhalten bleiben, im Anschluss daran entstehen zwei Neubauten mit Büros, Wachzimmer, Waffenlagern, Fahrradgarage, Zivilschutzraum, Schulungsräumen und Tiefgaragenabfahrt. Zwischen den Baukörpern werden zwei begrünte Pausenhöfe angelegt.

Auch eine Zeit vor 1938

"Wir haben uns bei unserem Entwurf nicht so sehr darauf fokussiert, die Umbauten aus dem Jahr 1938 rückgängig zu machen, als vielmehr darauf, das an historischen Details reiche Gebäude wieder in seine ursprüngliche Schönheit aus dem 17. Jahrhundert rückzubauen", sagt Stefan Marte von Marte Marte Architekten, der aus den insgesamt zwölf teilnehmenden Büros aus Österreich, Deutschland und der Schweiz als Sieger hervorging. "Wichtig war uns vor allem, die außergewöhnliche Struktur des Seitenflurhauses zu erhalten und die für diesen Ort typische Dachlandschaft fortzusetzen." Um Altbau und Neubauten zu einer ruhigen Einheit zusammenzufassen, sollen die Fassaden mit einheitlichem Putz überzogen werden.

"Ein schönes Projekt, das behutsam auf den Bestand reagiert und das sich wirklich gut ins Ortsbild fügt", sagt Helmut Dirmayer. Der 55-jährige Architekt, der an diesem Nachmittag wie viele andere Besucherinnen durch die Ausstellung im Bezirksmuseum spaziert, um sich ein Bild von den eingereichten Projekten zu machen, betreibt ein Architekturbüro in der Färbergasse, wenige Schritte von Hitlers Geburtshaus entfernt.

Sobald das Diktiergerät ausgeschaltet ist, wird er sagen, so wie viele andere auch, die sich in der Ausstellung zu Wort melden, dass das Projekt von Marte Marte, Kennziffer 1003, der mit Abstand schönste und sensibelste Wettbewerbsbeitrag ist. Und tatsächlich: Einige andere Entwürfe scheinen mit der gewünschten "Neutralisierung" der Architektur so sehr gehadert zu haben, dass sie nicht nur alles Nationalsozialistische, sondern auch die jahrhundertealte Seele des Altbaus gleich mit vernichtet haben.

Hinter dem historischen Altbau befinden sich zwei Neubauten, dazwischen grüne Pausenhöfe und viel Fröhlichkeit.
Foto: Marte Marte

Doch der Braunauer Publikumsliebling, sowohl in der Ausstellung als auch im Gastgarten am Stadtplatz, ist das Projekt 1008, das Haus mit den Bäumen auf dem Dach. Das Projekt von Kabe Architekten Wien und Springer Architekten Berlin sieht vor, die Fenster zuzubetonieren, das historische Gemäuer mit Erde aufzufüllen und Hitlers Geburtshaus für alle Zeit in ein nicht zugängliches Wäldchen zu verwandeln. Die geforderte Polizeistation befindet sich, Berliner Sachlichkeit, in einem schlichten Holzneubau im hinteren Teil des Grundstücks.

"Egal, was man tut, und egal, wie man das Haus verfremdet", sagt Architekt Arnold Brückner, "es ist nicht möglich, kein Bild zu erzeugen. Auch jede Verweigerung der Geschichte wird unweigerlich zu einer Form. Daher haben wir uns entschieden, einen entzogenen Ort zu schaffen und ein anderes Zeichen zu setzen." Obwohl – oder vielleicht gerade weil – das Projekt den Ausschreibungsunterlagen, ja kein Mahnmal zu errichten, um 180 Grad widerspricht, wurde es von der Jury (Juryvorsitz Robert Wimmer) mit einem Sonderpreis gewürdigt.

"Genau das wäre der richtige Zugang gewesen", sagt Florian Kotanko, Vorsitzender des Vereins für Zeitgeschichte und so etwas wie die gute Seele und das wandelnde Lexikon zum Thema Hitler und Braunau. "Ein solches Mahnmal hätten sich die Menschen in dieser Gemeinde gut vorstellen können. Auch eine soziale Einrichtung wie die Lebenshilfe, die hier ja bis 2011 eingemietet war, wäre denkbar gewesen. Alles ist besser als die oberste Priorität der politischen Instanzen, nämlich die Fakten der Geschichte auszuradieren. Das wird nicht funktionieren."

Auch wenn das Ministerium die Wortwahl meidet: das Hitler-Geburtshaus.
Foto: AP

Die paar Neonazis? Kein Problem!

Braunau am Inn ist eine wunderschöne Stadt mit einem denkmalgeschützten Stadtkern, einem regen Wochenmarkt, vielen türkischen und arabischen Friseuren, ein paar verrückten Trödelläden und, wie es scheint, weltoffenen, politisch interessierten Menschen. "Die paar Neonazis, die am 20. April herkommen, eine Kerze aufstellen oder die Hand aus dem Auto rausstrecken", sagt eine Einwohnerin, die anonym bleiben möchte, "haben wir schon im Griff. Das ist nicht das Problem. Das ist Teil unserer Kompetenz geworden. Das Problem ist, dass die Regierung dem Ort seine Geschichte nehmen will."

Die Ausstellung im Bezirksmuseum und die verpflichtende öffentliche Zugänglichmachung der eingereichten Wettbewerbsprojekte sind seit gestern, Freitag, 17 Uhr, nach vier Nachmittagen zu Ende. Die Pläne und Mo delle sind wieder eingerollt und eingepackt. Transparenz und Geschichtsaufarbeitung im Kabinett Kurz II. (Wojciech Czaja, 6.6.2020)