Im Gastkommentar replizieren Andreas Novy und Richard Bärnthaler vom Department für Sozioökonomie an der WU Wien auf einen Ökonomieblogbeitrag von Harald Badinger, Jesús Crespo Cuaresma und Harald Oberhofer.

Illusionär nannte Karl Polanyi die Versuche liberaler Wirtschaftspolitik, ihre Modellwelt eines globalen Marktes mit maximaler individueller Wahlfreiheit umzusetzen. Die liberale Utopie selbstregulierender Märkte, so kennzeichnete Polanyi das wirtschaftsliberale Weltbild, war schon in der ersten Globalisierung vor dem Ersten Weltkrieg bestimmendes Denkmuster in Wirtschaftstheorie und -politik. Auch damals waren Theorie und Politik von der Überlegenheit einer marktwirtschaftlichen Ordnung felsenfest überzeugt – bis die liberale Zivilisation nach der Weltwirtschaftskrise 1929 in Massenarbeitslosigkeit, Faschismus und Krieg vorübergehend versank.

Tatsächlich existiert die Welt, von der die Kollegen Harald Badinger, Jesús Crespo Cuaresma, Harald Oberhofer im Ökonomieblog träumen, nur in Modellen. Die sogenannte zweite Globalisierung, die seit rund vierzig Jahren unseren Planeten prägt, ist um vieles komplexer. Globalisierung als schlecht zu kritisieren ist ebenso naiv wie die Behauptung, ein mehr an Globalisierung sei immer gut. Weltoffenheit ist tatsächlich eine Tugend, aber das würden viele von Heimatverbundenheit auch sagen. Globalisierung hat tatsächlich eine Reihe von Vorzügen: von Wohlfahrtsgewinnen, die hunderte Millionen aus der Armut befreiten, bis hin zu interkulturellen Dialogen, zur internationalen Forschungsgemeinschaft und ganz allgemein dem Austausch von Ideen. Doch Globalisierung hat auch Schattenseiten.

Marktmacht der Gewinner

Unsere These ist: Eine überzogene Globalisierung trägt immer schon die Saat ihrer eigenen Destruktion in sich. Der Beginn der derzeitigen Phase der Deglobalisierung ist mit der Weltwirtschaftskrise 2008 zu datieren – also bereits knapp eine Dekade vor dem Brexit-Referendum und der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten. Auch Covid-19 verstärkt bloß Prozesse, die im Gange sind – und aufgrund der geopolitischen Konkurrenz, der Digitalisierung und des Klimawandels an Bedeutung gewinnen werden.

Deglobalisierung passiert. Seit der Weltwirtschaftskrise ist selbst der Welthandel, den Badinger, Crespo und Oberhofer als Beweis der Vorzüge der Globalisierung anführen, gemessen als Anteil der Exportgüter am Volkseinkommen, rückläufig. Dramatisch ist diese Abkehr von der Außenorientierung im Handel bei China, dessen geopolitisches Projekt vermehrt auf die Stärkung des Binnenmarktes setzt. Doch die Hyperglobalisierung, die der bekannte Harvard-Ökonom Dani Rodrik seit 20 Jahren kritisiert, wurzelte vor allem in der Deregulierung der Finanzmärkte, die ein naiver Wirtschaftsliberalismus propagierte. Heute wissen wir, dass Finanzmärkte krisenanfälliger sind als andere Märkte.

Boris Johnson, Donald Trump.
Foto: Reuters / Jonathan Ernst

Finanzialisierung und die konkrete Ausgestaltung des hyperglobalen Handelsregimes führten zur Konzentration von Einkommen, Vermögen und Macht. Diese Verteilungswirkungen der Globalisierung gelten als eine der Ursachen der Erfolge von Trump und Brexit. Die Modellwelt der Ökonomik sieht zwar vor, dass die Globalisierungsgewinne so groß seien, dass die wenigen Verlierer problemlos kompensiert werden können. Das stimmt – aber nur im Modell. In der Wirklichkeit führte die Marktmacht der Gewinner mit der Vertiefung der Globalisierung dazu, dass sie Kompensationen für nicht notwendig ansahen – die wütende Arbeiterschaft lief ins Lager des vermeintlichen Globalisierungskritikers Trump. Dieser verteilt weiter nach oben um – und schürt den Hass in der Gesellschaft. Trump zerstört nicht nur die internationale Zusammenarbeit im Gesundheitswesen, er sabotiert auch die Welthandelsorganisation WTO.

Vorzüge stärken

Anstatt dem marktliberalen Dualismus unserer Kollegen zu folgen – Globalisierung gut, Deglobalisierung schlecht –, braucht es eine differenzierte Analyse: Welche Formen der Globalisierung und Deglobalisierung erhöhen das Wohlbefinden? Welche stärken Rechtsstaatlichkeit? Welche führen zu religiösem Fundamentalismus und Rassismus? Welche erhöhen demokratische Gestaltungsspielräume? Welche befördern Nationalismus?

Es gilt, die vielfältigen Dynamiken von Globalisierung und Deglobalisierung zu gestalten. Einerseits müssen die potenziellen Vorzüge von Globalisierung gestärkt werden: Das betrifft nicht nur eine effiziente internationale Arbeitsteilung, sondern auch die Koordinierung globaler Gemeingüter – zum Beispiel mittels international koordinierter Friedens- und Klimapolitik oder bei der Pandemiebekämpfung. Dies sind Bereiche, in denen die Gefahr destruktiver Lose-lose-Situationen groß ist.

Strenge Regulierung

Andererseits sind all diejenigen, die die Vorzüge des europäischen Zivilisationsmodells mit Welthandel, Freiheitsrechten und Demokratie schätzen, gut beraten, aus dem Zusammenbruch der ersten Globalisierung für heute zu lernen: Es braucht die strenge Regulierung der globalen Finanzmärkte, den Abbau fossiler Infrastrukturen, die globale Lieferketten subventionieren, und das Aufbrechen der Marktmacht digitaler Plattformen. All dies ist nur mit intensiver europäischer Kooperation möglich. Deglobalisierung bietet dann eine Vielzahl an Chancen für eigenständige Entwicklungswege, die die Vielfalt der europäischen Städte und Regionen stärkt: ein Ernährungssystem, das ohne Futtermittelimporte hohe Qualität gewährleistet; eine Reparaturwirtschaft, die zwangsweise lokalisierter sein muss als eine Wegwerfökonomie, in der keine Ersatzteile erhältlich sind; eine europaweite krisenfeste Versorgungsstruktur an strategischen Gütern wie medizinischen Geräten, sodass man im Ernstfall nicht von anderen Wirtschaftsblöcken abhängig ist. All diese Chancen einer nachhaltigen Deglobalisierung gilt es zu nutzen. (Andreas Novy, Richard Bärnthaler, 8.6.2020)