In der Serie alles gut? denkt STANDARD-Redakteur Andreas Sator über eine bessere Welt nach – und darüber, welchen Beitrag er leisten kann. Melden Sie sich hier für seinen kostenlosen Newsletter an.

Man kann diese Geschichte aus zwei Perspektiven erzählen. Da ist einmal die Geschichte eines Landes, das mit Wasserkraft gesegnet ist, aber den Umstieg auf andere Erneuerbare verschlafen hat. Ein Land mit einer Geschichte, in der Klimapolitik meist nur Lippenbekenntnis war. Man kann aber auch die Geschichte einer Revolution erzählen, die sich hinter den Kulissen abspielt. Eine Revolution, die hierzulande bislang noch wenig mit Politik zu tun hat. Am besten ist, man erzählt sie beide. Vorhang auf.

Die Photovoltaik ist vom Nischen- zum Massenmarkt gereift.
Foto: Reuters / Mike Blake

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Fangen wir mit der Revolution an. Vor 20 Jahren war die Sonne die teuerste Energiequelle der Welt. Heute ist sie die billigste. Das liegt daran, dass die Photovoltaik (PV) vom kleinen Nischenmarkt für Ökos zum kommerziellen Massenmarkt geworden ist. In Abu Dhabi wird eine riesige Solaranlage gebaut, die Strom für etwas mehr als einen Cent pro Kilowattstunde produziert.

"Ein Gaskraftwerk kostet fast zehn Mal so viel", sagt Hubert Fechner, Gründer der Technologieplattform für Photovoltaik, einem Zusammenschluss von Unternehmen und Forschungseinrichtungen. Das geht so billig, weil viel Sonne und billiges Land da ist, und riesige Anlagen billiger sind. Das ist keine exotische Ausnahme, die Kosten für Photovoltaik sind auch sonst massiv gefallen.

Auch in Österreich. Die typische PV-Anlage, die ein Häuslbauer auf dem Dach hat, ist in nur zehn Jahren um 68 Prozent günstiger geworden. Das kommt gerade noch rechtzeitig, denn die Klimakrise droht zu eskalieren. Um sie einzudämmen, muss unser Strom grün werden – heißt weg von fossiler Energie – und dann brauchen wir auch noch massiv mehr davon, weil wir damit künftig Autos tanken und Häuser heizen und nicht mehr nur unsere Fernseher betreiben.

Von der PV-Revolution ist in Österreich aber wenig zu sehen. Dafür braucht es eigentlich keine Statistik, man muss nur auf die Dächer und Wiesen blicken. Die Statistik: 2,6 Prozent des Stroms kamen 2019 von der Sonne. Pro Kopf gibt es in Deutschland drei Mal mehr Anlagen, in den Niederlanden und in Belgien doppelt so viele. Wer mit Auskennern spricht, bekommt dafür immer wieder dieselbe Erklärung.

Schuld ist eine Mischung aus Unwissen und Unwillen in der Politik. Förderungen, die man ab dem 1. Jänner beantragen konnte und die am 1. Jänner ausgeschöpft waren. Unklarheit, was nächstes Jahr mit wie viel Geld gefördert wird. Auch die Wasserkraft, die 60 Prozent des Stroms produziert, ist mit schuld. Strom war hierzulande immer schon großteils erneuerbar.

Das Ergebnis: "Neue Erneuerbare", wie Wind und Sonne, wurden verschlafen. Der Vergleich mit Deutschland erschüttert: Seit 1994 ist der Anteil der Erneuerbaren am Stomverbrauch in Österreich von 77 auf 72 Prozent gesunken. In Deutschland von 4 auf 40 Prozent gestiegen.

Die sichtbare Hand des Staates

Und jetzt? Wenn Photovoltaik heute die billigste Energiequelle sein kann, können wir uns ja zurück lehnen. Das regelt der Markt schon von alleine. Oder? Nein, denn der Energiemarkt ist alles andere als das, was Ökonominnen und Ökonomen einen "effizienten" Markt nennen würden.

Es gibt ein paar große Energieversorger, Konsumenten mit relativ wenig Durchblick – welchen Stellenwert hat die Stromrechnung bei Ihnen? – und, noch wichtiger, die Politik werkelt in fast allen Energieprojekten mit. Ob das Wasserkraft ist, Erdgasleitungen oder, in anderen Ländern, Atomkraftwerke, der Staat hat seine Finger im Spiel. Fossile Energien werden in Österreich laut Wirtschaftsforschern indirekt mit vier bis fünf Milliarden Euro im Jahr subventioniert. Von alleine, mit der unsichtbaren Hand des Marktes, wird das nichts.

Ehrlichere Kosten

Was ist also zu tun?

Der einfache Weg, der aber politisch kaum durchzusetzen ist: Legen wir die "wahren" Kosten auf den Tisch. Die fossilen Subventionen würden fallen, und die Schäden, die Kohle, Öl und Gas für Klima, Luft und Gesundheit anrichten, mit einer deftigen CO2-Steuer jenseits von 100 Euro pro Tonne eingepreist. "Mit Kostenwahrheit geht die Photovoltaik durch die Decke", sagt Cornelia Daniel, die PV-Projekte für Unternehmen abwickelt.

Eine CO2-Abgabe ist im Regierungsprogramm für 2022 angekündigt, sie wird wohl erst einmal niedrig ausfallen, den Subventionen geht es kaum an den Kragen. Kostenwahrheit ist also so schnell nicht absehbar. "Schnell" ist aber wichtig, denn uns läuft im Kampf gegen den Klimawandel die Zeit davon.

Regierungsprogramm macht Hoffnung

Trotzdem sind Experten so positiv gestimmt wie nie zuvor, dass Österreichs Energiewende endlich Fahrt aufnimmt. Das türkisgrüne Regierungsprogramm gibt Hoffnung. "Was derzeit in Planung ist, geht sehr in die richtige Richtung", sagt Gustav Resch von der TU Wien.

Am besten lässt sich die Herausforderung in zwei Blöcke gliedern. In kleine PV-Anlagen und in große. Beginnen wir mit den kleinen. Schon heute rechnet sich eine durchschnittliche PV-Anlage am Dach in zehn bis 15 Jahren, die Anlage hält aber 25 bis 30 Jahre und liefert bis dahin kostenlos Strom. Es bauen aber noch zu wenige, weil PV noch immer ein teures Image hat, sagt die Solar-Beraterin Daniel. Es brauche einen Schubser. Das 1-Million-Dächer-Programm der Regierung halten Experten für so einen Schubser. Es soll für weniger Bürokratie und deutlich mehr Förderungen für PV sorgen.

Meistens geben Dächer viel mehr an Fläche für PV her, als letztendlich gebaut wird.
Foto: dpa/Armin Weigel

Es gibt aber nicht nur zu wenige PV-Anlagen auf Dächern von Häusern, sondern auch zu kleine. Photovoltaik zahlt sich derzeit vor allem dann aus, wenn man für den Eigenbedarf produziert. Scheint die Sonne und man ist nicht daheim, wird der Strom zu mickrigen Preisen ins Netz eingespeist. Das zahlt sich nicht aus und darum sind PV-Anlagen bei weitem nicht so groß, wie es die Dächer eigentlich hergeben würden.

Weil Österreich 100% Strom aus erneuerbaren Energien möchte, ist dieser Anreiz aber kontraproduktiv. Die Regierung plant deshalb Energiegemeinschaften. Sie sollen rechtlich möglich machen, dass PV-Strom von Haushalten an unterschiedlichen Orten geteilt und gehandelt werden kann. "Das ist ein wichtiges Puzzleteil", sagt Gustav Resch.

Hubert Fechner geht noch einen Schritt weiter: Er fordert eine PV-Pflicht für neu gebaute Häuser. In Wien gibt es das, andere Bundesländer sollten nachziehen. "Es ist keine Belastung mehr, man kommt damit ins Plus. Man muss die Leute zu ihrem Glück zwingen."

Kleiner Kniff für Firmen-PV

Auch für viele Firmen würde sich die Photovoltaik-Anlage auf der Industriehalle rechnen, sagt Daniel. Das Problem sei, dass große Firmen nicht so weit in die Zukunft denken. "Was sich nicht in fünf Jahren rechnet, wird nicht gemacht." Eine PV-Anlage kostet aber zuerst einmal Geld, das man erst nach Jahren wieder hereinbringt.

Das lasse sich aber mit einem kleinen Kniff ändern: Man müsste den Firmen nur möglich machen, die PV-Anlage innerhalb von fünf Jahren von der Steuer abzuschreiben. In Italien ist das unlängst gesetzlich geregelt worden. In Österreich stand das auch als Teil des Corona-Pakets zur Debatte, schaffte es am Ende aber nicht hinein.

Teil des Pakets sind 260 Millionen Euro geworden, die 2021 und 2022 für Erneuerbare zusätzlich ausgegeben werden sollen. Wie viel davon auf Photovoltaik fällt, konnte auf Anfrage nicht beantwortet werden. Unabhängig davon sind durch das Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz (EAG) ab 2021 eine Milliarde Euro pro Jahr für Erneuerbare vorgesehen.

Eine PV-Anlage auf der grünen Wiese bei Mesolongi in Mittelgriechenland.
Foto: Imago / Antonis Nikolopoulos

Wenn Österreich klimaneutral werden möchte, reicht PV auf Gebäuden nicht. Es braucht auch größere Anlagen, auf Parkplätzen vor Einkaufszentren, neben Autobahnen oder auf der grünen Wiese. Würde man nur die Hälfte der Großparkplätze überdachen und PV-Anlagen darauf installieren, wäre das knapp 40 Prozent von dem, was es bis 2030 braucht. Das hätte den netten Nebeneffekt, das Autos im Schatten stehen. "Die kosten aber noch doppelt so viel wie auf dem Dach", sagt Solarberaterin Daniel, "das müsste man höher fördern."

Zur Größenordnung ein paar Zahlen. 2019 sind in Österreich 250 Megawatt an PV gebaut worden. Das ist der erste Anstieg seit vielen Jahren, zuletzt stagnierte der Ausbau. Bis 2050 müssen jedes Jahr 600 bis 1000 Megawatt im Jahr gebaut werden. Und da geht es jetzt nur um PV, es braucht auch mehr Wind- und Wasserkraft.

Um diese Ziele zu erreichen, "muss man in die Fläche gehen", sagt Hubert Fechner. Wichtig sei aber, nicht sofort die Wiesen vollzubauen, sondern zuerst die Potenziale zu nutzen, die es auf schon versiegelter Fläche gibt. Langfristig wird es aber ohne nicht gehen, das sehen auch Umweltschützer beim WWF so.

Dafür braucht es in Österreich auch die Bundesländer, die Bauordnungen ändern, und Gemeinden, die Flächen umwidmen müssen. "Man könnte Gemeinden etwa dazu verpflichten, dass sie einen gewissen Anteil als Energiefläche widmen müssen", sagt Daniel.

Österreich steht vor einem Mammutprojekt, das das Land mindestens eine Generation lang beschäftigen wird. Energie wird lokal produziert, nicht aus Russland oder Saudi Arabien importiert. Das ist nachhaltiger und macht unabhängiger vom Gutdünken von Konzernen und Autokraten. Es wird aber auch die Landschaft verändern.

Technisch und ökonomisch ist die Photovoltaik bereit, wie auch andere Erneuerbare. Erste wichtige politische Schritte dürften kommen, weitere müssen folgen, so Experten. "Ein paar mutige Entscheidungen, mehr braucht es nicht, damit die PV abhebt", sagt Fechner.

Wenn Ihnen der Beitrag gefallen hat, melden Sie sich für den Newsletter an. Ich schreibe Ihnen, wenn im Rahmen der Serie ein neuer erscheint. (Andreas Sator, 21.6.2020)