Tausend Euro netto für den Vollzeitjob, knapp über der Armutsgrenze. Das kann und darf in einem Land wie Österreich nicht sein. Am Ende wurde es ein bisschen mehr und Gewerkschaft und die Österreich-Tochter der irischen Ryanair doch handelseins.

Davor sind heftig die Fetzen geflogen. Es ging um Gehaltskürzungen, die in einem neuen Kollektivvertrag festgeschrieben werden sollten. Beide Parteien hatten Zahlen parat, um ihre Argumente zu untermauern. Ryanair-Boss Michael O’Leary polterte lautstark, dass es das dann eben für die Lauda-Basis in Wien gewesen sei, sollte die Gewerkschaft den Bedingungen nicht zustimmen.

Herbe Enttäuschung

Nun ist die Wiener Basis gerettet – fürs Erste. Lucia Strauch hat für sich einen Entschluss gefasst: "Das kann ich mir als Alleinerzieherin nicht leisten, ich suche mir einen anderen Job." Die 46-Jährige ist als Flugbegleiterin erst seit kurzem dabei. Sie wollte fliegen und nicht mehr in einem Büro sitzen. Deswegen hat sie bei der Leiharbeitsfirma Crewlink angeheuert – mit der Karotte vor der Nase, ins Laudamotion-Team wechseln zu können.

Jetzt will sie nichts wie weg. Von der Leiharbeitsfirma zuallererst, am Ende wohl ganz aus der Branche. Der Traumjob wurde schnell zum Albtraum. Die Zulagen und Diäten, mit denen aus dem dürren Basisgehalt bei Flugbegleitern in der Regel doch noch ein Salär wird, mit dem es sich leben lässt, hat sie bisher nicht bekommen. Mit den glamourösen Bildern der Vergangenheit hat ihr Job schon lange nichts mehr gemein.

Bette Nash im Jahr 2017, damals feierte sie 60jähriges Berufsjubliäum.
Foto: APA/AFP/ERIC BARADAT

Hummer auf Porzellantellern, Cocktails, Kuchen und Tee in Silberkannen. Bette Nash erlebte solche Jahre. Die Amerikanerin ist eine Legende in der Branche und gilt als dienstälteste Stewardess der Welt. Ans Aufhören denke sie nicht, sagte sie zumindest noch anlässlich ihres 84. Geburtstages am 31. Dezember des Vorjahres.

Nash hat im Laufe ihres Jahrzehnte währenden Berufslebens eine aufregende Reise erlebt, auch wenn sie seit 1961 und damit die meiste Zeit ihrer Berufslaufbahn für ihren Arbeitgeber American Airlines nur zwischen Washington, D.C., und Boston flog. 1957, im Gründungsjahr der heimischen AUA, begann sie zu fliegen, da war sie 21. Während die AUA unter heftigen Geburtswehen gegründet worden ist, war American Airlines seit Jahren mit internationalen Passagierflügen unterwegs. Nashs Lieblingsstrecke dauert eine Stunde, 30 Minuten.

Dem Spiegel erzählte sie anlässlich ihres 60. Dienstjubiläums 2017, wie ihr Alltag anfangs ausgesehen hat. Damals hat sie von ihrem Chef diamantbesetzte Ohrringe von Tiffany bekommen. Rauchen im Flugzeug war da schon lange passé. Die Erinnerung an andere Zeiten war bei Bette noch frisch: "Nach dem Essen gingen wir mit Zigaretten durch den Gang, Marlboros, Winstons und Kents, natürlich gratis: Eine Marlboro für Reihe 14? Klar! Die Streichhölzer kamen auf einem eigenen Tablett."

Damensache

Hach, muss das schön gewesen sein. Oder? Bette erzählt von damals: "Die Klimaanlagen waren bei weitem nicht so gut wie heute, es war brüllend heiß oder eiskalt. Ich hatte sechs bis neun Landungen und 13-Stunden-Schichten. Vieles, was heute automatisiert ist, musste man mit der Hand machen, das Essen haben wir im Flugzeug zubereitet." Ein Honiglecken war das nicht.

Auch bei der rot-weiß-roten AUA, deren erster kommerzieller Flug am 31. März 1957 von Wien nach London ging, war das nicht anders. Die Flugbegleiterinnen mussten unverheiratet sein und hatten den Luftröhrenschnitt mit dem Kugelschreiber zu beherrschen. Außerdem lernten sie, bei einem epileptischen Anfall die Zunge mittels Sicherheitsnadel zu fixieren. Fliegen war da schon Damensache.

Elegant, fesch, weltgewandt, gute Manieren: Mit diesen Attributen wurde man früher Stewardess.
Foto: Imago / Everett Collection

Knapp drei Jahrzehnte davor war eine Frau als Flugbegleiterin eine echte Sensation. Den Job übten anfangs nur Männer aus, unter anderem deshalb, weil Stewards die Maschinen auch betanken mussten. Am 15. Mai 1930 schrieb Ellen Church als erste Stewardess der Weltgeschichte. Auf dem Flug von Oakland nach Chicago servierte sie nicht nur Kaugummis und Snacks, sondern hatte vor allem die Gemüter der elf Passagiere zu beruhigen.

In den winzigen Verkehrsmaschinen wurden diese häufig kräftig durchgeschüttelt und arg strapaziert. Die ausgebildete Krankenschwester und Hobbypilotin Ellen Church befand, da könnten Fachkräfte hilfreich sein und überzeugte auch die Chefs der damaligen Fluggesellschaft davon. Sie stellten Krankenschwestern ein und bildeten sie zu "Sky Girls" aus. Ein exotischer Traumjob war geboren.

Nur wenige Jahre später trat die 22-jährige Nelly Pflüger bei Swiss Air ihre Stelle als erste Stewardess Europas an. In weißer Schürze servierte die Schweizerin Selbstgekochtes und versuchte, ihre Gäste mit Jodeln von Flugängsten abzulenken.

Begehrter Job

Man wusste, wofür man das alles tat. Man sonnte sich auch im Glanz der Passagiere. Geflogen sind damals die oberen Zehntausend. Fliegen kostete ein Heidengeld. Auf Nashs Pendelstrecke waren häufig die Kennedys unterwegs. Die Passagiere machten sich fürs Fliegen fein, zogen ihre Sonntagskleider an, die Stewardessen taten nichts ohne weiße Handschuhe.

Rot trugen die AUA-Flugbegleiterinnen auch in den 1970er-Jahren.
Foto: AUA

Stewardess sein war ein Traumjob, begehrt und nicht so einfach zu bekommen. "Jeder wollte das machen, der Wettbewerb war riesig. Wir machten Witze, dass wir sogar gratis arbeiten würden, wenn man uns nur nähme", erinnerte sich Bette Nash.

Es waren die Zeiten, als frau in der Luft in Hotpants, weiße hohe Stiefel oder Rollkragenpullover gesteckt wurde. Nicht nur die Passagiere machten sich fein. Ansprechendes Aussehen, gute Umgangsformen, Allgemeinwissen, Fremdsprachen – es gab Zeiten, da kam nur jede hundertste Bewerberin bei den Aufnahmeverfahren durch.

Hohe Ansprüche

Ursula Brückner ist 1987 das erste Mal im Dienste der Lufthansa geflogen. Vielleicht nach Skandinavien, vielleicht nach Deutschland. Gekannt hat sie beides kaum. Europa- und Weltreisen standen da noch nicht auf dem Urlaubsprogramm der Menschen. "Für mich war das schon ein Traumjob. Vor allem weil wir reisen wollten", sagt sie.

Waren es in den 1950er-Jahren oft höhere Töchter, die Stewardessen wurden, versuchte man in den folgenden Jahrzehnten, diesem Bild treu zu bleiben. Brückner musste, ehe ihr Ausbildungslehrgang begann, vier Kilo abspecken. Eine Generation davor wurden Frauen von den Chefstewards noch heimgeschickt, wenn sie zu dick erschienen. Fliegen durfte man bis 32, dann wurde man finanziell abgefertigt und aussortiert.

Rot tragen mittlerweile aber auch die Laudamotion-Damen. Hier gingen einige der Beschäftigten jüngst in Wien auf die Straße, um gegen den Widerstand der Gewerkschaft in Sachen neuer KV zu protestieren.
Foto: Picturedesk.com / Alex Halada

Je erschwinglicher das Fliegen wurde, desto mehr büßte der Traumberuf an Attraktivität ein. Stewards verdienen heute brutto so viel wie früher netto, die Einstiegsgehälter sind unabhängig davon, ob der Arbeitgeber eine Billigairline ist oder nicht, dürr. Zunehmend kamen mit dem Aufkommen der Billigflieger leistungsabhängige Komponenten beim Gehalt und Zeitdruck und Stress im Arbeitsalltag dazu.

Es wird härter

Ursula Brückner konnte in den 1990er-Jahren noch so manche freien Tage in irgendeiner Stadt auf der Welt genießen. Heute müsse viel mehr geflogen werden, ans Übernachtungsziel komme man oft spätabends, zu Mittag gehe es schon wieder los. Bereut hat Brückner ihre Berufswahl trotzdem nicht. Es sei immer etwas Besonderes mit den Kollegen und Kolleginnen gewesen, "das Allerschönste", wie sie sagt.

Für die Dauer der Reise redete man sich Dinge von der Seele. "Wir wissen, dass wir uns vielleicht nie wieder sehen, das ist Therapie auf der Crewbank." Einen Unterschied zu früher gebe es: "Die Passagiere sind anstrengender und erwarten viel für wenig Geld."

Jonas B. will nicht mit seinem richtigen Namen in der Zeitung stehen. Der 24-Jährige hat, wie seine Kollegin Lucia Strauch, dem neuen KV bei Laudamotion nicht zugestimmt und sieht sich jetzt auf der Abschussliste. B. rechnet aber ohnehin über kurz oder lang mit einem Aus für die Basis Wien. "Wenn der Mindestticketpreis kommt, wird wohl zugesperrt." Ryanair-Chef Michael O’Leary sei nicht dafür bekannt, lange zu fackeln, wenn ihm die Bedingungen nicht passen. Dann säßen alle erst recht auf der Straße.

Mit noch weniger Arbeitslosengeld. (Regina Bruckner, 13.6.2020)