Tourismusministerin Köstinger und Bundeskanzler Kurz würden gezielt mit einem idealisierten Heimatbegriff operieren, um übertriebenen Nationalstolz zu produzieren, so die Wissenschafterin und Buchautorin Elsbeth Wallnöfer im Gastkommentar.

Tourismus, daran will hoffentlich seit Corona niemand mehr zweifeln, ist eine volkswirtschaftliche Größe, die, ob es uns nun passt oder nicht, ein Heer von Arbeitsplätzen stellt, von der Freiheit zum Reisen und unzähligen Klischees lebt. Tourismus ist nicht minder der Widerschein gesellschaftspolitischer Verhältnisse. Denn wer in einem Staat lebt, der selbstbestimmtes Reisen ermöglicht, lebt in einer Demokratie. Während der Corona-Zäsur war diese Reisefreiheit, damit verbundene Selbstverständlichkeiten, außer Kraft gesetzt. In der Folge trat ans Licht, was man sonst nicht sieht: die Bedeutung personaler Freiheit. Diese Freiheit ist es, die von der Tourismusministerin und vom Kanzler wiederholt durch den Ruf, der exzeptionellen Heimat zu folgen, in revanchistischer Manier aufs Spiel gesetzt wird. Vorsätzlich, um die Gunst der Stunde zu nutzen und um einen tendenziellen New Nationalism unter die Leute zu bringen.

Was ist Heimat? Sicher mehr als nur Landschaft in nationalen Grenzen.
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Gestriges Heimatverständnis

Dazu gehört, mit einem völlig veralteten Heimatbegriff zu operieren. Es sei "ein guter Zeitpunkt, die Heimat zu entdecken", erklärt die Ministerin. Der Kanzler erlaubte sich gar laut zu denken, nur einer handverlesenen Gruppe von Staaten gegenseitige Besuche zu ermöglichen (die Auswahl träfe wohl der Kanzler von der Kanzel herab). Die Idee, einen "Club der Corona-Streber", so ein deutscher Wirtschaftsjournalist, zu gründen, rekurriert auf dieselben Muster wie der affirmative Heimatappell der Ministerin. Dabei ist Heimat innerhalb nationaler Grenzen abgesteckt, ihr "gehören" ausdrücklich nur ethnisch-stammesmäßige Österreicherinnen und Österreicher an, einige wenige bestimmen, wer heimatfähig ist und wer nicht.

Das überholte, weil rein idealisierte Heimatverständnis verdichtet sich in politischen Gesten, diese wiederum richten sich an den Gefühlshaushalt eines diffusen Kollektivs, vorzugsweise auch Volk genannt. Nun ist Heimat erstens ein Los, das man nicht selbst zieht. Zweitens verfügt Heimat über eine lange Geschichte von Leid und Schmerz, weil man der vaterländischen Liebe gar unter Einsatz von Kriegen huldigte, und drittens speist sich der Glaube an Heimat von einer hochidealisierten, romantischen und antisemitischen Sicht auf selbige. Alles garniert mit einem gerüttelt Maß an Pathos. Zur Veranschaulichung dieser Tradition ziehen wir den schlechten Stil des Kanzlers während des Lockdowns, stets nur die "Österreicher und Österreicherinnen" anzusprechen, heran. Dieses sanguinische Selbstverständnis von Heimat offenbart die irrige Annahme, Österreich würde mit dem Blut der Eltern, insbesondere des Vaters, vererbt. Juristen kennen dies als Ius-sanguinis-Denken, das Recht auf einen Reisepass ist mancherorts damit verbunden.

Nationale Hybris

Die solchermaßen aufgeladene Heimat hält keiner Prüfung sozialer Realitäten stand. Die nationale Hybris mit der von Regierungsseite Heimatpolitik unter die Leute gebracht werden will, nimmt zum Vorteil parteipolitischer Kampagnisierung in Kauf, Individuen und ganze Nachbarstaaten vor den Kopf zu stoßen. So verkommt Österreich zu einem katholisch-konservativen Überbleibsel im Stil des 19. Jahrhunderts.

Als ein gewisser Fridolin Plant, Tourismusmanager der ersten Stunde, 1874 im tirolischen Meran die "hübsche Idee [hatte], einen Touristen- oder Alpenball in die Reihe der Carnevalsfeste einzuführen" , leitete er ein, was annähernd 150 Jahre später in einem Höchstmaß an Dekadenz in Ischgl gipfeln sollte: die Inauguration des Produktes Heimat. Diese Erfindung, Heimat zu verscherbeln, funktionierte jedoch nur, weil mit der Verbürgerlichung der Gesellschaft nach der Französischen Revolution, die Entfaltung des Individuums möglich wurde. So wurden die Freiheit des Reisens, dabei die enge Heimat zu verlassen, und die Wahl der Destination ein Gradmesser für Demokratie. Wenn der neue Nationalismus mit einem alten Heimatbegriff Stimmung macht und nur die Österreicher anspricht oder wenn Reisende, deren Ziel nicht Österreich ist, bei der Durchreise wegen einer Pinkelpause in Höhe ihres Monatsgehaltes bestraft werden, widerspricht dies generell dem demokratischen Freiheitsgedanken (und zeugt von mangelndem Organisationstalent).

Gnomige Identitätspolitik

Im Ruf "Entdecke dein eigenes Land: Auf dich wartet ein guter Sommer!" oder mit der Frage nach dem "Heimaturlaub" des Präsidenten (Kaunertalwerbung), aber vor allem mit zwei jungen blonden Menschen mit einer anachronistischen Landkarte in der Hand als Sujet (Österreichwerbung digital), tüftelt man an einer gnomigen Identitätspolitik, deren Konzept es ist, übertriebenen Nationalstolz zu produzieren.

Dabei wäre es so einfach, alle im Lande anzusprechen, die philisterhafte ewige Wiederkehr von Heimatphrasen das sein zu lassen, was sie immer schon waren: ein politisches Ideal, in dem nur Auserwählte Platz finden.

Heimat, verehrte Bundesregierung, ist mehr als nur Landschaft in nationalen Grenzen. Heimat kann der Himmel sein, aber auch die Hölle. Um es unter Zuhilfenahme einer Nobelpreisträgerin zu sagen: Heimat kann recht schnell in einer "Erweiterung des Brauchtums durch Verleumdung" enden. (Elsbeth Wallnöfer, 14.6.2020)