In welcher europäischen Großstadt wurde dieses Bild aufgenommen? Systemgastronomie wie Mc Donald's oder Burger King gibt es allerorts. Das vereinheitlicht – ebenso wie große, internationale Handelsketten – auch das Erscheinungsbild der Innenstädte. Das Bild stammt übrigens aus Wien.

Foto: Picturedesk

Plötzlich war die Stadt menschenleer. Zwar hat sich das Zentrum Wiens nach dem Lockdown der Corona-Krise langsam wieder gefüllt, aber nur teilweise. Neben den fehlenden Touristen sorgt auch die plötzlich weitverbreitete Nutzung von Homeoffice dafür, dass viele Arbeitskräfte dem Zentrum fernbleiben – samt ihrer Kaufkraft. Besonders kleine Händler und Gastronomen leiden enorm darunter, bei vielen geht es bereits ums Eingemachte, während große Ketten dank ihres längeren finanziellen Atems eher über die Runden kommen – und das nicht nur in Wien.

Droht Innenstädten durch ein Sterben kleiner Geschäfte und Wirte die Individualität verlorenzugehen? Kommt es stattdessen zu einer weiteren Vereinheitlichung, bei der die Logos und Schriftzüge von Handelsketten und Systemgastronomie das Stadtbild prägen? Verkürzt lautet die Antwort: Ja. Allerdings nicht ursprünglich wegen der Corona-Krise. Diese bringt zwar Dinge in Bewegung und beschleunigt Entwicklungen – gekommen wären sie auch ohne die Pandemie. Es gibt aber auch Konzepte, wie man dem Trend zur Vereinheitlichung entgegenwirken kann.

Wirte ohne Kundschaft

Wie es um die Gastronomie in der Wiener Innenstadt derzeit bestellt ist, weiß Wirtschaftskammer-Obmann Mario Pulker: nämlich unterschiedlich. Geschäftig geht es ihm zufolge wieder im hochpreisigen Segment zu, "die gehoben Lokale sind wieder sehr gut gebucht". Mager sieht es jedoch für Gaststätten mit Fokus auf das Mittagsgeschäft wegen des durch Teleworking ausgedünnten Publikums aus. "Die haben ein Problem, weil die Leute nicht da oder in Kurzarbeit sind", sagt Pulker. Noch schlechter sieht es für auf Touristen ausgerichtete Restaurants aus angesichts der abwesenden Zielgruppe.

Derzeit würden Regierungshilfen, Rücklagen und Stundungen die Unternehmen noch über Wasser halten, aber wie lange noch? "Wenn die Zahlungen dann schlagend werden, wird das ein Problem", sagt Pulker, "dann werden wir sehen, was von der Branche übrig bleibt." Er erwartet, dass sich dieser Prozess bis Ende nächsten Jahres hinziehen wird. "Ich hoffe, dass es nicht so wird wie in den USA", ergänzt der Gastronomie-Obmann, "wo es nur superteure Restaurants gibt und sonst fast nur Systemgastronomie und Take-away."

Ähnlich schwierig gestaltet sich die Zukunft für viele kleine Händler, auch hier wird ein merkliches Ausdünnen befürchtet. Dem Handelsverband zufolge haben bereits sieben Prozent der insgesamt mehr als 3.000 Mitglieder zugesperrt oder sind gerade dabei, dies zu tun – er fordert daher ein Konjunkturpaket nach deutschem Strickmuster, um diese Entwicklung zumindest zu bremsen. Aber was wird die Lücken wohl füllen, wenn kleinen Wirten und Händlern in Stadtzentren die Luft ausgeht? Mehr Systemgastronomie und internationale Handelsketten, die Städten sukzessive ihre Individualität nehmen?

Finanzstarke überleben

"Wir sind jetzt schon in der Situation, dass Städte immer uniformer werden", sagt der Wiener Stadtforscher und Historiker Peter Payer. Sie würden einander im Erscheinungsbild dank Mc Donald’s, Hard Rock Cafe, H & M oder Zara immer ähnlicher werden. "Es ist zu beobachten, dass die Finanzstarken bleiben oder ihre Konkurrenten aufkaufen", erklärt Payer die Entwicklung, die durch die Corona-Krise deutlich beschleunigt wurde. Es ist also letzten Endes die Kraft des Kapitalismus, die die Individualität einer Stadt auf Dauer erodieren lässt – sofern die Stadtverwaltung nicht gegensteuert.

In der Bundeshauptstadt ist es aus Payers Sicht dafür nicht zu spät. "Wien ist trotz der Veränderung in den vergangenen Jahrzehnten im Einzelhandel mit seit Jahrhunderten bestehenden Geschäften gesegnet", hebt der Stadtforscher hervor. Man müsse das Bewusstsein dafür heben, dass diese es seien, die Wien von anderen Großstädten unterscheiden. "Ich glaube, dass es ein Regulativ braucht", folgert Payer.

Hohe Mieten als Hindernis

Ähnlich stuft Aglaée Degros die Entwicklung ein. Sie ist Leiterin des Instituts für Städtebau an der TU Graz sowie Mitglied des Post-Corona-Beirats der Stadt Brüssel und hat eine klare Vorstellung davon, was in vielen Stadtkernen falsch läuft: Sie sind überkommerzialisiert. Systemgastronomie und Handelsketten in Innenstädten seien die sichtbaren Zeichen dafür. Statt des Strebens nach Gewinnmaximierung sollte aber auch in Stadtzentren die Lebensqualität wieder stärker in den Fokus rücken. Wobei aus Degros’ Sicht ein großes Hindernis durch die Immobilienpreise und Mieten gegeben ist.

"Es ist wichtig, dass Immobilien nicht zu teuer werden", sagt sie, denn diese würden kleinere Händler und weniger wohlhabende Bevölkerungsschichten aus den Zentren vertreiben. Ihr schweben aber multifunktionale Stadtkerne vor, Büros neben Wohnhäusern, Geschäften, Schulen und Kindergärten – also eine Stadt der kurzen Wege. Und genau für ein solches Umdenken in Stadtverwaltungen sieht Degros derzeit gute Karten, denn: "In einer Krise liegt auch die Chance, etwas zu ändern."

Schrittweise Umgestaltung

Von heute auf morgen sind Stadtzentren zwar nicht umzugestalten, Degros hat aber durchaus Vorstellungen, wie dies Schritt für Schritt passieren kann. Förderungen für leistbaren Wohnbau sollen künftig für eine stärker gemischte Bevölkerung sorgen, Größenbeschränkungen für neue Handelsflächen Luft für Lokale und kleine Geschäfte schaffen. Zudem sollte bewusst der Autoverkehr zurückgedrängt werden, wodurch Platz für verkehrsberuhigte Begegnungszonen frei werden würde.

In eine ähnliche Richtung gehen derzeit die Bestrebungen in Wien. Offiziell will sich die Stadt nicht zu dem Thema äußern, stellt aber Hintergrundinformationen zur Verfügung. "Eine erfolgreiche und prosperierende Stadt braucht funktionierende Zentren", heiß es etwa in dem Stadtentwicklungsplan "Step 2025". Damit will die Bundeshauptstadt sukzessive von ihrer monozentralen Struktur wegkommen.

Neben der stark touristisch geprägten Innenstadt sollen in den angrenzenden Bezirken weitere Zentren oder Stadtquartiere entstehen. In dem Konzept sind auch Prüfungen vorgesehen, wo großflächiger Einzelhandel erlaubt sein soll und bewusst gute Rahmenbedingungen für Gastronomie und kleine Geschäfte geschaffen werden. Auf diese Weise soll eine neue Individualität der Hauptstadt abseits vom nostalgischen K.-u.-k.-Flair der stark touristisch geprägten Innenstadt entstehen.

Kein Widerspruch

Dabei müssen Handelsketten und kleine Geschäfte nicht zwingend einen Widerspruch darstellen, wie Degros vom Institut für Städtebau anhand der vor einigen Jahren umgestalteten Wiener Mariahilfer Straße erklärt. Die aus dem Stadtzentrum wegführende, verkehrsberuhigte Einkaufsmeile ist zwar grundsätzlich fest in der Hand von Systemgastronomie und Handelsketten, ergänzend dazu ist in den Seitenstraßen aber eine Fülle an kleinen Geschäften und Lokalen vorzufinden – was für Degros den besonderen Reiz ausmacht.

Auch Stadtforscher Payer ist kein Freund von Entweder-oder, sondern von Sowohl-als auch. Wie Degros ist er der Ansicht, dass das Konzept von Stadtkernen, die morgens Arbeitskräfte samt ihrer Kaufkraft ein- und abends wieder ausatmen, im 21. Jahrhundert überholt ist. Zumal Teleworking wohl in der Post-Cornona-Arbeitswelt ein weitverbreitetes Phänomen bleiben wird. Stattdessen spricht sich auch Payer für mehrere multifunktional genutzte Zentren in Metropolen aus – also auch für Städte der kurzen Wege. Dazu müsse man in manchen Bereichen den "Raubtierkapitalismus" bremsen und bewusst eine ökonomische, soziale und kulturelle Mischung in diesen Zentren anstreben, sagt Payer. "Das ist sicher zukunftsträchtiger." (Alexander Hahn, 8.6.2020)