Umsatz und Gewinn zählen für den Bonus. Nachhaltigkeitsziele, Mitarbeiterzufriedenheit oder Frauenquoten überwiegend gar nicht.

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Transformation, Diversität, mehr Frauen in Top-Führungsjobs, nachhaltiges Wirtschaften – die Liste der gern verwendeten Buzzwords für die Zukunftsfähigkeit ist lang. Und werden Vorstände auch daran gemessen, ob sie diesbezüglich etwas erreichen, richtet sich ihre Bezahlung nach Kennzahlen, die danach ausgerichtet sind?

Alfred Berger, Gehaltsexperte im Beraterhaus Kienbaum, hat sich die Boards in Österreich angesehen, und es zeigt sich: Sogenannte harte Kennzahlen dominieren weiter die variable Vergütung. "Während sich börsennotierte Unternehmen höhere kurzfristige variable Vergütung wünschen, kommt die langfristige Vergütung in nichtbörsennotierten Unternehmen zu wenig zum Einsatz. Die kurzfristige variable Vergütung wird bei knapp zwei Dritteln der Unternehmen anhand von gewinn- und ergebnisorientierten Kennzahlen bemessen. Bei der langfristigen variablen Vergütung dominieren umsatzorientierte Kennzahlen mit 37 Prozent."

Im Leitindex der Wiener Börse ATX liegt die aktuelle Gewichtung für den Vorstand bei etwa 52 Prozent Grundvergütung und 48 Prozent variabler Vergütung.

Laut der aktuellen Studie "Board-Vergütung im ATX 2019" stieg der Jahresüberschuss der ATX-Unternehmen 2019 im Vergleich zum Vorjahr um durchschnittlich rund fünf Prozent, während der Gesamtvorstand im Durchschnitt etwa ein Prozent mehr Grundvergütung verdiente. Der Vorstandsvorsitzende eines ATX-Unternehmens erhielt ungefähr die gleiche Gesamtdirektvergütung – also die Summe aus variabler und fixer Bezahlung.

Großes Gefälle im Vorstand

Im Median liegt der Vorstandschef und CEO bei 1,532 Millionen Euro jährlich, der Finanzvorstand liegt bei 1,150 Millionen. "Ein ordentliches Mitglied kommt im Median auf eine Gesamtbarvergütung von 970.00 Euro. Also gibt es deutliche Unterschiede in der Höhe der Vergütung im Gremium, aber auch in der Verteilung zwischen variablen und fixen Anteilen", so Berger.

Die Entlohnung der Aufsichtsräte im ATX sieht aktuell so aus: Ein Aufsichtsratsvorsitzender liegt im Median bei 56.000 Euro Grundvergütung sowie 29.000 Euro an Ausschuss- bzw. Sitzungsgeldern. Die Gesamtbezüge beliefen sich im Median auf 79.000 Euro, wobei sich die Vergütung zwischen 35.000 und 226.500 Euro mit großer Bandbreite darstellt. Die durchschnittliche Anzahl ordentlicher Sitzungen ist im Vergleich zum Vorjahr gleich geblieben. Die jahrelangen Forderungen nach höherer, "marktkonformer" Entlohnung seien fast wirkungslos geblieben, sagt Berger.

Interessant ist, dass kein Umfrageteilnehmer bis jetzt Änderungen der Vergütungssysteme beschlossen hat, so wie die neue Aktionärsrechterichtlinie dies eigentlich verlangt.

Digitalisierung als Topthema der Aufsichtsräte

Die große Mehrheit aller an der Umfrage teilnehmenden Unternehmen (62) ist allerdings doch der Auffassung, dass sowohl der Informationsumfang als auch die Komplexität der Themen für den Aufsichtsrat steigen. In Bezug auf die Ausschussarbeit stimmen die Teilnehmer zu, dass über die Bildung von Ausschüssen eine stärkere Fokussierung auf Zukunftsthemen und eine bessere Nutzung der Kompetenzen gelingen könne. "Digitalisierung" ist diesbezüglich das Topthema der Aufsichtsräte, gefolgt von der Besetzung strategischer Positionen und der Neuausrichtung des Unternehmens.

Und wie soll laut dieser Untersuchung ein erfolgreicher Vorstand, eine Vorständin sein? Die wichtigsten Eigenschaften sind demnach vor allem "Weitblick, Konsequenz, Selbstreflexion und Offenheit".

Und wie geht es mit dem Fortschritt in Sachen Gender-Balance? In 88 Prozent der Unternehmen bestehen keine Ziele zur Erreichung einer Frauenquote, 23 Prozent davon wünschen sich dies jedoch immerhin. Bleibt man beim ATX, dann ist das auch dringend nötig: Durchgerechnet gibt es dort 0,25 Prozent Frauen je Vorstandsgremium. Im Aufsichtsrat wirkt die gesetzliche Frauenquote – dort, wo sie Geltung findet: Von 13 auf 27 Prozent ist die Erhöhung des Frauenanteils dort ausgefallen. Unter den Kapitalvertretern des Aufsichtsrats liegt der Frauenanteil in den ATX-Unternehmen insgesamt bei rund 24 Prozent. Im gesamten Aufsichtsrat (inklusive Arbeitnehmervertreterinnen) liegt dieser bei rund 27 Prozent.

Sieht Berger Handlungsbedarf? Er wird (für Berater) ungewöhnlich deutlich: Der Frauenanteil in den ATX-Vorständen sei beschämend. Die Verzögerung bei den Transparenzanforderungen nach der Aktionärsrechterichtlinie zeige "Handlungsbedarf". Ob er sich erinnere, dass nach der Finanzkrise 2008/2009 "weiche" und nachhaltige Kennzahlen für den Bonus versprochen wurden? "Ja". (Karin Bauer, 15.6.2020)