Etwas vom französischen Savoir-vivre ist nach vielen Wochen des Lockdowns zurückgekehrt – die Plätze in und vor den Bistros füllen sich, und das nicht nur in Paris.

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Es war den Franzosen, als sei ihnen in letzter Zeit etwas abhandengekommen. Und zwar mehr als die Bewegungsfreiheit oder der Arbeitsplatz: Gefährdet war das französische Savoir-vivre. Präziser gesagt: das Gefühl des kleinen Glücks am Bistro-Tresen. An der Bar einen "petit noir" (Expresskaffee) schlürfen und die Sportzeitung L’Equipe durchforsten oder im herumliegenden Boulevardblatt Le Parisien das Kreuzworträtsel beenden, das der Kunde zuvor begonnen hatte.

Oder aber Umstehenden beim Spotten über die Politiker zuzuhören und zu staunen, dass der Anwalt mit dem Aktenkoffer noch lauter schimpfte als der Maler mit den verschmierten Hosen; mitzuverfolgen, wie der Wirt die Baguettes virtuos in Schinken-Käse-Sandwichs verwandelte und dann unwirsch fragte: "Mit oder ohne Cornichon?" Mit Unbekannten ins Gespräch zu kommen und es ebenso leichthin zu beenden, wenn man ein paar Münzen auf den "zinc", die Theke, gelegt hatte und der Wirt das Trinkgeld im Plastiktellerchen auf den Tresen knallte – ja, das war gelebtes Frankreich.

Harte Zeit

Diese Momente der kleinen Glückseligkeit, die jeder Frankreich-Reisende kennt, endeten abrupt am 16. März, als Präsident Emmanuel Macron den Lockdown anordnete. Es folgten zweieinhalb Monate Bistro-Entzug, die nicht nur den "piliers de bar", den Stammkunden, auf die Nieren gingen. Frankreich, vielleicht das einzige Land, wo man in den Städten noch alle paar Schritte diese gesellig-gastronomische Einkehr findet, ist ohne seine Stehbars nicht Frankreich.

Und was wäre Paris ohne das Café de Flore, das Deux Magots, das Rostand oder das fabelhafte Montmartre-Café der Amélie Poulain? Was ein Pariser Schnellimbiss ohne Mayonnaise-Ei, ohne "petit salé", Hering, Blutwurst oder ein stehend verzehrtes "steak-frites"? Seit einer Woche dürfen die Brasserien und Bistros, Restaurants und Cafés endlich wieder die Rollläden hochziehen. Aber nur, wenn sie einen Ein-Meter-Abstand zwischen den Tischen einhalten. Und im Großraum Paris nur auf Terrassen – nicht im Rauminneren und damit auch nicht an der Bar.

Stichprobe im Bistro La Bouffarde im 14. Arrondissement. Die Terrasse ist an diesem Morgenfür Gäste geöffnet, ein paar Tischchen stehen sogar auf dem breiten Gehsteig, wie es Bürgermeisterin Anne Hidalgo ausdrücklich zugelassen hat. Nur: Kunden sind Mangelware. Vielleicht, weil das Ambiente nicht gerade anziehend wirkt: Die Bedienung trägt Mundschutz, die wenigen Gäste üben sich im Abstandhalten. Geselligkeit ist anders.

"Man passt sich allem an"

Aber das kleine Bistro-Glück kehrt trotzdem zurück. Am Eingang des einfachen Bistros, das sich stolz "Bar-Brasserie" nennt, stehen mehrere Gäste mit Pappbechern und plaudern wie gehabt. Nur der Tresen fehlt. "Ça va, man passt sich allem an", meint ein älterer Mann mit weißen Bartstoppeln und sportlichem Outfit philosophisch.

Doch ist der Stehbetrieb nicht verboten? Monsieur zeigt schmunzelnd auf eine Tafel, die den "Verkauf über die Straße" zulässt. Wer das Lokal betritt, sieht indes keinen Takeaway-Schalter. Die ganze Bar ist mit einer dicken Plastikfolie hermetisch abgedeckt. Ein trauriges Bild, das eher an eine Notfallstation als an ein lebendiges Bistro erinnert. Hinter einem nicht minder imposanten Schutzdispositiv verkauft die chinesische Wirtin Tabakwaren. Keinen Kaffee? "Hier lang", antwortet die Frau und macht sich hinter dem Schutzvorhang flink zu schaffen. Bald öffnet sie eine unauffällige Schnittöffnung in der Plastikwand und schiebt einen Trinkbecher durch.

Anders als früher

Damit ausgerüstet, gesellt man sich zum Stehkomitee unter dem roten Eingangsbaldachin. Gewiss, es ist nicht wie früher, aber es herrscht dennoch ein Hauch unverbindlicher und zugleich herzlicher Bistro-Atmosphäre, geprägt vom Gemisch der Stammkunden und anonymen Passanten. Man wahrt Distanz und steht doch irgendwie zusammen, man palavert, leert seinen Pappbecher, was immer auch er enthält; und man freut sich, dass La Bouffarde (zu Deutsch: Tabakspfeife) wieder dampft.

"Und wie uns das fehlte!", antwortet Louise auf die entsprechende Frage. Die 73-jährige Nachbarin hat ihr ganzes Leben hier im Viertel verbracht, wie sie bereitwillig erzählt. Eine der waschechten Pariserinnen, wie es sie nur noch selten gibt? "Nein", korrigiert die freundliche alte Dame, deren hübsche Halskette weniger Lücken aufweist als ihre Zahnreihen. "Ich fühle mich nicht als Pariserin, das ist mir zu versnobt. Mein Zuhause ist der 14. Arrondissement, das ist mein Dorf. Und dieses Bistro, wo man sich trifft, ohne sich verabredet zu haben – das ist mein zweites Wohnzimmer."

Bangen um das Stammlokal

Die wackere Frau erzählt, wie sie wochenlang mit der Furcht lebte, dass ihr Stammlokal gar nicht mehr aufsperren könnte. Laut einer Branchenerhebung muss in Frankreich ein Drittel der Gaststätten Konkurs anmelden. Hier am Boulevard Brune bleiben an diesem Tag viele Restaurants und Cafés geschlossen. "Aber jetzt werden sich die Dinge wieder einrenken", meint Louise, die sich guter Dinge zeigt. "Wenn alles gutgeht, kann die Wirtin das ganze Lokal Ende des Monats wieder öffnen. Dann wird gefeiert!"

(Stefan Brändle, 08.06.2020)