Wenn auch nicht hundertprozentig korrekt adjustiert, trägt Bürgermeister Frey bei den Protesten eine Maske.

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Dass sich die Wege von George Floyd und Jacob Frey irgendwann kreuzen, ist in der DNA der USA eigentlich nicht vorgesehen. Zu fragmentiert ist die Gesellschaft, zu ungleich die Lebenschancen, als dass einer wie Floyd, schwarz und aus einem Armenviertel von Houston, einem wie Frey je über den Weg läuft. Und so war es auch erst der Tod, der die beiden ungleichen Männer für immer miteinander verknüpft.

Denn Frey, 38, weiß, in einem Nobelvorort von Washington aufgewachsen, Anwalt, Bürgerrechtler und schließlich Bürgermeister von Minneapolis, hat sich nach dem Sterben von George Floyd unter dem Knie eines Polizisten in seiner Stadt zur aktuell lautesten politischen Stimme gegen den strukturellen Rassismus in den USA aufgeschwungen – und wohl auch zur telegensten. Der Demokrat, Kanadas Premier Justin Trudeau wie aus dem Gesicht geschnitten, repräsentiert das weltoffene Anti-Trump-Amerika derzeit so gut, dass ihn der Präsident höchstpersönlich als Feindbild auserkoren hat. Er attackiert und verhöhnt den Bürgermeister auf Twitter ("Ein Linksradikaler", "sehr schwach") und gibt ihm ungebeten Ratschläge, wie er mit den Unruhen in seiner Stadt am besten fertigwird.

Richtiger Ton

Dabei hat Frey derlei Tipps schon rein formal gar nicht nötig. Obwohl es ihn – wie auch George Floyd – erst im Erwachsenenalter des Jobs wegen nach Minneapolis gezogen hat, kennt er die Stadt wie seine Westentasche. Als junger Anwalt nahm er sich vieler Tornadoopfer an, später setzte er sich für ein weniger zwischen Schwarz und Weiß segregiertes Stadtbild ein. Während andernorts die schrillen Noten überwiegen, trifft der ehemalige Lokalpolitiker mit seinen besonnenen Appellen an die Vernunft seiner traditionell liberalen Stadt derzeit stets den richtigen Ton. Etwa: "In Amerika schwarz zu sein darf kein Todesurteil sein."

Auch wenn Frey durchaus geschickt die Welle der dissidenten Popularität reitet – sich allzu sehr bei den Wortführern der Proteste anbiedern will er dann doch nicht. So erntete er am Wochenende Buhrufe, als er sich weigerte, die für den Tod Floyds verantwortliche Polizeibehörde aufzulösen. Der kurzzeitige Profi-Leichtathlet, in zweiter Ehe mit einer Lobbyistin verheiratet und ab Herbst Vater, setzt statt auf Rache lieber auf Reform. Bei seinem letzten Rennen, dem New-York-City-Marathon 2008, lief Frey als 15. ins Ziel. Den langen Atem von damals wird er jetzt auch brauchen. (Florian Niederndorfer, 7.6.2020)