Die Statue eines Sklavenhändlers landete im Hafengewässer von Bristol.

Foto: AP / Kirsty Wigglesworth

Aufgewühlt von den Ereignissen in den USA, diskutiert Großbritannien leidenschaftlich über sein Kolonialerbe und die anhaltende Diskriminierung ethnischer Minderheiten. Am Rande einer Anti-Rassismus-Demo zum Gedenken an George Floyd landete am Sonntag die Statue eines bekannten Sklavenhändlers im Hafengewässer der westenglischen Stadt Bristol. Während der konservative Premier Boris Johnson von Sachbeschädigung und seine Innenministerin Priti Patel von "Rowdys und Kriminellen" sprach, bekundeten prominente Schwarze Verständnis und beklagten die Ignoranz der Gesellschaft gegenüber der anhaltenden Benachteiligung.

Erst vergangene Woche hatte die Regierung öffentlich eingeräumt, was anhand der Vielzahl von Einzelschicksalen seit Wochen unübersehbar ist: Die Corona-Pandemie trifft schwarze und braune Briten überproportional häufiger als die weiße Bevölkerung. Das Risiko, an einer Covid-Infektion zu sterben, liegt mindestens doppelt so hoch, ergab eine Studie der Behörde Public Health England (PHE). Von 29 verstorbenen Ärzten gehörten 27 einer ethnischen Minderheit an.

Dass besondere Vorsichtsmaßnahmen für die Hochrisikogruppen bisher nicht einmal diskutiert werden, dürfte zum Gefühl der Vernachlässigung beigetragen haben – der Slogan Black Lives Matter (BLM) erhielt dadurch zusätzliche Brisanz. Ohne auf die Anliegen der Aktivisten einzugehen, wies Gesundheitsminister Matthew Hancock vergangene Woche auf das Dilemma der Demonstranten hin: Weil auch auf der Insel vielerorts der vorgeschriebene Abstand von zwei Metern nicht eingehalten werde, entstehe indirekt Gefahr gerade für anfällige Bevölkerungsgruppen.

200 Kundgebungen landesweit

Dennoch hatten bis Dienstag insgesamt mehr als 137.000 Menschen landesweit an etwa 200 BLM-Kundgebungen teilgenommen. Politik und Medien schauten wie gewohnt vor allem auf die Ereignisse in London, wo am Wochenende Zehntausende demonstrierten. Mehrfach kam es dabei zu Ausschreitungen kleiner Gruppen; mehr als zwei Dutzend Polizisten wurden teils schwer verletzt, darunter die abgeworfene Reiterin eines scheuenden Polizeipferds.

Am Kriegerdenkmal Cenotaph versuchten Protestierende vergeblich, eine britische Fahne anzuzünden. Auf dem Parliament Square erhielt die Statue von Kriegspremier Winston Churchill (1874–1965) den Graffiti-Zusatz "was a racist" ("war ein Rassist") – eine Einschätzung, deren Wahrheitsgehalt selbst von wohlmeinenden Biografen wie Andrew Roberts nicht bezweifelt wird.

Innenministerin Patel verurteilte die Ausschreitungen im Unterhaus scharf als Vandalismus. Sie habe keinerlei Verständnis für die Frustration junger Schwarzer, schließlich habe sie selbst als Kind rassistische Slogans ertragen müssen, sagte die 48-Jährige, deren indische Familie 1972 aus Uganda ins Königreich gekommen war.

Ablehnend äußerte sich die Innenministerin auch gegenüber dem Zwischenfall mit der gestürzten Statue in Bristol. Dort war seit Jahren kontrovers über das Gedenken an den Tory-Abgeordneten Edward Colston (1636–1721) debattiert worden. Dieser hatte seine enormen Einnahmen aus dem Sklavenhandel in diverse kulturelle und soziale Anliegen investiert; bis vor kurzem war etwa der größte Konzertsaal Bristols nach ihm benannt. 170 Jahre nach seinem Tod hatten vermögende Kaufleute am Ende des 19. Jahrhunderts Colston ein Denkmal gewidmet, dessen Errichtung schon damals umstritten war.

Vollendete Tatsachen

Am Sonntag beendeten einige Dutzend Aktivisten kurzerhand die uralte Debatte, zerrten die Statue vom Podest, rollten sie zum Hafen und warfen sie ins Wasser. Er hätte mit seinen wenige Dutzend Beamten gegen mehr als zehntausend Demonstranten nicht viel ausrichten können, rechtfertigte der Einsatzleiter der Polizei anschließend seine Zurückhaltung. "Wie hätte es ausgesehen, wenn die Polizei die Statue eines Sklavenhalters beschützt?" Der zuständige Polizeipräsident stärkte seinem Beamten den Rücken, musste sich aber von Innenministerin Patel bittere Vorwürfe gefallen lassen: Sie erwarte umgehend Anklagen gegen die Beteiligten.

Labour-Oppositionsführer Keir Starmer äußerte sich differenzierter. Der gewaltsame Sturz des Denkmals sei falsch, aber: "Diese Statue hätte längst entfernt werden müssen." Prominente Labour-Politiker wie der schwarze Schatten-Justizminister David Lammy und Londons Bürgermeister Sadiq Khan, der pakistanischer Herkunft ist, beklagten die Ignoranz der Regierung. Khan will jetzt eine Kommission gründen, die dem Erbe des Sklavenhandels auf den Grund gehen und Vorschläge zur Änderung von Straßennamen und zur Entfernung von Denkmälern machen soll.

Kein Einzelfall

Denn auch anderswo feiern Statuen die Profiteure des Sklavenhandels. Über den St. Andrew Square der schottischen Hauptstadt Edinburgh wacht Henry Dundas (1742–1811), der als Viscount Melville jahrelang das Verbot des Menschenhandels in britischen Territorien hintertrieb. Vor dem Londoner Docklands-Museum steht der Plantagenbesitzer Robert Milligan (1746–1809); auf sein Betreiben wurden die West India Docks eingerichtet, die den Zuckerhandel zwischen der Karibik und Großbritannien erleichterten.

Das mörderische Erbe des Kolonialismus ist auf der Insel bisher kaum thematisiert worden. Im Schulunterricht kommen zwar herzzerreißende Geschichten über Sklaverei zur Sprache, sie spielen aber meist in Nordamerika, nicht in den karibischen Zuckerplantagen. Hingegen wird ausführlich auf William Wilberforces Initiative zur Abschaffung der Sklaverei im britischen Hoheitsgebiet ab 1807 hingewiesen. Manches deutet darauf hin, dass die BLM-Demonstrationen dieses Missverhältnis nun ändern könnten. (Sebastian Borger, 9.6.2020)