Kathy Sullivan und Victor Vescovo nach ihrem Rekordtauchgang.
Foto: Enrique Alvarez

Am vergangenen Sonntag schrieb die US-Amerikanerin Kathryn Sullivan bereits zum zweiten Mal Geschichte: 36 Jahre nachdem sie als erste Amerikanerin einen Weltraumspaziergang unternommen hatte, erreichte Sullivan als erste Frau das Challengertief, eine von zwei Stellen im Marianengraben im Westpazifik, die um den Titel "Tiefste Stelle der Weltmeere" konkurrieren (die zweite Stelle ist das Witjastief 1). Damit ist sie auch der bisher einzige Mensch, der sowohl das All als auch die Tiefsee besucht hat.

Das Challengertief liegt 10.984 (± 25) Meter unter der Meeresoberfläche und wurde nach dem englischen Vermessungsschiff Challenger II benannt, von dem aus 1951 erstmals die Tiefe des Marianengrabens ermittelt wurde. Neun Jahre später, am 23. Jänner 1960, tauchten der Schweizer Jacques Piccard und der US-Amerikaner Don Walsh als erste Menschen im Tauchboot Trieste an dieser Stelle bis zum Meeresgrund.

Nur acht Menschen im Challengertief

Nach Piccard und Walsh, dem Filmmacher James Cameron, dem Investor und Abenteurer Victor Vescovo, dem Kanadier Patrick Lahey, dem Deutschen Jonathan Struwe sowie dem Engländer John Ramsey war Sullivan erst der achte Mensch in der Geschichte, der einen solchen Tauchgang bis zum mutmaßlich tiefsten Punkte der Erde durchgeführt hat.

Die 68-Jährige war bei dieser Expedition Kopilotoin neben Victor Vescovo, der mit dem Tauchboot Limiting Factor im Vorjahr bereits zweimal das Challengertief besucht hatte. "Herzlichen Glückwunsch!", twitterte Vescovo nach der erfolgreichen Mission.

Das Erste, was Sullivan tat, nachdem sie die Oberfläche wieder erreicht hatte, war ein Anruf bei den Astronauten auf der Internationalen Raumstation. "Als Ozeanografin und Astronautin war dies ein einzigartiger Tag: Ich habe die Mondlandschaften des Challengertiefs gesehen und mich dann mit meinen Kollegen auf der ISS über unser bemerkenswertes Unterwasserfahrzeug und die ISS unterhalten", berichtet Sullivan.

Herausfordernde Expedition

Sullivan und Vescovo verbrachten rund zehn Stunden an Bord der Limiting Factor, eines Zwei-Personen-Tiefseetauchboots, das von der Werft Triton Submarines im Auftrag von Caladan Oceanic gebaut wurde. Für den Abstieg bis zum Meeresboden benötigten die beiden vier Stunden, wo sie weitere eineinhalb Stunden verbrachten. Die Rückreise zur Oberfläche dauerte erneut vier Stunden. "Dies ist das exklusivste Ziel der Welt", sagte Rob McCallum, Gründungspartner von Eyos Expeditions, jenem Unternehmen, das die Mission mitkoordiniert hatte. "Mehr Menschen waren bisher auf dem Mond als auf dem Grund des Ozeans."

Mit der Limiting Factor ging's schon fünfmal in den Marianengraben.
Foto: AP/Tamara Stubbs

Schwer zu sagen, ob man sich als Astronaut oder als Tiefseebesucher einer größeren Gefahr aussetzt: Laut Sullivan herrscht im Challengertief ein Druck von über 1.000 Bar. Dadurch lastet auf dem gesamten Rumpf der Limiting Factor ein Druck, der "dem Gewicht von 291 Jumbojets oder 7.900 Doppeldeckerbussen entspricht", wie Sullivan in ihrem Blog schreibt – mit anderen Worten: 11.000 Tonnen pro Quadratmeter. Die fast neun Zentimeter dicke Bordwand aus einer Titanlegierung wurde entwickelt, um diesen enormen Drücken standzuhalten. Bisher hat die Limiting Factor fünf Reisen zum Challengertief erfolgreich durchgeführt. Es ist das einzige Tauchboot, dem ein solcher Tauchgang mehr als einmal gelungen ist.

Erste Frau im freien Weltraum

Sullivan ist es gewohnt, unter solchen "Hochdrucksituationen" zu arbeiten: Während ihrer 15-jährigen Karriere bei der Nasa flog sie auf drei Space-Shuttle-Missionen, darunter auch jene, bei der das Hubble-Weltraumteleskop im All ausgesetzt wurde. 1978 war sie eine der ersten Frauen, die für das Nasa-Astronauten-Corps ausgewählt wurden, und sie war die erste Amerikanerin, die im Rahmen einer Mission des Space-Shuttles Challenger am 11. Oktober 1984 einen Weltraumspaziergang durchgeführt hat.

Video: Interview mit Kathy Sullivan anlässlich des 35. Jahrestags ihres Weltraumspaziergangs.
NASA

Nach dem Ende ihrer Tage als Astronautin verfolgte Sullivan ihre Leidenschaft für die Ozeanografie und wurde 1993 zur Chefwissenschafterin der National Oceanic and Atmospheric Association (NOAA) ernannt. Von 2014 bis 2017 war sie Leiterin der NOAA.

Ein Extremist in fünf Ozeanen und auf sieben Gipfeln

Aber nicht nur Sullivan, auch Victor Vescovo ist mehrfacher Rekordhalter: Auf seiner 2018 gestarteten Five-Deeps-Expedition erreichte er mit dem Schiff Pressure Drop und dem Tauchboot Limiting Factor als erster Mensch die jeweils tiefsten Punkte der fünf Ozeane. Außerdem absolvierte er den sogenannten Explorers Grand Slam, der die Besteigung der Seven Summits, der jeweils höchsten Berge der sieben Kontinente, sowie das Erreichen von Nord- und Südpol aus eigener Kraft vorsieht.

Den Gipfel des Mount Everest erreichte Vescovo am 24. Mai 2010. Damit ist er der erste Mensch, der am höchsten und am tiefsten Punkt der Erde war – und er hat auf diese Art die größte vertikale Distanz zurückgelegt, die, ohne die Erde zu verlassen, möglich ist. (tberg, 10.6.2020)